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1. FC Köln:Neues FC-Gefühl dank Anthony Modeste

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Vier Tore in vier Spielen: Stürmer Anthony Modeste bereut gerade nicht, im Sommer ein Angebot aus China ausgeschlagen zu haben.

(Foto: imago)

So einen guten Saisonstart hatte der 1. FC Köln seit 27 Jahren nicht mehr. Die Geschichte des erstaunlichen Fußballsommers am Rhein ist vor allem die Geschichte eines Torjägers.

Von Sebastian Fischer

Jörg Schmadtke neigt zur nüchternen Betrachtung von Fußballspielen, aber es gab einen Moment in dieser Woche, in dem der Manager des 1. FC Köln alle Zurückhaltung aufgab: Er lächelte. Es war kein offensichtlicher Glücksmoment beim 3:1 in Schalke am Mittwoch, sondern einer, den viele Kölner Fans übersahen, weil sie gerade von alten Meisterschaften sangen. Das Spiel war schon fast vorbei, als sich der Stürmer Anthony Modeste vorne in Bewegung setzte, nach hinten zum eigenen Strafraum eilte - und dort einen Pass blockte.

Schmadtke klingt noch immer verzückt, wenn er einige Tage später darüber spricht, es ist für ihn die symbolhafte Szene einer symbolhaften Figur: Modeste, 28, der im Sommer für viel Geld einen neuen Vertrag bis 2021 unterschrieb, weil er auf einen Wechsel nach China und noch mehr Geld verzichtete, der in vier Spielen zuletzt vier Tore schoss und trotzdem fürs Team arbeitet. Ohne solche Szenen, sagt Schmadtke, "würde es nicht funktionieren". Mit "es" meint er: den neuen FC.

"Es war hier schon mal deutlich anders!"

Es ist eine besondere Momentaufnahme in diesen Tagen in einer besonderen Stadt, in der Fußball in der Prioritätenrangliste gleich nach dem Karneval kommt und ihm in seiner Gefühlswelt ähnelt. Köln liegt in der Tabelle nur knapp hinter dem FC Bayern - der beste Saisonstart seit 27 Jahren.

Die Klub-Oberen wissen, dass sich Köln schon bald wieder in graue Zonen der Tabelle verabschieden könnte, vielleicht schon nach den Spielen gegen Aufsteiger Leipzig am Sonntag und danach beim FC Bayern. Doch gerade deshalb dürfen die Menschen jetzt "das FC-Gefühl ausleben", sagt Trainer Peter Stöger, und sich der Erfolge "vor zig, zig, zig, zig, zig Jahrzehnten erinnern". Leiden mussten sie im vergangenen Jahrzehnt genug.

Wer über den Wandel sprechen möchte, den Verein und Mannschaft in den vergangenen zehn Jahren erfahren haben, muss mit Thomas Kessler sprechen. Kessler, 30, zur Zeit verletzter Ersatztorwart, ist seit 2000 im Klub und seit 2007 mit zwei Jahren Unterbrechung FC-Profi. Im Sommer 2012 kam er aus Frankfurt zurück, der FC war gerade abgestiegen, die Fans hatten beim letzten Heimspiel eine Rauchbombe gezündet, vor deren schwarzer Wolke Familien flüchteten. Kessler erinnert sich, wie er auf den Parkplatz am Geißbockheim fuhr: "Wir hatten 30 Millionen Verbindlichkeiten und zig Spieler auf der Payroll, die Fahne hing auf Halbmast, die Mitarbeiter kamen mir mit Tränen in den Augen entgegen, die Sonne schien nicht." In der Abstiegssaison trat der Vorstand zurück. Im Sommer 2013 kamen: Stöger und Schmadtke.

Es hat schon noch oft geregnet seitdem über dem Trainingsgelände am Kölner Grüngürtel. Aber am Freitag zum Beispiel, da schien die Sonne.

Dass es Stöger und Schmadtke gelungen ist, Ruhe in den Verein zu bringen, dass Geschäftsführer Alexander Wehrle den FC nach dem naiven Wirtschaften vieler seiner Vorgänger finanziell rehabilitierte, das war schon die Geschichte der beiden grundsoliden vergangenen Spielzeiten nach dem Wiederaufstieg.

