Süddeutsche Zeitung

1. FC Nürnberg:4 aus 44

Für den Club sollte es eine Aufbausaison für den angestrebten Bundesliga-Aufstieg werden. Doch der Blick geht nun in Richtung dritte Liga.

Es war am 6. April, als der 1. FC Nürnberg eine große Chance verpasste, doch noch den Verbleib in der ersten Bundesliga anzuleiern. Ein gewisser Matheus Pereira, der mittlerweile bei West Bromwich Albion spielt, brachte den Club in Stuttgart in Führung und verpasste nur ganz knapp das 2:0, doch ein gewisser Ozan Kabak, mittlerweile auf Schalke tätig, glich noch aus. Der Abstand zwischen dem Tabellen-16. und -17. betrug weiter vier Punkte, auch wenn sich alle einig waren, dass ein Nürnberger Sieg durchaus angemessen gewesen wäre.

Am Ende stiegen beide Klubs ab. Und als sie sich nun am Montagabend wieder getroffen hatten und der VfB 3:1 (0:1) gewonnen hatte, waren sich alle einig, dass ein Nürnberger Sieg keineswegs angemessen gewesen wäre. Die Entwicklung der beiden Absteiger könnte unterschiedlicher nicht sein - während die Stuttgarter den umgehenden Wiederaufstieg planen und sich auf Platz drei befinden, steht der Club ebenfalls auf einen Relegationsplatz - aber auf demjenigen um die Drittliga-Teilnahme. Saisonübergreifend haben die Nürnberger aus den vergangenen 44 Spielen nur vier Siege geholt.

Lohkemper und Schleusener statt Medeiros und Dovedan - klingt nicht nur klobiger, ist es auch

"Die Situation ist nicht zu unterschätzen", sagte Mittelfeldspieler Lukas Jäger nach der Niederlage in Stuttgart. "Wir stehen tief unten drin, es wird nicht einfacher." Trainer Jens Keller, der lediglich einen Punkt aus seinen ersten drei Spielen gesammelt hat, gab im Kicker mit Recht zu Bedenken, "dass einer Mannschaft Abstiegskampf leichter fällt, die von Beginn an damit gerechnet hat".

Und in Nürnberg hatte selbstredend niemand damit gerechnet, angestrebt wurde der Wiederaufstieg in der kommenden Spielzeit. Eine Aufbausaison sollte es also werden, doch was aufgebaut werden sollte, ist in Teilen schon wieder eingerissen. Der ambitionierte Trainer Damir Canadi, an dessen Vorstellungen und Spielideen sich Sportvorstand Robert Palikuca bei der Kaderplanung orientierte, ist schon wieder weg; hochgelobte Zugänge wie Iuri Medeiros (für zwei Millionen Euro von Sporting Lissabon), Adam Gnezda Cerin (für eine Million von NK Domzale) oder Canadis Lieblingsstürmer Nikola Dovedan (für 2,5 Millionen Euro aus Heidenheim) saßen in Stuttgart auf der Bank. Keller setzte auf den offensiven Außenbahnen auf Felix Lohkemper und Fabian Schleusener. Das klingt nicht nur klobiger, das war es auch.

"Wir haben uns vorgenommen, tief zu stehen und Stuttgart viel Ballbesitz zu geben", sagte Keller. Das immerhin klappte, der VfB hatte 74, zwischenzeitlich gar 80 Prozent Ballbesitz. So versäumte es der Club allerdings, nach dem frühen 1:0 durch Michael Frey die große Verunsicherung beim VfB zu nutzen, um die Führung auszubauen. Die Mannschaft kam kaum in Umschaltsituationen, hatte vorne keine probaten Kräfte fürs Eins-gegen-eins und wies am Ende eine miserable Passquote von 53 Prozent auf. Das ergab dann eine Leistung, die man in Fußballkreisen gemeinhin als ideenlos beschreibt - obwohl es ja meist nicht an Ideen fehlt, sondern an der Qualität, sie umzusetzen. Selbst kaum Torchancen zu haben, dem Gegner die Treffer durch einen von Schleusener verursachten Handelfmeter, einen Stellungsfehler von Lukas Mühl und einen unpräzisen Querpass von Handwerker zu ermöglichen - das werden jedenfalls nicht Kellers Ideen gewesen sein.

Auf dem Reißbrett sieht der Kader gut komponiert aus, allein: Er funktioniert bislang nicht

Ein paar Schöngeister, ein paar Zweitliga-Haudegen, ein paar U21-Nationalspieler - auf dem Reißbrett sieht Palikucas Kader gut komponiert aus, allein: Als Gemeinschaft funktioniert er bislang nicht. Im Winter will der Sportvorstand Korrekturen vornehmen, von einem neuen Innenverteidiger, einem neuen Außenverteidiger und einem neuen Sechser ist die Rede - seine bisherigen Verpflichtungen für diese Positionen, Asger Sörensen und Oliver Sorg, enttäuschten eher. Für Keller ist es wichtig, dass dann auch Spieler abgegeben werden. "Zuletzt habe ich mit 24, 25 Feldspielern trainiert", sagte er, "dabei jedem einzelnen Spieler gerecht zu werden, ist nicht möglich."

Ehe umgebaut wird, muss die aktuelle Konstruktion noch ein bisschen halten: Vor der Winterpause warten nun noch zwei richtungweisende Heimspiele. Am kommenden Sonntag geht es gegen Kiel, am Freitag darauf kommt der aktuelle Tabellenletzte Dresden nach Nürnberg. Der hat gerade den Trainer gewechselt, aber dass das nicht unbedingt gleich etwas bringen muss, wissen sie beim Club ja aus eigener Erfahrung.

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Quelle:
SZ vom 11.12.2019
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