1. FC Nürnberg:Bunte Bilder

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1. FC Nürnberg v FC St. Pauli - Second Bundesliga

Ein Sonntagnachmittag voller Flugeinlagen: Hier hat es den Nürnberger Tim Handwerker (links, gegen Jackson Irvine vom FC St. Pauli) erwischt.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)

Beim 2:3 gegen den FC St. Pauli ist der 1. FC Nürnberg wie ausgewechselt. Vorne entwickelt die Mannschaft auf einmal eine ungeahnte Wucht - das Problem ist nur: Hinten ist sie zu oft nicht auf der Höhe.

Von Sebastian Leisgang

Robert Klauß konnte das alles nicht gefallen. Vermutlich wäre es dem Trainer des 1. FC Nürnberg am liebsten gewesen, wenn er zwischendurch einen der Betreuer hätte beauftragen müssen, Christian Mathenia eine warme Decke und eine Tasse heißen Tee zu bringen. Das hätte ja bedeutet, dass es Nürnbergs Torhüter ziemlich kalt gewesen wäre an diesem Nachmittag im Spätnovember, doch das war nicht der Fall. Es gab keinen Grund, irgendeinen Betreuer loszuschicken, Klauß musste vielmehr mitansehen, wie Mathenia ständig durch die Luft flog und den Ball trotzdem dreimal aus seinem Tor holte.

2:3 verlor der Club am Sonntagnachmittag gegen den FC St. Pauli, und es waren ziemlich bunte Bilder, die dieses rasante Fußballspiel hervorbrachte. Mathenia war ja nicht der Einzige, der durch die Luft flog, auf der anderen Seite des Spielfeldes stand ihm St. Paulis Torwart Nikola Vasilj in nichts nach, und zu Beginn der zweiten Hälfte war es auf einmal der Hamburger Abwehrspieler Philipp Ziereis, der mit einer spektakulären Rettungstat ein Tor von Manuel Schäffler verhinderte.

Mathenias Flugeinlagen, Vasiljs Paraden und Ziereis' Einsatz: Es waren Bilder, die den 8479 Zuschauern im Nürnberger Max-Morlock-Stadion ziemlich gut gefielen, doch Klauß, das weiß man, ist eher kein Freund solcher Bilder. Trainer wie Klauß sind ja keine normalen Zuschauer, sie sind zwar genauso parteiisch, und vermutlich drücken sie ihrer Mannschaft auch die Daumen, wenn sie draußen an der Seitenlinie stehen, doch im Gegensatz zu den Zuschauern haben sie in aller Regel wenig Freude daran, wenn ein Spiel derart aus den Fugen gerät, wie das am Sonntag in Nürnberg der Fall war.

Trainer Klauß staunt beim Blick auf den Statistikzettel: "19 Torschüsse, das ist gut."

"Es hat nicht viel gefehlt, aber es hat was gefehlt", sagte Klauß nach dem Spiel und war damit treffsicherer als seine Mannschaft in den vorangegangenen 90 Minuten. Da hatte es der Club ja fertiggebracht, nach einem frühen 0:2 in wenigen Sekunden gleich dreimal an Vasilj zu scheitern und dann noch eine vierte gute Torchance durch Erik Shuranov auszulassen, bevor Johannes Geis Mitte der ersten Hälfte doch noch mit einem brillanten Linksschuss aus der zweiten Reihe traf. Das war das Erstaunliche an diesem Sonntagnachmittag: Die Nürnberger entwickelten eine offensive Wucht wie selten zuvor in dieser Saison - das Problem war nur: Im Gegenzug büßten sie die Deutungshoheit am und im eigenen Strafraum ein.

Nein, die Nürnberger haben es gerade echt nicht leicht. Wie sie's machen, machen sie's verkehrt. Bislang war es in dieser Saison ja meistens so gewesen: Hinten verteidigte der Club derart konsequent, dass Mathenia in manch einem Spiel wirklich Zeit gefunden hätte, von einem Betreuer eine Decke und eine Tasse Tee entgegenzunehmen - doch vorne passierte dann dermaßen wenig, dass man beinahe meinen konnte, Enrico Valentini habe die Platzwahl vor dem Anstoß genutzt, um mit dem Kapitän der gegnerischen Mannschaft noch schnell einen Nichtangriffspakt zu schließen.

Als Klauß nach dem Spiel gegen St. Pauli auf den Statistikzettel schaute, da wirkte er selbst etwas erstaunt, als er sagte: "19 Torschüsse, das ist gut." Was weniger gut war: dass nur zwei dieser Torschüsse hinter Vasilj im Netz gelandet und auch die Gäste aus Hamburg immer wieder zu guten Torchancen gekommen waren. Aber, und auch das war eine Lesart der 90 Minuten: Der Club ist mindestens einen Schritt weiter als noch im Oktober, weil er sich zur rechten Zeit zurückgemeldet hat.

Die Anfangsphase gegen St. Pauli hatte ja eine derartige Wucht, dass sie eine Mannschaft locker hätte umwerfen können. Die Nürnberger strauchelten aber nur und blieben dann standhaft. Vor acht Wochen, beim 0:0 gegen Hannover 96, da hatte die wacklige Anfangsphase noch eine halbe Stunde angedauert. Der Club taumelte damals von einer Verlegenheit in die andere und brachte die Fans so sehr gegen sich auf, dass diese ihre eigene Mannschaft auspfiffen. Jetzt verschaffte sich Nürnberg deutlich früher Zutritt zum Spiel und verstand es dann auch, seine eigenen Waffen einzusetzen. Am Ende gingen die Leute zwar enttäuscht nach Hause, der Club hatte ja verloren und sich in der Tabelle aus dem ersten Drittel verabschiedet - Grund zu pfeifen hatte es dieses Mal aber nicht gegeben.

"Es sind Kleinigkeiten, die wir noch verbessern müssen, dann werden wir auch größere Mannschaften schlagen", sagte Geis später und sprach dann in erster Linie über das Zweikampfverhalten. Auch Klauß meinte: "Wir haben das Spiel in kleinen Momenten verloren." Dass St. Pauli seiner Mannschaft vor allem in Sachen Abgeklärtheit einiges voraus hatte, das wollte Nürnbergs Trainer nicht überbewerten. Dem Club war es zwar einmal mehr nicht gelungen, ein Spitzenteam zu besiegen, doch Klauß betonte: "Ich leite keine grundsätzliche Problematik daraus ab." Er wusste ja: Es wird nicht immer derart bunte Bilder geben wie am Sonntag.

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