bedeckt München 17°

1. FC Köln:Neues FC-Gefühl dank Anthony Modeste

Fussball 1 BL Saison 2016 2017 Spieltag 4 FC Schalke 04 1 FC Köln 21 09 2016 Veltinsarena Gel

Vier Tore in vier Spielen: Stürmer Anthony Modeste bereut gerade nicht, im Sommer ein Angebot aus China ausgeschlagen zu haben.

(Foto: imago)

So einen guten Saisonstart hatte der 1. FC Köln seit 27 Jahren nicht mehr. Die Geschichte des erstaunlichen Fußballsommers am Rhein ist vor allem die Geschichte eines Torjägers.

Von Sebastian Fischer

Jörg Schmadtke neigt zur nüchternen Betrachtung von Fußballspielen, aber es gab einen Moment in dieser Woche, in dem der Manager des 1. FC Köln alle Zurückhaltung aufgab: Er lächelte. Es war kein offensichtlicher Glücksmoment beim 3:1 in Schalke am Mittwoch, sondern einer, den viele Kölner Fans übersahen, weil sie gerade von alten Meisterschaften sangen. Das Spiel war schon fast vorbei, als sich der Stürmer Anthony Modeste vorne in Bewegung setzte, nach hinten zum eigenen Strafraum eilte - und dort einen Pass blockte.

Schmadtke klingt noch immer verzückt, wenn er einige Tage später darüber spricht, es ist für ihn die symbolhafte Szene einer symbolhaften Figur: Modeste, 28, der im Sommer für viel Geld einen neuen Vertrag bis 2021 unterschrieb, weil er auf einen Wechsel nach China und noch mehr Geld verzichtete, der in vier Spielen zuletzt vier Tore schoss und trotzdem fürs Team arbeitet. Ohne solche Szenen, sagt Schmadtke, "würde es nicht funktionieren". Mit "es" meint er: den neuen FC.

"Es war hier schon mal deutlich anders!"

Es ist eine besondere Momentaufnahme in diesen Tagen in einer besonderen Stadt, in der Fußball in der Prioritätenrangliste gleich nach dem Karneval kommt und ihm in seiner Gefühlswelt ähnelt. Köln liegt in der Tabelle nur knapp hinter dem FC Bayern - der beste Saisonstart seit 27 Jahren.

Die Klub-Oberen wissen, dass sich Köln schon bald wieder in graue Zonen der Tabelle verabschieden könnte, vielleicht schon nach den Spielen gegen Aufsteiger Leipzig am Sonntag und danach beim FC Bayern. Doch gerade deshalb dürfen die Menschen jetzt "das FC-Gefühl ausleben", sagt Trainer Peter Stöger, und sich der Erfolge "vor zig, zig, zig, zig, zig Jahrzehnten erinnern". Leiden mussten sie im vergangenen Jahrzehnt genug.

Wer über den Wandel sprechen möchte, den Verein und Mannschaft in den vergangenen zehn Jahren erfahren haben, muss mit Thomas Kessler sprechen. Kessler, 30, zur Zeit verletzter Ersatztorwart, ist seit 2000 im Klub und seit 2007 mit zwei Jahren Unterbrechung FC-Profi. Im Sommer 2012 kam er aus Frankfurt zurück, der FC war gerade abgestiegen, die Fans hatten beim letzten Heimspiel eine Rauchbombe gezündet, vor deren schwarzer Wolke Familien flüchteten. Kessler erinnert sich, wie er auf den Parkplatz am Geißbockheim fuhr: "Wir hatten 30 Millionen Verbindlichkeiten und zig Spieler auf der Payroll, die Fahne hing auf Halbmast, die Mitarbeiter kamen mir mit Tränen in den Augen entgegen, die Sonne schien nicht." In der Abstiegssaison trat der Vorstand zurück. Im Sommer 2013 kamen: Stöger und Schmadtke.

Es hat schon noch oft geregnet seitdem über dem Trainingsgelände am Kölner Grüngürtel. Aber am Freitag zum Beispiel, da schien die Sonne.

Dass es Stöger und Schmadtke gelungen ist, Ruhe in den Verein zu bringen, dass Geschäftsführer Alexander Wehrle den FC nach dem naiven Wirtschaften vieler seiner Vorgänger finanziell rehabilitierte, das war schon die Geschichte der beiden grundsoliden vergangenen Spielzeiten nach dem Wiederaufstieg.

Doch bei der Mitgliederversammlung am Montag wird Wehrle noch mal einen weit höheren Gewinn als die 2,7 Millionen Euro im Vorjahr verkünden. Hauptsponsor Rewe, der 2012 offen Kritik äußerte, wirbt gegen den Red-Bull-Klub Leipzig mit dem Namen eines Energydrinks aus dem eigenen Sortiment auf der Trikotbrust. Und Stöger und Schmadtke ist es gelungen, den Kader noch einmal zu entwickeln. Was deshalb überraschend ist, weil es im Sommer nach Stillstand aussah.

Die Geschichte des Kölner Fußballsommers 2016, das ist vor allem die Geschichte des Stürmers Anthony Modeste.

15 Tore hat der Franzose in der Vorsaison geschossen, nach einem ähnlich guten Beginn wie jetzt folgte zwar eine Schaffenskrise, doch im Winter fand er seine Form wieder. Im März dieses Jahres schwor er dem Klub im Stadt-Anzeiger die Treue, im Sommer hieß es plötzlich, er wolle weg. Die Posse, die sich letztlich als Poker herausstellte, ist auch an Schmadtke nicht spurlos vorbeigegangen. Zwar verlängerte er die Verträge der Leistungsträger Leonardo Bittencourt und Jonas Hector, doch er habe "schon die Sorge" gehabt, gibt er zu, in Modeste einen schier unersetzbaren Angreifer zu verlieren.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema