1. FC Nürnberg:Fantasie-Elf auf der Fußmatte

02.10.2021 - Fussball - Saison 2021 2022 - 2. Fussball - Bundesliga - 09. Spieltag: 1. FC Nürnberg FCN ( Club ) - Hanno

Gefühls-Umleitung: Schiedsrichter Tobias Reichel zeigt Nikola Dovedan (Nummer 10) Gelb-Rot und zieht jenen Unmut des Publikums auf sich, den zuvor schon die Nürnberger Mannschaft provoziert hatte.

(Foto: Daniel Marr/Sportfoto Zink/imago)

Beim 0:0 gegen Hannover mutet der Club seinen Fans eine Menge zu - dennoch ist die Botschaft des Spiels eine positive: Die Mannschaft ist gefestigt genug, um schlechte Phasen zu überstehen.

Von Sebastian Leisgang

Die Fußmatte in der Interviewzone des Max-Morlock-Stadions hat schon eine ganze Menge erlebt. Man muss gar nicht so weit zurückgehen, um zu erzählen, was die Fußmatte schon alles mitgemacht hat, im Grunde genügt es schon, sich mit den vergangenen Wochen zu befassen. Es ist ja noch nicht lange her, dass Mats Möller Daehli mit Badelatschen und hochgekrempelter Hose auf diese Fußmatte stieg und die Fragen der Journalisten beantwortete. Möller Daehli sah so lässig aus wie ein Bademeister und war fast genauso gut gelaunt wie Hanno Behrens, der mittlerweile gar nicht mehr in der Stadt wohnt, aber immer noch so beliebt ist, dass auch er die Fußmatte betreten durfte, als er mit Hansa Rostock ins Max-Morlock-Stadion zurückkehrte.

Am späten Samstagabend war es dann Christopher Schindler, der sich nach dem 0:0 gegen Hannover 96 auf diese Fußmatte stellte, auf die sich die Spieler des 1. FC Nürnberg immer stellen, wenn sie den Reportern nach einem Spiel Auskunft geben. Fußmatten können einem ein bisschen leid tun, meistens werden sie ja nicht besonders gut behandelt von den Leuten, doch Schindler ging recht milde mit der Matte um. Das, was Nürnbergs Innenverteidiger zu sagen hatte, war allerdings so deutlich, dass nur noch gefehlt hätte, dass er auf die Matte stampft.

Nach gerade mal 20 Minuten schickt Trainer Klauß vier Einwechselspieler zum Aufwärmen

Schindler, 31, sprach zwar mit ruhiger Stimme, er scheute aber nicht davor zurück, klare Worte zu formulieren. "Wir haben die Zuschauer in unserem eigenen Stadion gegen uns aufgebracht", sagte er beispielsweise. Oder: "Das Problem war, dass wir so viele Fehlpässe gespielt haben, dass wir wie gelähmt waren. Jeder hat gedacht: Verdammt, wir sind überhaupt nicht im Spiel."

All das musste sich die Fußmatte anhören, sie kam dann allerdings ebenso unversehrt davon wie Schiedsrichter Tobias Reichel, zu dem Schindler meinte, er sei "am Ende des Tages auch nur ein Mensch". Reichel hatte Nikola Dovedan gut zehn Minuten vor Schluss mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen und sich damit jenen Unmut des Publikums auf sich gezogen, den zuvor schon die Nürnberger Mannschaft mit einer denkbar schlechten Anfangsphase provoziert hatte. Das Spiel war gerade mal 20 Minuten alt, als Trainer Robert Klauß vier seiner neun Einwechselspieler zum Aufwärmen schickte und einige Fans draußen im Stadion derart laut pfiffen, dass es drinnen in der Interviewzone wahrscheinlich sogar die Matte mitbekam.

Die ersten 30 Minuten erzählten allerdings weniger über die gegenwärtige Lage beim Club als die darauffolgenden 60, denn das war ja die positive Botschaft dieses Spiels: Nach einem Beginn, der derart schwach war, dass Schindler später sogar die Worte "Es tut mir leid" aussprach, hatte sich Nürnberg zurückgemeldet und war dem Sieg in der zweiten Hälfte deutlich näher als Hannover. Die Reaktion, die der Club gezeigt hatte, konnte sich nicht nur sehen, sondern auch hören lassen: Am Ende verabschiedeten die Fans ihre Mannschaft mit Applaus.

"Wir müssen besser werden, wenn wir das Spiel machen müssen", stellt Schindler fest

Wenig später stand Christian Mathenia bei den Journalisten auf der Matte und wurde danach gefragt, ob sich der Spielverlauf auch als Beleg der Nürnberger Entwicklung interpretieren lasse - die Mannschaft habe sich ja am eigenen Schopfe aus dem Tief gezogen. Mathenia, 29, brauchte nicht viele Worte für seine Antwort, er beließ es bei: "Wir sind stabilisiert, das passt."

Das war also die Geschichte des Spiels: Der Club ist mittlerweile so gefestigt, dass ihm weder 30 schlechte Minuten etwas anhaben können noch ein Platzverweis oder so manche unglückliche Entscheidung des Schiedsrichters.

Nach nun neun Spielen gehen die Nürnberger als einzige noch ungeschlagene Mannschaft in die nächste Länderspielpause. Da stehe es dann auch auf der Agenda, wie Schindler sagte, "einen Balanceakt" zu meistern, denn bislang geht die defensive Stabilität noch zu häufig auf Kosten der Spielkultur. "Wir müssen besser werden, wenn wir das Spiel machen müssen", stellte Schindler fest, wohlwissend, dass das in Zukunft immer häufiger auf den Club zukommen könnte.

Noch ist Nürnberg ja bloß eine von mehreren Mannschaften, die bislang ganz gut durch die Saison kommen - man hat aber schon das Gefühl, dass da noch einiges rauszuholen ist am Valznerweiher. Bis das gelingt, bleibt der Club erstmal eine Fantasie-Elf. Man kann sich mittlerweile ja ziemlich schön ausmalen, wohin das alles führen könnte, wenn Schindler irgendwann keinen Grund mehr hat, "Es tut mir leid" zu sagen.

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