Krise beim 1. FC Nürnberg:Bedrohliches Trommeln beim Club

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1. FC Nürnberg: Nikola Dovedan nach einer Niederlage gegen den SV Sandhausen

Die nächste Enttäuschung: Nikola Dovedan wartet nach der Niederlage in Sandhausen weiter auf den ersten Club-Sieg im Jahr 2021.

(Foto: Oliver Zimmermann /imago)

Der FCN gerät nach vier Niederlagen schon wieder in den Abstiegskampf. Die Polizei muss den Mannschaftsbus am Valznerweiher vor den Ultras schützen.

Von Sebastian Fischer und Thomas Gröbner

Die berühmten und manchmal berüchtigten Fans seines Vereins kennt Robert Klauß eigentlich noch gar nicht richtig. Seit dem vergangenen Sommer ist er Trainer des Zweitligisten 1. FC Nürnberg, seitdem erlebte er fast ausschließlich Geisterspiele im Max-Morlock-Stadion. Er wird trotzdem manchmal auf der Straße erkannt und angesprochen, am Altglas-Container zum Beispiel, wie er mal erzählt hat. Nun kam er am Sonntagabend dem eher berüchtigten Teil der Nürnberger Anhänger zum ersten Mal außergewöhnlich nah. Es war aber kein fröhlicher Anlass, sondern einer, der ziemlich bedrohlich wirkte.

Auf dem Rückweg vom 0:2 in Sandhausen, der vierten Niederlage in Serie, wurde die Fahrt des Nürnberger Mannschaftsbusses an der Kreuzung vor dem Trainingsgelände am Valznerweiher beschwerlich. Rund 60 Personen, "mutmaßlich Angehörige der Nürnberger Ultraszene", hätten versucht, den Bus anzuhalten, so schrieb es die Polizei in einer Pressemitteilung. Die aufgebrachten Ultras hätten mit den Händen gegen den Bus getrommelt, sie wollten wohl eine Aussprache, so beschreiben es Leute, die dabei waren. Dann sei es ein paar Minuten lang unübersichtlich geworden.

Einsatzkräfte vom Unterstützungskommando Mittelfranken hatten eine Kette gebildet - und gingen mit Schlagstockeinsatz gegen die Ultras vor. Drei Personen wurden festgenommen, außerdem leitete die Polizei Ermittlungen ein, wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs, wegen tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte und wegen Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz. Verletzt wurde nach Polizeiangaben niemand.

2015 hatten die Ultras die Mannschaft auf einem Rastplatz antanzen lassen

Nun muss man wissen, dass die Beziehung der Nürnberger Ultraszene zu ihrem Fußballverein eine durchaus besondere ist, nicht zum ersten Mal gab es aufsehenerregende Szenen vor dem Mannschaftsbus. 2015 zitierten die Ultras die Profis nach einer 3:6-Niederlage in Freiburg an die Raststätte Renchtal an der A5, der damalige Sportvorstand Martin Bader veranlasste den ungeplanten Stopp. 30 Minuten debattierten Profis mit etwa 200 Ultras, "wir haben das über uns ergehen lassen", sagte der damalige Trainer René Weiler danach.

2019, auch das gehört allerdings zur Geschichte dieser Beziehung, bejubelten die Ultras versöhnlich das Team, das gerade nach einer abenteuerlich schwachen Bundesliga-Saison als Aufsteiger zurück in die zweite Liga abgestiegen war.

Auch im Corona-Sommer 2020, als Nürnberg nach einer noch schwächeren Saison den Abstieg in die dritte Liga erst in den letzten Sekunden der Relegation in Ingolstadt vermied, hatten wie so oft Fans am Valznerweiher auf die Mannschaft gewartet. Einige feierten, andere schimpften, manche zündeten Böller. Die Spieler stiegen auf Hinweis der Polizei lieber nicht aus. Diesmal hatte die Polizei nach einer Vorwarnung das Gelände abgesperrt. Vom Verein gab es am Montag kein offizielles Statement zu den Vorfällen. Ganz so, als wäre die Wut der Fans irgendwie verständlich in dieser Saison, die schon wieder an vergangene Horror-Spielzeiten erinnert.

Es war ja ein neuer Aufbruch ausgerufen worden: die Rückkehr von Dieter Hecking als Sportvorstand beschwor die Erinnerungen an bessere Zeiten, und der im RB-Kosmos ausgebildete Trainer Klauß sollte frische Ideen und erfolgreichen Fußball an den Valznerweiher bringen. Doch die Euphorie verpuffte recht schnell, bald war man in Nürnberg froh, wenigstens ein Jahr ohne existenzielle Nöte zu erleben.

Vom Abstiegskampf will Trainer Robert Klauß nichts wissen

Doch der Club scheint auch dieses Mal seine Anhänger nicht zu schonen, es knarzt hinten und vorne im Spiel. Die Abwehr um Torwart Christian Mathenia patzt regelmäßig, daran änderte auch Klauß' Experiment mit einer Dreierkette neulich beim 0:1 gegen Regensburg nichts. Und auch vorne gelingt wenig. Nach Pascal Köpke (Kreuzbandriss) und Felix Lohkemper (Adduktorenverletzung) droht auch noch Stoßstürmer Manuel Schäffler auszufallen. Irgendwie passt es zur Club-Saison, in der so viel probiert wird und so wenig gelingt: Gegen Sandhausen hat Schäffler sich beim Versuch eines Fallrückziehers den Daumen gebrochen, am Mittwoch wird er operiert.

Die bittere Bilanz: 2021 ist der Club immer noch sieglos und gewann von 18 möglichen Punkten nur einen. Das Team rutschte ab auf Platz 14, langsam wird es eng im Tabellenkeller: Zwei Punkte trennen die Nürnberger vom Relegationsplatz, drei Punkte vom direkten Abstiegsplatz. Abstiegskampf also in Nürnberg? Davon will Klauß noch nichts hören: "Wir haben eine schlechte Phase", sagte er in der BR-Sendung Blickpunkt Sport. "Wir wissen aber, es ist ernst." Für die Erkenntnis hatte am Sonntag ein Blick aus dem Busfenster gereicht.

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