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1. FC Köln:Wieder auf Sendung

1. FC Köln - Bayer Leverkusen

Unerwarteter Mitjubler: Sportchef Horst Heldt gesellt sich nach dem 1:0 zu Kingsley Ehizibue (oben) und Torschütze Jhon Cordoba.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Mit einer sehr jungen Elf und wachsendem Mut hebelt der Klub den disziplinlosen Rivalen Leverkusen aus. Vorerst ist das nur eine Verschnaufpause für Trainer Gisdol und sein Team - gegen Frankfurt folgt der nächste Härtetest.

Marcel Risse blickte finster. Der eingewechselte Kölner musste das Spielfeld nach nur 31 Minuten verlassen. Diese Zeit hatte dem zuletzt nur selten nominierten Feinfuß freilich gereicht, um den Außenseiter gegen Leverkusen zum Triumph zu führen. Risses Spiel ist voller Wagnisse, viel geht daneben, aber das Gelungene sieht dafür umso besser aus. Beim unerwarteten 2:0-Derbysieg verlieh er dem Spiel der Kölner jenen Schuss Unberechenbarkeit, der den Favoriten von der anderen Rheinseite aushebelte. Jhon Cordobas 1:0 (73.) leitete Risse mit einem genialischen Lupfer ein; vor dem 2:0 schlug er eine seiner Fackelflanken und fand den Kopf von Sebastiaan Bornauw (84.). Das war's dann aber auch schon wieder für Risse, Markus Gisdol umarmte ihn tröstend an der Seitenlinie, denn "dass er verärgert war, lag an seinem Oberschenkel", in dem eine Muskelfaser zwackte, "und nicht, weil er sauer auf den Trainer gewesen wäre", sagte Kölns Trainer.

Gisdol nahm Anteil an der Verletzung des heimlichen Matchwinners, aber er musste doch auch schmunzeln, weil er an diesem Nachmittag ständig schmunzeln musste. Er war begeistert über seine Elf und gab jedes Lob an sie weiter: "Zum ersten Mal habe ich den Eindruck gehabt, dass jeder bis in die letzte Zelle gespürt hat, was die Situation bei uns erfordert. Wir waren von der ersten Minute an komplett auf Sendung."

Der 50-Jährige blieb bescheiden, obwohl er großen Anteil daran hatte, dass der sportliche Erfolg ausnahmsweise die Querelen im Klub überdeckte (Vizepräsident Jürgen Sieger trat nach nicht mal 100 Tagen im Amt zurück). Drei oft trostlose Spiele hatte Gisdol gebraucht, um seine Mannschaft zusammenzustellen, die dann sehr jung aussah: Es debütierte Jan Thielmann, 17, als erster Bundesligaspieler des Jahrgangs 2002. Hinzu kamen Noah Katterbach, 18, und der 20-jährige Ismail Jakobs. Sie waren wacker, oft sogar mitreißend.

Bayer-Kapitän Lars Bender fordert vom unbeherrschten Leon Bailey eine Entschuldigung

"Diese Unbekümmertheit tut uns gut", lobte Kapitän Jonas Hector, "sie sind nicht so verkopft wie einige andere. Dieser Schwung hat uns geholfen." Von einem Risiko wollte Gisdol nichts wissen: "Als mutig würde ich mich nicht bezeichnen", sagte er. In solchen Momenten, wenn er ein erfolgloses Team übernimmt, versuche er "Strukturen aufzubrechen".

Das würde sein Kollege Peter Bosz bestimmt auch gerne, aber wie packt man ein Phlegma? Im 43. Pflichtspiel seit seinem Amtsantritt am Rhein machte der 56-jährige Trainer Bekanntschaft mit der offenbar werksklubimmanenten Anämie, die schon so oft die Ambitionen des Vereins durchkreuzt hat. Es war ein Totalschaden wie im Derby vor eineinhalb Jahren, als Leverkusen beim designierten Absteiger Köln ebenfalls 0:2 verlor - nur diesmal noch krasser, weil Bayer wieder just dann einbrach, als niemand mehr damit rechnete. Siege in München, gegen Madrid und Schalke 04 waren der Partie in Köln vorausgegangen, doch vom verspotteten Tabellenletzten ließ sich der Favorit aus dem Takt bringen.

"Dumm", "blöd" und "selbst Schuld" waren Worte, die in der Leverkusener Analyse oft vorkamen. Die Gäste hatten zwar oft den Ball, aber die Zuspitzung zum Tor fehlte, auch weil Bosz' Rochaden diesmal nicht fruchteten. Kai Havertz erlebte ein trauriges Jubiläum: In seinem 100. Bundesliga-Spiel fiel er nur selten auf. Aber einmal entscheidend: Kurz vor der Pause drang der 20-Jährige in den Kölner Strafraum ein und stürzte. Auf den ersten Blick ein Foulelfmeter. Doch Schiedsrichter Manuel Gräfe entschied auf Schwalbe. In der Tat hatte Verteidiger Bornauw bei seiner Grätsche den Gegner nicht getroffen - wenn auch nur, weil Havertz abhob, bevor er getroffen werden konnte. Wäre der Leverkusener einfach weitergelaufen, wäre der Kontakt und damit der Elfmeter zwingend gewesen.

Im Gegenzug erhielt Gästeverteidiger Dragovic die gelbe Karte, obwohl der Kölner Drexler ihn gefoult hatte - eine unscheinbare Szene, die 20 Minuten später eine spielentscheidende Note bekam, denn nach einem Foul an Cordoba, das wirklich eines war, sah Dragovic gelb-rot (62.). Der Schiedsrichter habe sich "bei mir entschuldigt", sagte Dragovic später, aber die erste gelbe Karte "konnte er ja nicht mehr zurücknehmen". Nach dem Abpfiff redete Bayer-Sportchef Rudi Völler lange mit Gräfe über Dragovic' erste gelbe Karte. Worüber sie nicht sprachen, war Leon Bailey.

Gerade erst von einer Sperre wegen einer Tätlichkeit zurückgekehrt, langte der Jamaikaner ins Gesicht des Kölners Ehizibue (77.). Kai Havertz umschrieb es noch freundlich, als er zu der Szene sagte: "Das war sicher nicht seine klügste Aktion." Kapitän Lars Bender wurde deutlicher: "Mit zehn Mann wird's schwer, mit neun unmöglich. Es ist nicht seine erste rote Karte, und ich erwarte da eine Entschuldigung." Völler, der sonst nie um klare Statements verlegen ist, sagte über Bailey: "Bei ihm fehlen mir die Worte." Dann fiel ihm aber doch noch ein: "Das war genau das, was wir vorher gesagt hatten: keine dummen Fouls begehen und nicht provozieren lassen." Offenbar hatte Bailey, 22, nicht aufgepasst.

Die Verantwortlichen beider Seiten wirkten erleichtert, dass die englische Woche rasch den Blick nach vorne lenkte. Gisdol warnte davor, sich zu lange zu freuen ("Das war ein Sieg, nicht mehr"), schon am Mittwoch gehe es darum, in Frankfurt wieder konzentriert aufzutreten. Und Rudi Völler rief, während er sich vom Ort des Grauens abwendete: "Gottseidank ist am Mittwoch schon wieder ein Spiel."

© SZ vom 16.12.2019

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