1. FC Nürnberg:Der Musterschüler

23.10.2021 - Fussball - Saison 2021 2022 - 2. Fussball - Bundesliga - 11. Spieltag: 1. FC Nürnberg FCN ( Club ) - FC Hei

"Der Schritt nach Nürnberg war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte", sagt Tom Krauß, hier beim jüngsten Sieg gegen Heidenheim.

(Foto: Daniel Marr/imago images/Zink)

Nürnbergs Mittelfeldspieler Tom Krauß steht zwar erst am Anfang seiner Karriere, doch es hat einiges gebraucht, um dorthin zu kommen. Über einen, der sich vor allem über eines definiert: Arbeit.

Von Sebastian Leisgang

Einkaufen zum Beispiel, mittlerweile macht Tom Krauß auch sowas selbst. Mag schon sein, dass das trivial klingt, irgendwie profan, doch es gibt ja tatsächlich Fußballer, die bei Kohl allenfalls an den Altkanzler denken und bei Hack an einen Spieler, der vergangene Saison noch in Nürnberg war und mittlerweile für Arminia Bielefeld auf dem Platz steht.

Es ist ein sonniger Tag, Tom Krauß sitzt zur Mittagszeit in einem kleinen Besprechungsraum auf dem Trainingsgelände des 1. FC Nürnberg und spricht über sich und die bisherige Saison. Was davon zu halten ist, dass der Club kein einziges der ersten elf Spiele verloren hat? "Wir haben nicht immer überragend gespielt, aber jeder Punkt ist hart erarbeitet." Was ihn selbst als Fußballer ausmacht? "Ich war nie der, der rausgestochen ist. Es gab immer welche, die besser waren als ich, aber ich habe nie aufgehört, an mir zu arbeiten."

Andere waren ihm oft einen Schritt voraus, doch Krauß blieb beharrlich

Krauß ist ein ziemlich geradliniger Mensch, man merkt das schon nach ein paar Minuten, wenn man mit ihm einen Tisch teilt. Krauß hat ein kindliches Gesicht, er ist erst 20, die Leute vergessen das manchmal, weil er so schnell mit seinen Aufgaben gewachsen ist. Als Krauß vor gut einem Jahr nach Nürnberg kam, musste er sich ja erstmal einen Namen machen. Er musste das tun, was er schon in Leipzig getan hatte, dort, wo er aufgewachsen ist: Krauß musste sich hocharbeiten. Und, auch das spielte eine größere Rolle, als man auf den ersten Blick vielleicht denkt: Er musste einkaufen. Krauß nimmt das gerne als Beispiel her, wenn es darum geht, zu erklären, was ihm der Wechsel nach Nürnberg gebracht hat.

Selbst einzukaufen, das heißt ja auch: für sich zu sorgen, selbst zu entscheiden oder, wenn man es mal recht weit oben einhängen will: sein Leben in die Hand zu nehmen.

"Der Schritt nach Nürnberg war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich hätte nie gedacht, dass es hier so gut läuft", sagt Krauß. Er meint das nicht nur aus sportlicher Sicht, doch auch auf dem Feld ist er mittlerweile ein anderer, als er noch im August Zwanzigzwanzig war. Krauß kam damals zwar nicht nach Nürnberg, um von Montag bis Freitag bloß den Ballsack auf den Trainingsplatz zu tragen und es sich dann am Wochenende auf der Tribüne bequem zu machen - dass er aber derart oft auf dem Rasen stehen würde, das war bei seinem Wechsel nicht abzusehen.

Eifer und Talent, es braucht immer beides, um oben anzukommen, nicht viele wissen das besser als Krauß. Andere waren ihm früher oft einen Schritt voraus, doch Krauß war so beharrlich, dass er als Musterschüler durchging. Er spielte in sämtlichen Jugendnationalmannschaften, und mittlerweile kann er Sachen, von denen er selbst nicht geglaubt hat, dass er sie irgendwann mal können würde. Krauß rennt jetzt zum Beispiel, wie das Mittelfeldspieler heutzutage eben machen, von Strafraum zu Strafraum, sein Trainer Robert Klauß würde sagen: von Box zu Box. "Am Anfang war ich nur die Pressingmaschine", sagt Krauß im Besprechungsraum.

"Schwer zu sagen, ob ich bereit für die Bundesliga wäre", meint Krauß, der von RB Leipzig ausgeliehen ist

Das ist es, worüber er sich nach wie vor definiert, drüben, auf dem Rasen im Max-Morlock-Stadion, das nur ein paar Flugbälle vom Valznerweiher entfernt ist. Krauß hat sein Repertoire erweitert, das schon, in erster Linie ist er aber immer noch ein Gegen-den-Ball-Spieler. Gerade deshalb ist er so wertvoll fürs Nürnberger Mittelfeld, das er sich in aller Regel mit Johannes Geis, Mats Möller Daehli und Lino Tempelmann teilt. Geis ist die ordnende Hand, ein weitgereister Mann, der schon so lange dabei ist, dass er mit einem Verein namens Schalke 04 angeblich mal in der Europa League gespielt hat. An seiner Seite bringt Möller Daehli, der Wusler, Ideen ein, und Tempelmann, der Wilde, tut sich mit seiner Dynamik hervor.

Krauß ist nicht so strategisch wie Geis, nicht so feingliedrig wie Möller Daehli, nicht so flink wie Tempelmann, doch er ist hartnäckig, robust und gut zu Fuß. Seit Krauß in Nürnberg ist, geht es nur in eine Richtung: hoch hinaus.

Für zwei Jahre ist er ausgeliehen. Schon jetzt hat sich die Verabredung für Krauß, den Club und RB Leipzig gelohnt. Ob er am Saisonende wieder zurückgeht? Ob er überhaupt schon so weit ist, um sich auch ganz oben durchzusetzen? "Schwer zu sagen, ob ich bereit für die Bundesliga wäre", meint Krauß im Medienraum. Er hat zwar regelmäßig Kontakt zu Per Nilsson, der früher selbst mal in Nürnberg gespielt hat und mittlerweile bei RB auch als Ansprechpartner für die Leihspieler da ist - doch Leipzig ist gerade recht weit weg für Krauß. Das 4:0 gegen Heidenheim ist ja gerade erst abgehakt, und an diesem Dienstag steht schon die nächste Aufgabe an. Es geht gegen den Hamburger SV, die zweite Runde im DFB-Pokal, ein Heimspiel, das Flutlicht wird leuchten. Und Krauß wird von Strafraum zu Strafraum rennen.

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