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1. FC Köln:Reanimateur aus Kolumbien

1. FC Koeln v FC Augsburg - Bundesliga

Auf dem Weg zum Ausgleich: Kölns eingewechselter Torschütze Jhon Cordoba (links) versetzt Augsburgs Torwart Tomas Koubek.

(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Ein Punkt ist besser als keiner: Der FC freut sich über ein spätes Ausgleichstor durch Jhon Cordoba gegen Augsburg.

Von Milan Pavlovic, Köln

Wenn Übermut das Stiefkind des Erfolgs ist, dann ist Übereifer der Vetter des Misserfolgs. Letzteres war am Samstag auf oft gruselige Art in Köln zu beobachten. Im Bestreben, all die schlechten Ergebnisse des ersten Saisondrittels auf einen Schlag hinter sich zu lassen, produzierte der FC gegen Augsburg, einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf, nach couragiertem Auftakt fast eine Stunde lang so viele Fehler wie andere Teams in einer Halbserie: Kopfball-Kerzen ohne Not, Kurzpässe ins Aus, Harakiri-Rückpässe und Ballannahmen, die sofort zu Ballweggaben wurden.

Zwei Spieler verkörperten die Mängel auf exemplarische Weise. Der im Frühling unter großem Jubel aus China heimgekehrte Stürmer Anthony Modeste mühte sich zwar rührig, schaffte aber nichts, im Gegenteil: Mal stand er einem Schützen im Weg, mal nahm er einem besser postierten Mitspieler den Ball vom Fuß. Und Kapitän Jonas Hector wollte an so vielen Brennpunkten aushelfen, dass er seinen jungen Flügelpartner Ismail Jakobs mehrmals sträflich allein ließ, so auch vor dem 0:1 von Niederlechner (43.). Unter den Fans, die Kölns neuer Sportdirektor Horst Heldt tagelang auf diese Partie eingeschworen hatte, herrschte Entsetzen. Und Schweigen. "Die Hemmschwelle zur Resignation sinkt bei jedem Misserfolg", hatte Heldt im Kölner Stadt-Anzeiger gewarnt: "Wenn du diese Anzeichen der Gleichgültigkeit hast, hilft dir selbst der Karneval nicht mehr." Dieser Moment schien gekommen zu sein.

Zum Glück für den 1. FC Köln stand auch André Hahn auf dem Feld. Nominell spielt er für den FC Augsburg, aber am Samstag war der Angreifer 44 Minuten lang die wirkungsvollste Waffe der Kölner. Zunächst vergab Hahn einen Foulelfmeter (9.), kurz vor der Pause - die Gäste waren seit einer gelb-roten Karte gegen Kölns Verteidiger Rafael Czichos in Überzahl (39.) und gleich darauf in Führung gegangen (43.) - wurde er ein zweites Mal auffällig: Bei einem Befreiungsschlag traf er Verstraete statt den Ball und wurde des Feldes verwiesen. Hahn ist damit erst der zweite Bundesliga-Spieler, dem es gelang, hat, in einer Halbzeit einen Strafstoß zu vergeben und vom Platz zu fliegen. Das hatte vor ihm nur Stefan Effenberg geschafft. "Das Entscheidende war, dass wir nicht mit elf Mann in die Halbzeit gehen", sagte Augsburgs Manager Stefan Reuter. Der Punkt für Köln "war am Ende verdient, aber wir mussten es gar nicht so weit kommen lassen".

Hahn hielt Köln am Leben, doch drei Kölner hatten auch ihren Anteil am 1:1. Modeste wurde ausgewechselt, sein Ersatz Jhon Cordoba reanimierte mit seiner elektrisierenden Art und seinen Sprints das Publikum, und Hector gelang ein Zuckerpass auf eben jenen Cordoba (86.). Der Kolumbianer fuhr im Sprint die Fußspitze aus, kam dadurch dem aus seinem Tor geeilten Tomas Koubek zuvor und drang in den Strafraum ein. Dort tanzte er Koubek und Gouweleeuw aus, legte sich den Ball auf den schwächeren linken Fuß und tunnelte den Augsburger Verteidiger. Kurz darauf - Köln reihte eine Chance an die nächste - wäre Cordoba fast eine Kopie seines Tores gelungen. Aber nur fast. "Er ist ein aufgeweckter Bursche, der total sauer ist, wenn er nicht spielt", sagte Kölns neuer Trainer Markus Gisdol: "Er hat genau die richtige Reaktion gezeigt und Energie auf den Platz gebracht." Auch Reuter sagte anerkennend über das Tor: "Das macht Cordoba extrem gut mit dem langen Schritt" und versuchte damit zugleich, seinen irrlichternden Keeper von jeder Schuld freizusprechen.

"Was machen wir jetzt mit diesem Spiel?", fragte Augsburgs Trainer Martin Schmidt und holte erst mal Luft. In einer Phase, "wo Köln nichts mehr zu verlieren hat und wir plötzlich was zu verlieren haben", sei "die Statik des Spiels auf die Kölner Seite" gefallen: "Den Ausgleich nehmen wir nicht gerne hin, aber er war gerecht. Es war ein guter, wichtiger Punkt, weil die Distanz gleich bleibt." Auch Gisdol war aufgrund des Spielverlaufs und "der stabilen Leistung" nach der Pause nicht unzufrieden: "Es schien tatsächlich alles gegen uns zu laufen - und deshalb ist es so wichtig, dass du genau in dem Moment dagegen hältst. Und das hat die Elf gegen alle Widerstände gemacht. Wir hätten gerne drei Punkte gehabt. Aber wir müssen auch die kleinen Schritte akzeptieren." Mal sehen, ob Köln für diese Politik der kleinen Schritte bereit ist.

© SZ vom 02.12.2019

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