1. FC Köln Mehr Demoralisierung geht nicht

Freiburgs Nils Petersen trifft zum zwischenzeitlichen 1:3.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Der 1. FC Köln verliert nach einer 3:0-Führung 3:4 gegen den SC Freiburg.
  • In der zweiten Halbzeit ist Köln physisch nicht mehr konkurrenzfähig.
  • Der neue Sportchef Armin Veh findet an seinem ersten Arbeitstag am Montag eine Lage vor, wie sie noch kein Klub in 53 Jahren Bundesligageschichte erlebt hat.
Von Philipp Selldorf, Köln

Mancher Anhänger des 1. FC Köln machte sich diesmal schon auf den Heimweg, bevor das Spiel überhaupt angepfiffen war. Scheinbar unaufhörlich rieselte der Schnee, etliche Fans, die nach Müngersdorf gekommen waren, traten den Rückzug an, weil sie nicht glauben wollten, dass die bereits aufgeschobene Partie doch noch stattfinden würde. Doch mit einer halben Stunde Verzögerung gab der Schiedsrichter im allenfalls zu zwei Dritteln besetzten Stadion den Anstoß frei, und die Abgewanderten und Abwesenden hatten später Grund zu gemischten Gefühlen.

Sie verpassten einen furiosen Start ihrer Elf, wie es ihn in dieser Saison noch nicht gegeben hatte. Aber sie durften froh sein, dass sie das tragische Ende zumindest nicht live erleben mussten: Nils Petersen bescherte dem Sportclub nach zwischenzeitlichem 0:3-Rückstand mit einem verwandelten Foulelfmeter in der 90. Minute das 3:3, und damit war das Kölner Drama noch keineswegs vorbei. Vier Minuten darauf gab es den nächsten Elfmeter für Freiburg. Wieder traf Petersen, und während der Sportclub den ersten Auswärtssieg der Saison bejubelte, stellte sich in Köln ein Zustand der Hoffnungslosigkeit ein. Mehr Demoralisierung ist nicht denkbar.

Nach 15 Spieltagen ist zwar noch kein Klub aus der Bundesliga abgestiegen, aber die Situation des FC bietet wenig Anlass für den Glauben an eine Wende. Elf Punkte beträgt der Rückstand auf Werder Bremen, zwölf Punkte fehlen auf den 16. Platz. Immer noch warten die Rheinländer auf den ersten Saisonsieg. Der neue Sportchef Armin Veh findet an seinem ersten Arbeitstag am Montag eine Lage vor, wie sie noch kein Klub in 53 Jahren Bundesligageschichte erlebt hat. Schwierige Entscheidungen über die Handhabung des weiteren Saisonverlaufs stehen jetzt bevor. Kölns Trainer Stefan Ruthenbeck rang mit den Worten: "Das ist sehr bitter, was hier passiert. Wir haben das Spiel verloren, weil wir die Intensität nicht hochhalten konnten."

"Ich habe gedacht, ich bin im falschen Film"

Beide Parteien hatten wegen ihrer vielen Verletzen erhebliche Aufstellungsnöte. Im Abschlusstraining kam den Kölnern dann auch noch Claudio Pizarro abhanden. Ruthenbeck reagierte darauf mit einer kreativen Lösung, indem er Rechtsverteidiger Lukas Klünter als zweite Sturmspitze einsetzte. In einer Mannschaft mit massivem Tempodefizit ist der 21 Jahre alte Klünter der mit Abstand schnellste Mann, und dass es eine kluge Idee war, seine Geschwindigkeit für die Offensive zu nutzen, das sollte sich schon nach acht Minuten erweisen, als Klünter in ein Zuspiel von Milos Jojic sprintete und den Ball ins Netz schob.

Die Kölner kamen mit den widrigen Verhältnissen auf dem notdürftig geräumten Platz besser zurecht als ihre desorientiert wirkenden Gäste, die kaum einmal den Weg nach vorn fanden. Die Kölner hielten den Angriffsdruck aufrecht und kamen schon in der 14. Minute zum 2:0. SC-Kapitän Julian Schuster hatte Sehrou Guirassy ungestüm zu Fall gebracht, unseligerweise im Strafraum. Den fälligen Elfmeter verwandelte der Gefoulte selbst, allerdings musste er eine Weile warten, bis er schießen durfte. Der Elfmeterpunkt lag unter der Schneedecke versteckt und konnte auch von einem Suchtrupp nicht aufgetrieben werden. Schiedsrichter Robert Kampka löste das Problem souverän: Unter Mithilfe der lautstark mitzählenden Südkurve schritt er die elf Meter zu Fuß ab.

Für den Sportclub schien alles schief zu laufen, als der just für den verletzten Philipp Lienhart eingewechselte Caleb Stanko eine Hereingabe von Konstantin Rausch zum 0:3 ins Tor lenkte (29.). "Ich habe gedacht, ich bin im falschen Film", erzählte Freiburgs Trainer Christian Streich. Doch als die Kölner dazu übergingen, ihre Führung zu verwalten, deutete sich Freiburgs Comeback an, "da hat meine Mannschaft eine Frustrationstoleranz gezeigt, die weit über meiner lag", so Streich. Petersen gelang nach einem Freistoß das 1:3 (38.), weitere Chancen folgten, der Pausenpfiff war für die Gastgeber eine Erleichterung.

Die zweite Halbzeit war dann eine einseitige Angelegenheit. Die physisch nicht mehr konkurrenzfähigen Kölner brachten kaum noch einen Angriff zustande, Freiburg dominierte das Geschehen. Janik Haberer erzielte per Kopf das Anschlusstor, Köln verteidigte den dünnen Vorsprung mit Verzweiflung und etwas Glück. Bis sich das Drama zuspitzte: Erst brachte Salih Öczan Nicolas Höfler zu Fall, und in der 95. Minute boxte Guirassy den Ball ins Feld wie einst Bastian Schweinsteiger im EM-Halbfinale gegen Frankreich. Es folgte der zweite Elfmeter.