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1. FC Nürnberg:Böse Geister im Strafraum

SSV Jahn Regensburg - 1. FC Nuernberg , 26.05.2020 26.05.2020 --- Fussball --- Saison 2019 2020 --- 2. Fussball - Bunde

Schreck lass nach: Der eingewechselte Jahn-Verteidiger Tim Knipping hat den Ball soeben kurz vor Schluss ins eigene Tor befördert.

(Foto: Daniel Marr/Sportfoto Zink)

"Wenn ich 70 Meter vor dem Tor den Ball verliere, darf ich trotzdem hinten kein Tor bekommen": Nach dem 2:2-Remis im Derby in Regensburg ärgert sich Club-Trainer Jens Keller.

Zwei Bedeutungen schlägt einem der Duden für das Wort "besessen" vor. Variante a) verheißt jedoch nichts Gutes für die seelische Gesundheit: "(im Volksglauben) von bösen Geistern beherrscht, wahnsinnig". Die Forderung des Nürnberger Trainers Jens Keller vor dem Zweitliga-Derby beim SSV Jahn Regensburg hatte so gesehen daher fast schon etwas Ironisches. "Wir müssen die absolute Besessenheit haben, das Tor zu erzielen, aber auch mit absoluter Besessenheit das Tor verhindern", sagte Keller also - während dieser vermaledeiten Saison, die aus Club-Sicht ja ohnehin schon von bösen Geistern beherrscht zu sein scheint. Der Bundesliga-Absteiger, der noch vor etwas mehr als einem Jahr den FC Bayern beim 1:1 am Rande einer Niederlage hatte, droht nun als Tabellen-15. eine Liga darunter erneut abzusteigen. Nur drei Punkte liegt er vor dem 17., dem SV Wehen Wiesbaden.

Hier muss man natürlich noch erwähnen, dass Keller, der - wie er mal als Trainer des FC Ingolstadt versicherte - nicht an schwarze Magie glaubt, vor dem Derby von der Bedeutung her weniger eben jene beschwören wollte, sondern mit seinem psychologischen Kniff die Variante b) des Duden präferierte: "von etwas völlig beherrscht, erfüllt". Nur schienen die bösen Geister letztlich trotzdem auch in Regensburg wieder mit dabei gewesen zu sein.

Beim glücklichen 2:2 (1:1) war schließlich wie schon in den vergangenen Monaten von der Besessenheit vor beiden Toren wenig zu sehen. Es wirkte geradezu passend, dass den umjubelten Ausgleich in der vierten Minute der Nachspielzeit kein Nürnberger erzielte - sondern der fünf Minuten zuvor eingewechselte Jahn-Verteidiger Tim Knipping, der einen ungefährlichen Schuss des Nürnbergers Adam Zrelak per Kopf ins eigene Tor umleitete. Dass die Gegner beim Toreschießen mithelfen müssen, wenn der Club punkten will, mutiert so schon zum Trend: Am vergangenen Freitag schoss Erzgebirge Aue beim 1:1 ein Eigentor. Am Samstag (13 Uhr) sollte sich gegen den auswärtsschwachen direkten Konkurrenten VfL Bochum der Ertrag ändern.

Mikael Ishak und Adam Zrelak überzeugen im Club-Angriff mit starken Leistungen

Hoffnung darauf dürfte Keller zumindest machen, dass längst Abgeschriebene beim FCN plötzlich wieder aufdrehen. Mikael Ishak stand am Dienstag erstmals seit dem dritten Spieltag wieder in der Startelf. Der Aufstiegsheld von 2018 vergab zwar die erste Chance, als er den Ball neben das leere Tor setzte (2. Minute), traf kurz darauf aber zur Führung (11.). "Er hat die Torchancen, macht das Tor, das war gut von ihm", lobte Keller, der neben Ishak auch auf Zrelak (siebtes Saisonspiel) baute. Der Slowake köpfte einmal an die Latte (79.) und legte dazu eben noch Knippings Eigentor auf. Ob dieser starken Leistungen bleibt die Frage, warum der Coach erst jetzt auf die Idee kommt, auf die beiden zu setzen. Er ist selbst seit einer knappen halben Spielzeit im Dienst - und sein Punkteschnitt von 1,13 ist derzeit noch schlechter als der seines viel gescholtenen Vorgängers Damir Canadi (1,17).

Bei dieser Ausbeute erklärt sich von selbst, dass der Club nicht aus der gefährlichen Zone herauskommt. Ein Grund für die Misere ist weiterhin, dass die Gegner ihre Tore zu leicht erzielen können, nach Besessenheit beim Verteidigen sieht es da eher weniger aus. Zwei Paradebeispiele dafür lieferte Regensburg: Winterzugang Philip Heise verlor den Ball in der gegnerischen Hälfte, dann konterte der Jahn. "Wenn ich 70 Meter vor dem Tor den Ball verliere, darf ich trotzdem hinten kein Tor bekommen", schimpfte Keller. Am Ende schlug der frühere SSV-Verteidiger Asger Sörensen im Strafraum unter dem Ball durch, Jahn-Stürmer Andreas Albers stocherte ihn danach über die Linie (44.). "Wir hatten oft genug die Möglichkeit, den Konter zu unterbinden und besser zu verteidigen, vielleicht auch mal ein taktisches Foul zu machen. Das ärgert mich", sagte Keller. Und eigentlich hätten die Franken ohnehin auf das Tor vorbereitet sein können: Der Jahn spielt jede Woche so, Albers ist sein erfolgreichster Torschütze.

Beim 1:2 kurz nach der Pause köpfte Sörensen dann Albers leichtfertig den Ball vor die Füße, der schoss aus 18 Metern und der nach seiner Rotsperre ins Tor zurückgekehrte Club-Torhüter Christian Mathenia konnte den Ball nicht festhalten - Sebastian Stolze traf per Nachschuss (48.). Im Anschluss hatten die Nürnberger Glück, dass Regensburg nachlässiger wurde, wie auch Jahn-Coach Mersad Selimbegovic fand: "Wenn wir beim 2:1 ein paar Bälle sauberer spielen, dann machen wir das dritte Tor und das Spiel ist beendet."

So aber war der Käse eben nicht gegessen, es folgte der späte Ausgleich, was aus zweierlei Hinsicht eine gute Nachricht für den Club ist: Einerseits konnte Ishak nach der Partie doch noch einen Geist beschwören, den "Teamgeist", der nach wie vor gut sei. Und andererseits bleiben die Nachbarn aus Regensburg nach dem Treffer mit vier Punkten Abstand doch noch in Reichweite, gerettet sind auch sie in dieser Saison noch nicht. Anders als die Nürnberger nach deren "Punkt der Moral" (Keller) dürften sie bis zu ihrem nächsten Spiel am Freitag in Osnabrück (18.30 Uhr) noch etwas mit dem Derby-Ende vom Dienstag hadern.

© SZ vom 28.05.2020

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