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1. FC Köln:Spektakel mit Brecher

FC St. Pauli - 1. FC Köln

Wieder zwei Buden: Köln-Stürmer Terodde (links) mit Kollege Drexler.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Ein spektakulärer 5:3-Erfolg nach einem 0:2-Rückstand: Auch beim Sieg in St. Pauli zeigt sich, wie wichtig Torjäger Simon Terodde für den Zweitliga-Favoriten ist: Er, der gegen Aue alle drei Tore schoss, macht auch in diesem Spiel 2 von 5 Toren.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Toni Schumacher, der Vizepräsident des 1. FC Köln, hat schon vor dem Spiel beim FC St. Pauli behauptet, es gebe niemanden bei den Verantwortlichen, der so arrogant sei, die Rückkehr in Liga eins als Selbstläufer zu betrachten. Anders ist das zum Teil bei den Kölner Fans, die schon mittags die Reeperbahn fluteten. 3000 waren mitgereist zum zweiten Auswärtsspiel dieser Saison. Ein Selbstläufer war das spektakuläre 5:3 des FC dann tatsächlich nicht. Aber das Vertrauen ins eigene Spiel war doch so groß, dass Köln nach einem 0:2-Rückstand und einer wackligen 4:3-Führung als Sieger vom Platz ging. Es war ein aufregendes Zweitligaspiel, allerdings mit lückenhaften Abwehrwällen.

"Wir können nur nach vorne spielen", sagt FC-Trainer Anfang

Damit ist Köln nach dem 0:0 von Union Berlin in Sandhausen erstmals alleiniger Tabellenführer. Der ebenfalls zu den Aufstiegskandidaten zählende Hamburger SV fiel zurück, weil die Partie bei Dynamo Dresden abgesagt wurde. Denn Sachsen brauchte alle verfügbaren Polizisten bei den Demonstrationen in Chemnitz.

Am Millerntor war zunächst Freundschaft angesagt, das ist ja schon eine längere Geschichte der beiden Klubs. Auch die FC-Hymne wurde gespielt wie stets die Gästelieder. Doch zunächst einmal wirkten die Kölner verwirrt. Zum Beispiel in der 14. Minute, als Marcel Risse mit einem ungewöhnlichen Fehlpass auf den niederländischen Sturmriesen Henk Veerman (2,01 Meter) St. Paulis 1:0 einleitete. Veerman nutzte die Vorlage cool mit einem Schuss in die rechte Ecke. Und den Rückenwind nutzte elf Minuten später auch Jeremy Dudziak, der eine präzise Flanke von Christopher Buchtmann per Kopf im Tor unterbrachte. Allerdings war Buchtmann, als er den Ball übernahm, knapp im Abseits. Einige Male lag sogar das 3:0 in der Luft.

Doch dann zeigte die Abwehr der Hamburger erstmals gravierende Schwächen. Und die Kölner bildeten das Motto ihres neuen Trainers Markus Anfang ab, man "könne nur nach vorne spielen". Das 1:2 durch Christian Clemens per Kopf nach Vorlage von Louis Schaub (36.) war schwer abzuwehren. Doch dem 2:2 kurz vor der Halbzeitpfiff durch Simon Terodde war ein Stellungsfehler von Daniel Buballa vorausgegangen. In der Pause war die Kölner Führungscrew um Schumacher, Sportdirektor Armin Veh und Geschäftsführer Alexander Wehrle schon wieder so gut gelaunt, dass sie für Selfies zur Verfügung stand.

Erneut zeigte sich, wie wichtig ein Sturm-Brecher wie Terodde in der zweiten Liga ist. Acht Minuten nach der Pause war es wieder der Torjäger, der zuletzt sogar alle drei Tore beim 3:1 gegen Aue geschossen hatte, der die Kölner 3:2 in Führung brachte. Pauli-Keeper Robin Himmelmann hatte sich vor ihn geworfen, Terodde fiel drüber - en Elfmeter verwandelte er selbst so cool wie ein Mixer das Eis im Cocktail unterbringt. Kurz darauf schien Guirassy mit dem 4:2 das Spiel entschieden zu haben.

Doch so leicht war das nicht. Noch einmal kamen die bravourös kämpfenden Paulianer mit einem abgefälschten Schuss von Buchtmann, der sich über FC-Keeper Timo Horn ins Netz senkte, in die aufregende Partie zurück. Dass die Kölner gegen die nun wieder heftig angreifenden Hamburger nicht umfielen, war für den FC-Verteidiger und früheren St. Pauli-Kapitän Lasse Sobiech ein Zeichen großer Qualität: "Hier schaffen es nicht viele, nach einem 0:2 zurückzukommen", sagte Sobiech, der überraschend in der Startelf stand, "und jeder hat nach dem 3:4 gespürt, dass noch mal die Welle durchs Stadion schwappte." Das sei normal hier, schwärmte der Mann, der fünf Jahre einer der besten Paulianer war.

Dann wurde auch noch sechs Minuten nachgespielt. Doch das nutzte nur der eingewechselte Kölner Salih Özcan, der bei einem Konter Buballa ausspielte und kurz vor dem Abpfiff das 5:3 erzielte. Am Ende habe es nicht gereicht, "dass wir die Kölner 30 Minuten lang dominiert haben", wie Pauli-Sportchef Uwe Stöver analysierte. Auch die Statistik deutete auf ein aufregendes Spiel hin. 24 Torschüsse standen für die Hamburger zu Buche, nur zwölf für die Kölner.

© SZ vom 03.09.2018
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