1. FC Köln - Hamburger SV (17.30 Uhr) Verzagtes Anhängsel

HSV-Vorstandsvorsitzender Dietmar Beiersdorfer bei einer Pressekonferenz.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Vor dem eminent wichtigen Spiel in Köln werden beim Hamburger SV mal wieder öffentlich Personaldebatten betrieben - im Fokus der Kritik steht derzeit Dietmar Beiersdorfer.

Von JÖRG MARWEDEL, Hamburg

Anfang der Woche gab es eine Talkshow mit Uwe Seeler und Jochen Meinke, dem Kapitän der Meisterelf des Hamburger SV von 1960. Die beiden Veteranen aus besseren HSV-Zeiten waren noch vom 0:3 gegen Eintracht Frankfurt so bedient, dass Meinke von einem "Offenbarungseid" und von einer "Trümmertruppe" sprach. Seeler wiederum sagte: "Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll." Dann versprach er vorsichtshalber schon mal: "Ich komme auch zu den Spielen in der zweiten Liga."

Die beiden Altvorderen mögen Dietmar Beiersdorfer, der momentan HSV- und Sportchef in einem ist. Doch mit seiner Arbeit sind sie ebenso wenig zufrieden wie die meisten Fans. Nicht nur Seeler glaubt, dass der Boss mit seinen zwei Ämtern "total überfordert" ist. Und da sich am Tag zuvor auch Aufsichtsratschef Karl Gernandt öffentlich geäußert hatte, er werde bei der erneuten Abstiegsspirale "nicht tatenlos zusehen", es gehe "sportlich und in der Führung nicht mehr so weiter", ist die Führungsdebatte mal wieder eröffnet. Gernandt, der als Intimus des HSV-Investors Klaus-Michael Kühne die Geschäfte überwacht, hat sich danach verbal wieder zurückgezogen. Aber das ist vor dem Spiel des Tabellenletzten am Sonntag beim 1. FC Köln wohl nur die Ruhe vor dem Sturm.

Gernandts seltsame Auslegung der Schweigepflicht

Längst gilt es als sicher, dass ein neuer Sportdirektor, mindestens aber ein Kaderplaner eingestellt wird. Und auch über Beiersdorfers Job als Vorstandsvorsitzender wird intern diskutiert, ebenso wie bei den Mitgliedern über Gernandt. Der steht 2017 zur Wiederwahl, ist aber angeblich nicht nur im Verein wenig beliebt, sondern auch bei vielen Gremien-Kollegen. Das liegt wohl daran, dass er die Schweigepflicht seines Amtes so eigenwillig auslegt, dass selbst die Kontrolleure oft wenig von der Kühne-Politik mitbekommen.

Immerhin: von der Suche nach einem neuen Sportchef dringt praktisch nichts nach draußen. Horst Heldt (früher Stuttgart und Schalke) ist angeblich vom Aufsichtsrat abgelehnt worden, aber wie gesagt, nur angeblich. Georg Heitz, Manager des FC Basel (Spitzname "Supernase", weil er schon viele Talente gefunden hat), hat Spekulationen über das HSV-Interesse so kommentiert: "Im Moment liegt mir kein Angebot eines anderen Klubs vor." Jan-Nico Hoogma, bis vor zwölf Jahren Kapitän beim HSV und seit längerem erfolgreicher Manager des kleinen niederländischen Erstliga-Klubs Heracles Almelo, ist zum zweiten Mal nach 2010 angeblich ein Kandidat. Er sagt, es gebe keinen Kontakt, aber der HSV sei in seinem Herzen. Bei Michael Reschke vom FC Bayern hat man sich bereits eine Abfuhr eingehandelt.

Schon bevor Beiersdorfer im Juli 2014 Boss der neuen HSV Fußball AG wurde, hatte sich der Klub bei den kärglich gescheiterten Versuchen, ein sportliches Aushängeschild wie etwa Matthias Sammer zu verpflichten, zum Gespött gemacht. Der HSV hatte zudem einen Trainer nach dem anderen gefeuert. Beiersdorfers 27 Monate bieten kein besseres Bild, obwohl er ja mit dem Ziel angetreten war, Kontinuität herzustellen. Seine Trainerpolitik ist genauso widersprüchlich wie die seiner Vorgänger, so unterschiedliche Konzepte hatten die Fußballlehrer. Sein Wunschtrainer Thomas Tuchel sagte 2015 kurz vor der Einigung ab. Mirko Slomka, Joe Zinnbauer und Bruno Labbadia entließ er innerhalb von zwei Jahren.

Alles zum Gefallen des Mäzens

Zudem trennte sich der Beiersdorfer-HSV nach Oliver Kreuzer 2014 im Mai 2016 auch von Sportdirektor Peter Knäbel. Angeblich hatte man nicht mehr die gleichen Zukunfts-Vorstellungen. Wahrscheinlicher ist, dass Kühne den Mitarbeiter loswerden wollte. Kurz nach der Trennung von Knäbel öffnete er jedenfalls erneut seine Geldbörse, um die Mannschaft zu verstärken. Es sieht so aus, als könne Beiersdorfer nur noch das tun, was Kühne und seinem Berater Volker Struth gefällt.

Der Mann, der vielen Mitgliedern als Hoffnung auf eine bessere Zukunft galt, ist nur noch ein verzagtes Anhängsel des Investors. Auch er hat keinen Klub geschaffen, in dem wieder alle an einem Strang ziehen. Ein Team, das gemeinsame Ziele verfolgt, scheitert schon in der Nachwuchsarbeit daran, dass die meisten Verantwortlichen nur auf sich selber gucken. Da nützt weder ein Mentaltrainer, der gerade dem neuen Trainer Markus Gisdol beiseite gestellt wurde, noch ein neues "Leitbild". Das wurde bei einer Agentur für ein fünfstelliges Honorar in Auftrag gegeben und in der Einleitung heißt es hochtrabend: "Wir bauen auf ein starkes, traditionsreiches Fundament: unsere Raute, die internationale Strahlkraft unseres Klubs, unser Volksparkstadion, unsere Fans und Mitglieder, die Stadt Hamburg und alle, die Hamburg im Herzen tragen."

Aber zumindest reist der HSV am Sonntag mit einem Erfolgserlebnis nach Köln. Man besiegte im DFB-Pokal immerhin den Drittligisten HFC Halle und beendete dabei die lange Torlos-Serie. Glück hat Gisdol dem HSV schließlich auch bei der Auslosung zum Achtelfinale gebracht. Dann dürfen die geplagten Hamburger daheim antreten. Wieder gegen den 1. FC Köln.