Doch bei der Mitgliederversammlung am Montag wird Wehrle noch mal einen weit höheren Gewinn als die 2,7 Millionen Euro im Vorjahr verkünden. Hauptsponsor Rewe, der 2012 offen Kritik äußerte, wirbt gegen den Red-Bull-Klub Leipzig mit dem Namen eines Energydrinks aus dem eigenen Sortiment auf der Trikotbrust. Und Stöger und Schmadtke ist es gelungen, den Kader noch einmal zu entwickeln. Was deshalb überraschend ist, weil es im Sommer nach Stillstand aussah.

Die Geschichte des Kölner Fußballsommers 2016, das ist vor allem die Geschichte des Stürmers Anthony Modeste.

15 Tore hat der Franzose in der Vorsaison geschossen, nach einem ähnlich guten Beginn wie jetzt folgte zwar eine Schaffenskrise, doch im Winter fand er seine Form wieder. Im März dieses Jahres schwor er dem Klub im Stadt-Anzeiger die Treue, im Sommer hieß es plötzlich, er wolle weg. Die Posse, die sich letztlich als Poker herausstellte, ist auch an Schmadtke nicht spurlos vorbeigegangen. Zwar verlängerte er die Verträge der Leistungsträger Leonardo Bittencourt und Jonas Hector, doch er habe "schon die Sorge" gehabt, gibt er zu, in Modeste einen schier unersetzbaren Angreifer zu verlieren.

Tony geht es gut - und damit auch dem FC

Umso erleichterter war er am Mittwoch, als Modeste das 2:1 erzielte und danach vor der Kölner Bank ein Tänzchen aufführte, mit der Hand Trompete spielte, mit dem Hintern wackelte. "Tonys Torjubel", sagt Schmadtke, "zeigt immer ganz gut, wie er sich fühlt." Tony geht es also gut. Und damit auch dem FC.

Kölns Trainer Peter Stöger über seinen Leipziger Kollegen

"Was Ralph Hasenhüttl und mich verbindet? Wir sind Österreich, wir haben uns in die Bundesliga raufgedient! Was uns trennt? Er war ein robuster Stürmer. Ich war Feinmechaniker!"

Der Angreifer, sagt Schmadtke, sei "kein Stürmer, der sich in den Strafraum setzt", er kompensiert mit seinem raumgreifenden Spiel ein paar Schwächen im Kader, es fehlt zum Beispiel - zumal Bittencourt verletzt ist - ein kreativer Mittelfeldspieler, die Spielanlage fußt oft auf simplen Diagonalpässen von außen in die Spitze, die Modeste ablegt oder selbst verwertet. Die personifizierte Bodenständigkeit sind die defensiven Mittelfeldkämpfer Matthias Lehmann und Marco Höger.

Dass beide zur Zeit angeschlagen sind, spricht nicht für den Fortbestand der Erfolgsserie. Andererseits, sagen Stöger und Schmadtke, sei die Flexibilität eine neue Stärke der Mannschaft. Das eingespielte, im Sommer kaum veränderte Team, soll auf neue Situationen genauso reagieren können wie auf Ausfälle.

Die Mannschaft - wichtiger als Einzelspieler? "Es war hier schon deutlich anders", sagt der Torhüter Thomas Kessler und erzählt noch zwei Geschichten. Die eine kommt ohne Namen aus, sie spielt in den Nullerjahren und handelt von Nationalspielern, die in Köln horrend verdienten, die sich nicht mit der Mannschaft freuten, wenn sie nicht selbst spielten und die sich im Training nach einer lukrativen Vertragsverlängerung erst mal ausruhten. Modeste, sagt Kessler, "ist im Trainingslager direkt marschiert".

Die andere Geschichte ist aus dieser Woche. Früher, sagt Kessler, sei es oft so gewesen, dass bei der Frage nach einem gemeinsamen Abendessen zehn Leute wegsahen - "heute fragen acht, wo es hingeht". Am Mittwoch also sagte Bittencourt zu Kessler und den anderen Verletzten, er habe eine große Couch und würde etwas zu essen bestellen. Dann saßen sie dort zu acht vor dem Fernseher, das Beweisbild ist auf Twitter, und lagen sich beim 3:1 in den Armen. Auch Artjoms Rudnevs jubelte, Modestes im Sommer aus Hamburg gekommener Konkurrent.

Was anders ist? "Viel mehr Spieler als früher verstehen, was den FC ausmacht", sagt der gebürtige Kölner Thomas Kessler. Und die gute Laune in seiner Stimme zeugt von dem Glauben, dass dieses Gefühl, das sie in Köln "Jeföhl" nennen, auch noch da ist, wenn es wieder regnet.

© SZ vom 24.09.2016/jbe
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