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Friedhelm Funkel beim 1. FC Köln:Retter statt Weltreisender

Bundesliga: Friedhelm Funkel beim Spiel Bayer Leverkusen gegen Fortuna Düsseldorf

Trainer Friedhelm Funkel hat eine große Aufgabe beim 1. FC Köln.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Nach dem Abschied von Markus Gisdol reagiert der Effzeh prompt und holt einen alten Bekannten, der eigentlich längst andere Pläne hatte - mit Friedhelm Funkel hofft man nun auf Impulse für den Klassenerhalt.

Von Philipp Selldorf, Köln

Die Mitteilung kam kurz vor Mitternacht aus dem Geißbockheim, aber damit konnte der 1. FC Köln sein Publikum nicht mehr überraschen. Die Nachricht über die Entlassung von Markus Gisdol war bereits Stunden zuvor aus zahlreichen gut informierten Kreisen in die Öffentlichkeit gelangt. Im Grunde hatten die FC-Fans jedoch weder der amtlichen, noch der inoffiziellen Quellen bedurft, um über das Los des Cheftrainers Bescheid zu erhalten.

Es genügte, den leeren Blick einzufangen, mit dem Gisdol die Fernsehinterviews und die Pressekonferenz absolvierte. Dies war die Miene eines Mannes, der sein Schicksal kannte. Sein Widerstand gegen das unabweisliche Ende war lediglich noch rhetorischer Natur. Spielt so eine Mannschaft, die die Hoffnung aufgegeben hat?, fragte er in die Runde, ohne eine Antwort zu erwarten.

Manche Kölner Spieler wirken wie nach einem Knockout

Die Mannschaft des 1. FC Köln hatte beim unglücklichen 2:3 gegen Mainz 05 nicht wie ein hoffnungsloser Fall gespielt, sondern hochengagiert und mutig, aber die Reaktionen auf die in der Nachspielzeit erlittene Niederlage hatten so ausgesehen, als ob die Beteiligten sie schon als finalen Knockout empfinden würden. Das Bild von Jonas Hector, der nach dem Abpfiff mehr als vier Minuten trauernd auf dem Boden saß, hatte symbolhafte Wirkung.

Zuspruch leistete der Mainzer Danny da Costa, der sich wie ein Seelsorger an der Seite des Kölner Kapitäns niederließ. Eine menschlich feine Geste war das zwar, doch eben genau jenes Motiv der Wehmut und Resignation, das die panischen Gefühle der Verantwortlichen noch höher trieb. Horst Heldt, der Manager, stand für Interviews nicht zur Verfügung. Es war klar, was das zu bedeuten hatte.

Über Gisdols Nachfolge werde "zeitnah informiert", hieß es in der Vereinsmitteilung. Näheres erfuhren die Anhänger zügig aus der Tagespresse. Demnach hatte Manager Horst Heldt gegen halb zehn Uhr am Sonntagabend einen bekannten Feuerwehrmann in Krefeld angerufen, Friedhelm Funkel nahm das Telefonat zu später Stunde gern entgegen. Am Montagnachmittag saß er bereits im Geißbockheim an Heldts Seite und verbreitete die optimistischen Parolen, mit denen er seine mehr als 30 Jahre währende Trainerkarriere ausstaffiert hatte. Auch in Köln hatte er Station gemacht, 2003 verhalf er dem Klub zum Aufstieg aus der zweiten Liga. Nun soll er den siebten Abstieg der Vereinsgeschichte abwenden, das werde "nicht einfach, aber auch nicht unmöglich", teilte Funkel mit, während Heldt von der ungeheuren Erfahrung des Sechs-Wochen-Helfers schwärmte und vom "neuen Input", den er zu bieten habe. Durchaus angestrengt sah er dabei aus.

Dass Funkel als Notlösung bereitstünde, war seit Wochen stadtbekannt. Zwar hatte sich der 67 Jahre alte Coach bereits in den Ruhestand verabschiedet, nachdem ihn Fortuna Düsseldorf im Januar vorigen Jahres vor die Tür setzte, doch schon ein paar Monate später wurde ihm das Rentnerdasein langweilig. Die Pandemie ist schuld. Funkel hatte Weltreisen, Skitouren und Tennisturniere geplant, stattdessen musste er tatenlos zu Hause bleiben.

