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1. FC Nürnberg:Einschwimmen fürs Seepferdchen

Vor dem Derby gegen Regensburg ist die Ungewissheit groß, was den Club in dieser Saison erwartet. Vieles hängt dabei auch von Robin Hack ab.

Von Thomas Gröbner

Der Verein "Nürnberger Dauerwelle" kommt mit seiner Idee leider ein wenig zu spät. Die künstliche Welle, die im Nürnberger Westen am Fuchsloch entstehen soll, die wird den 1. FC Nürnberg nicht tragen durch diese Zweitliga-Saison. Nürnbergs Trainer Robert Klauß hält ja vor dem ersten Saisonspiel am Freitag gegen Jahn Regensburg (18:30 Uhr) Ausschau nach einer Woge "auf der wir schwimmen können." Er wird weiter Ausschau halten müssen.

Selten war die Ungewissheit in Nürnberg größer vor einer Spielzeit. Wie gut ist die eigene Mannschaft eigentlich? Und wie stark sind die Gegner? Ein Saisonziel zu formulieren, das traut sich in Nürnberg noch niemand. Drei Wochen will Klauß die Zehen vorsichtig ins Wasser halten, um "bestimmte Strömungen" zu erkennen in der Liga, wie der 35-Jährige auf der Pressekonferenz am Donnerstag sagte. Und dann erst die Vorgabe formulieren, an der er auch gemessen werden will. Es sind drei Wochen, in denen viel passieren kann. So lange wird am Transfermarkt um die Ablösesummen gefeilscht, bis zum 5. Oktober ist das sogenannte Transferfenster sperrangelweit offen. Und angesichts der Unsicherheiten, die der Spielbetrieb während der Corona-Pandemie mit sich bringt, spekulieren viele Vereine bis zum Schluss auf fallende Preise, auch mit dem Risiko, den Kader erst mitten im Ligabetrieb fertig zu zimmern. Zumindest einen ersten Hinweis auf die Nürnberger Verfassung wird es beim Ligastart am Freitagabend geben, unter Flutlicht, vor den Augen von 3042 Regensburger Zuschauer und gegen eine Jahn-Mannschaft, die für gewöhnlich mit Härte und Hingabe die Liga aufmischt. "Wir können gleich sehen, wie weit wir schon sind, was die Tugenden betrifft, die wir in der zweiten Liga brauchen", glaubt Klauß. Denn keine Mannschaft verwickelt ihre Gegner häufiger in Scharmützel als die Regensburger, was in der Fußballfachsprache gerne "eklig" heißt, und was ja durchaus auch ein Kompliment sein kann. Mit den Regensburger Anhängern im Stadion, werde es "sich nicht wie ein Testspiel anfühlen, sondern nach Wettkampf", weil "Situationen bewertet werden von Zuschauern", glaubt Klauß. Und das Echo von den Rängen bräuchten ja einige Mannschaften, inklusive wohl seine eigene. Denn beim Auftritt vergangene Woche im leeren Max-Morlock-Stadion im DFB-Pokal gegen Leipzig vermisste Klauß gerade die einfachen Dinge: den Willen, den Mut, und ja, auch ein wenig eklig hätten die Nürnberger sein dürfen im Duell mit den alten Weggefährten ihres Trainers. Am Ende war es kein richtiger Wettkampf, sondern ein "außergewöhnliches Ereignis", wie es Klauß nannte, so, als wäre eine Monsterwelle über den Nürnbergern zusammengeschlagen. Echte Rückschlüsse auf den Ligaalltag ließ dieses 0:3 nicht zu. Dabei ist die zweite Liga ja eigentlich ein Gewässer, in dem sich der Club gut auskennen sollte, man paddelt hier schon seit sechs Jahren herum, länger, als man es nach dem eigenen Selbstverständnis als neunmaliger deutscher Meister eigentlich tun sollte. Nur kurz war die Zeit unterbrochen vom eher zufälligen Aufstieg unter Trainer Michael Köllner vor zwei Jahren, als man auch dank der Schwächen der Konkurrenz in die Bundesliga gespült wurde, aber kaum die Reife für das Seepferdchen nachweisen konnte. Mit Offensivfußball und viel Hurra ging der Club reihenweise unter - und stieg am Ende ab. Dann folgte diese denkwürdige Saison 2019/2020, in der Günther Kochs Sätze aus der Bundesliga-Schlusskonferenz mit der Einleitung "Hallo, hier ist Nürnberg - Wir melden uns vom Abgrund" wieder aus den Archiven gekramt wurden. Denn der Abgrund war zurück, und mit ihm der Schauer von 1999. Nun, nach der Rettung in der Relegation, folgt ein Neuanfang. Neuer Trainer, neuer Sportdirektor und sechs Zugänge aus anderen Klubs, damit wenigstens das Seepferdchen abgelegt werden kann, vielleicht auch der Freischwimmer. Zum Auftakt wird aber einer der Schlüsselspieler fehlen, Angreifer Manuel Schäffler laboriert an einer Entzündung im Knie. Auch für Außenbahnspieler Virgil Misidjan, über ein Jahr verletzt, dürfte das Spiel gegen Regensburg noch zu früh kommen, "es fehlt noch viel zu seiner alten Leistungsfähigkeit", glaubt Klauß. "Fast fertig" sei der Kader, doch einiges dürfte abhängen von einem jungen Mann mit den vielleicht begabtesten Füßen im Kader: Robin Hack.

12.09.2020 - Fussball - Saison 2020 2021 - DFB Pokal Vereinspokal - 01. Runde: 1. FC Nürnberg Nuernberg FCN ( Club ) - R

Bleibt er? Geht er? Wenn ja: Wie teuer ist er? Nürnbergs Robin Hack (rechts) wird umworben vom 1. FC Köln.

(Foto: Daniel Marr/imago)

Der 22-Jährige wird seit Wochen umworben, und glaubt man den Meldungen aus Köln, war der FC sich mit dem Spieler einig, aber der Club unzufrieden mit dem Angebot. Hick-Hack um Hack, titelte der Boulevard schon, es ist ein Poker um Millionen, der sich noch bis zu drei Wochen hinziehen kann. Fast demonstrativ lobt Klauß nun die Trainingsleistung Hacks, wohl auch, weil er weiß, dass die Lustlosigkeit nicht verborgen geblieben ist, die der Hochbegabte zuletzt an den Tag legte. Sein Trainer beteuert: "Er hat Bock hier zu spielen."

© SZ vom 18.09.2020

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