1. FC Nürnberg:Ein schwerfälliger Tag

13.10.2019 - Fussball - 1. FC Nürnberg Nuernberg FCN ( Club ) - Mitgliederversammlung / Jahreshauptversammlung / JHV 201; grethlein

Enttäuscht vom Votum der Mitglieder: Thomas Grethlein.

(Foto: Daniel Marr/Zink/imago)

"Wir haben die Risiken im Verein, die wir gerne draußen gehabt hätten": Die Mitglieder des 1. FC Nürnberg verweigern auf der fast zehnstündigen virtuellen Jahreshauptversammlung die Gründung einer Vermarktungs-GmbH - für Aufsichtsratschef Grethlein "ein echtes Problem".

Von Markus Schäflein

Um 11 Uhr begann am Samstag die virtuelle Mitgliederversammlung des Fußball-Zweitligisten 1. FC Nürnberg, zur Mittagszeit wurde Dirk Schlünz vorgestellt. Der 49-Jährige hat schon den FC St. Pauli in die Eigenvermarktung geführt, Selbiges soll er nun beim Club tun, nach der Kündigung des Vertrags mit dem Vermarkter Sportfive. Am Abend, kurz vor 21 Uhr, stand nach der fast zehnstündigen Marathonveranstaltung jedoch fest: Die Firma, die Schlünz leiten soll, wird es vorerst nicht geben. Die rund 1000 noch anwesenden Mitglieder verweigerten der Satzungsänderung, die "die Gründung von Gesellschaften und den Erwerb, die Verwaltung und die Verwertung von Gesellschaften und Beteiligungen" ermöglichen sollte, knapp die erforderliche Dreiviertelmehrheit. Somit kann keine Vermarktungs-GmbH gegründet werden.

Das empfand Finanzvorstand Niels Rossow selbstredend als "höchst unbefriedigend". Er hatte stets betont, dass an der neuen Firma maximal 25 Prozent veräußert werden soll - im Satzungstext fixiert war dies nicht. "Wir wollten es generell halten und wollten Flexibilität haben", erklärt Aufsichtsratschef Thomas Grethlein. Dem traute gut ein Viertel der Mitglieder offenbar nicht. Dass die Vermarktungs-GmbH scheiterte, sei ein "echtes Problem", sagt Grethlein: "Wir haben die Risiken im Verein, die wir gerne draußen gehabt hätten."

Die Sonderkündigung des Sportfive-Vertrags durch die Abstandszahlung hatte zusätzlich auf das ohnehin miese Corona-Geschäftsjahr 2020/21 durchgeschlagen. Insgesamt stand ein operativer Jahresfehlbetrag von 9,4 Millionen Euro zu Buche, Einbußen gab es mangels Zuschauern bei den Spielerträgen (-8,3 Mio.), wegen des schlechten Abschneidens aber auch bei den TV-Geldern (-2,6 Mio.) sowie den Transfererträgen (-10 Mio.). Das Eigenkapital verringerte sich auf 1,0 Millionen Euro. Nur dank großer Kostenersparnisse etwa im "Personalaufwand Spielbetrieb" habe der FCN sein Eigenkapital im Positiven halten können, sagte Rossow.

"Wir sagen ja nicht, lassen wir mal eine Saison den Ronaldo bei uns spielen, und dann sind wir den Valznerweiher los."

Es war der lange Tag der reihenweise durchgefallenen Satzungsänderungen - wobei auch vieles zum Gefallen von Vorstand und Aufsichtsräten scheiterte. Etwa der Antrag, dass die Mitgliederversammlung Grundstücksgeschäfte des Vorstands kontrollieren solle - bisher tut dies der Aufsichtsrat: 62 Prozent, Dreiviertelmehrheit verfehlt. "Wir werden im Wettbewerb immer schwerfälliger, wenn weitere Bereiche der Zuständigkeit an die Mitglieder geben", hatte Grethlein gemahnt, Ehrenpräsident Michael A. Roth meldete sich als Überraschungsgast und vermutete, dass "das Tafelsiber des 1. FC Nürnberg erneut angegriffen" werde. 90 000 Quadratmeter Grund, laut Antragsteller Gerd Lederer mit einem Wert von geschätzt 250 Millionen Euro, besitzt der Club.

"Die Rede vom Tafelsilber ist total verfehlt", konterte Grethlein und beteuerte: "Wir sagen ja nicht, lassen wir mal eine Saison den Ronaldo bei uns spielen, und dann sind wir den Valznerweiher los." Sollte der Club etwa Teile des Grundstücks verkaufen, um sich an der Betriebsgesellschaft eines neuen Stadions zu beteiligen, ginge Kapital aus einem Immobilienbesitz in einen anderen: "Wenn mittelfristig etwas mit dem Stadion passieren soll, macht es Sinn, dass wir uns signifikant daran beteiligen - beziehungsweise macht die Stadt alleine wohl sowieso nichts." Dass das Max-Morlock-Stadion "in jetziger Form nicht zukunftsfähig" sei, hatte auch Rossow betont.

Mit knapp 25 Prozent Ja-Stimmen wurde auch ein Antrag des früheren Aufsichtsrats Günther Koch abgelehnt, wonach das neunköpfige Gremium künftig "mindestens eine Frau" aufweisen solle. "Ich bin nicht frauenfeindlich", betonte Grethlein, "ich habe mich schon mit verschiedenen Frauen aus der Wirtschaft unterhalten und versucht, sie für uns zu gewinnen." Die Satzungsänderung sei aber abzulehnen, denn es könne ja vorkommen, dass sich keine oder zumindest keine geeignete Kandidatin finde. Grethlein versprach aber: "Ich werde auch weiterhin Frauen ansprechen, ich habe sogar noch eine in der Hinterhand."

In der Hinterhand bleibt auch die Vermarktungs-GmbH. "Man muss jetzt schauen, wie es weitergeht - eigentlich bräuchten wir sie übermorgen", sagt Grethlein. "Wir müssen prüfen, ob wir noch ein Jahr warten können." Eine außerordentliche Mitgliederversammlung, um noch einmal um die 75 Prozent zu werben, wäre denkbar - aber "das sind ja nicht unerhebliche Kosten".

© SZ/lib
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