Die Mainzer ließen sich vom Vertrauen tragen, das ihnen die Erfolgsserie während der Rückrunde verschafft hat

Der Mainzer Leandro Barreiro sorgte am Sonntagabend dafür, dass Funkel nun wieder eine spannende Beschäftigung hat. In der 91. Minute schloss er einen Mainzer Konter mit einem 18-Meter-Schuss ab, der keinen Millimeter präziser in der Ecke hätte landen können. Dieses Tor zum 3:2 war nicht unverdient, aber doch mindestens ein enormer Glücksfall, wie der Mainzer Trainer Bo Svensson korrekterweise hervorhob.

Der fleißige Mittelfeldspieler Barreiro hatte sowohl am Sonntagabend als auch in den vergangenen Wochen weitaus bessere Chancen vergeben, sein punktgenauer Siegtreffer veranschaulichte nun den mentalen Unterschied, der zwischen den rheinischen Widersachern herrschte. Die Kölner hatten für den allseits eingeforderten Heimsieg all ihre Leidenschaft aufgeboten und darüber zum Schluss den Kopf und die defensive Ordnung verloren, die Mainzer ließen sich vom Vertrauen tragen, das ihnen die Erfolgsserie während der Rückrunde verschafft hat.

Premier League - Sheffield United v Arsenal

Sinnbild einer Fußballstadt am Boden: Kölns Torwart Timo Horn.

(Foto: Federico Gambarini/Reuters)

Sie bewahrten Ruhe und zeigten in den entscheidenden Momenten Cleverness und Klasse. Die Kölner Euphorie nach Ellyes Skhiris Wendetreffer zum 2:1 in der 61. Minute machten die 05er kaum vier Minuten später durch Karim Onisiwos Ausgleich zunichte. Marius Wolf stand dabei sinnbildlich Pate. Im Übereifer seines unbedingten Wollens war der nach der Pause rechts hinten verortete Spieler vorgeprescht und hatte dadurch die Abwehrseite entblößt.

Dass der Svensson den Auftritt seiner Elf dezidiert kritisch bewertete, beruhte wohl eher auf strategischen Erwägungen. Mit 21 Punkten stehen die Mainzer auf dem fünften Platz der Rückrundentabelle. Da nun die Rettung in Reichweite ist, hält der schlaue Trainer umso größere Vorsicht für geboten. Mit einer Leistung wie dieser werde man "nicht mehr viele Punkte holen", warnte er.

Einige Tatsachen sprachen eindeutig gegen Gisdol

Vor zwei Monaten hatten die Kölner noch acht Punkte Vorsprung auf den vermeintlich abgeschlagenen Vorletzten Mainz 05, jetzt sind sie selbst mit drei Punkten Rückstand Vorletzter. Diese Tatsachen sprachen gegen Gisdol. Man habe "wieder eine gute Leistung" gebracht, lobte Heldt. Doch der Punktemangel zwinge zum Handeln.

Die stupide, aber unleugbare Macht des Faktischen kostet den Trainer den Job, obwohl der positive spielerische Trend der jüngsten Begegnungen von niemandem bestritten wird, auch von Funkel nicht: "Wirklich gut gespielt" habe die Mannschaft, es sei "gut gearbeitet worden", machte er dem Vorgänger Komplimente. Dieser nahm just während der Vorstellung seines Nachfolgers Abschied vom Team, das er liebend gern weiterbetreut hätte. Die Rückkehr des lange verletzten Mittelstürmers Sebastian Andersson hätte Gisdol die Arbeit sicherlich ein wenig erleichtert. Vom dringend zurückgewünschten Mittelstürmer profitiert nun ein Anderer. "Andersson ist ein ganz wichtiger Faktor", sagte Funkel, "mit ihm ist das Offensivspiel besser gewesen."

© SZ/bek
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