1. FC Köln Die tausendste Flanke

Mit der letzten Aktion des Spiels: Kölns Winterzugang Simon Terodde (im rot-weißen Trikot) erzielt mit einem Kopfball-Stupser das späte Siegtor gegen Mönchengladbach.

(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Simon Terodde schenkt dem FC in der Nachspielzeit einen 2:1-Sieg gegen Gladbach. Die Kölner hoffen nun wieder - und am nächsten Wochenende wartet der HSV.

Von Philipp Selldorf, Köln

Niemand hat gezählt, wie viele Flanken dem Kölner Linksverteidiger Konstantin Rausch im Laufe der Hinrunde missglückt sind, unstrittig ist, dass er die Besucher des Müngersdorfer Stadions zur Verzweiflung getrieben hat. Am Sonntagnachmittag um kurz vor halb sechs allerdings sahen die Leute Rausch auf Knien über den Rasen rutschen, in einer wilden Aufwallung von Euphorie, wie es sie hier lange nicht gegeben hatte. Soeben hatte der Schiedsrichter mit dem Schlusspfiff den 2:1-Sieg des 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach besiegelt, und Rausch hatte wenige Momente zuvor mit einer meisterlichen Flanke den Siegtreffer ermöglicht. Und das war noch nicht das Ende der Kölner Poesie, denn der nicht weniger meisterliche Kopfball, der in der 95. Minute den nicht mal unverdienten Derby-Sieg brachte, stammte von Simon Terodde, der just im Winter aus Stuttgart ins Rheinland heimgekehrt war, um mit seinen Toren die winzige Resthoffnung auf den Klassenverbleib aufrechtzuerhalten. Lakonisch stellte Terodde fest: "Schön, wenn man in der 95. Minute das Siegtor schießt."

Dieses rheinische Traditionsduell hatte einen langen Anlauf gebraucht, bis es ansehnliches Niveau erreichte. Im Schlussdrittel aber erfüllte es die Erwartungen und bot eine geballte Menge Dramatik. Beide Seiten suchten den Sieg, die Kölner durften dem Fußballgott danken, dass ihnen der Schiedsrichter Felix Zwayer in der Nachspielzeit einen Elfmeter ersparte, über den sie sich nicht hätten beschweren dürfen. "Die Gladbacher hatten unglaublich viele Torchancen, aber heute hatten wir mal das Glück, das wir in der Hinrunde nicht gehabt haben", sagte der Kölner Torwart Timo Horn und gab eine Parole der Hoffnung aus: "Wir haben auch mit neun Punkten die Chance, noch ranzukommen."

Nächstes Endspiel übrigens: Am kommenden Wochenende beim Tabellennachbarn Hamburger SV.

Die Gladbacher zeigten gewohnt schnelle Kombinationen, aber es fehlte wieder mal der Vollstrecker

Die Partie bescherte den Kölner Anhängern das Wiedersehen mit einem Profi, den sie lange vermisst hatten. Nationalspieler Jonas Hector hatte seit September verletzungshalber gefehlt, nun trug er auf seinem alten Stammsitz an der linken Abwehrseite dazu bei, die Kölner Deckung zu stabilisieren. Erwartungsgemäß war Hector noch nicht auf der Höhe seines Könnens, aber mit seiner stillen und gewissenhaften Art und seiner Ballsicherheit tat er dem Kölner Spiel sichtbar gut. Ohnehin war die Kölner Abwehrreihe der besonders gefragte Mannschaftsteil beim Gastgeber. Rückkehrer Simon Terodde hatte zwar erwartungsgemäß einen Startplatz erhalten, stand aber in der Angriffsmitte zumeist auf verlorenem Posten. Das Angreifen überließen die Kölner ihren Gästen.

Diese näherten sich in gewohnt schnellen Kombinationen dem Kölner Tor, übertrieben es aber in ihrer Kunst, der Ball wechselte oft so schnell den Besitzer, dass die Borussen das Ziel aus den Augen verloren. Das lag einerseits daran, dass der Offensivreihe mit Herrmann, Grifo, Stindl und Hazard der Zielspieler fehlte; und andererseits daran, dass die Kölner Abwehrspezialisten Meré, Heintz und Sörensen wirksam dagegenhielten. Sörensen fand in seltenen Ausnahmefällen auch mal den Weg nach vorn, was in der 34. Minute einen verblüffenden Effekt hatte: Einen langgezogenen Freistoß beförderte der Däne geradewegs ins Gladbacher Tor. So nahm der erste nennenswerte Vorstoß der Kölner gleich ein glückliches Ende. Die Borussen verpassten in Gestalt von Thorgan Hazard kurz vor der Pause den Ausgleich.

Mit der Einwechslung von Raffael zur Pause wurde aus der spielerischen Überlegenheit der Gladbacher auch Torgefahr. Die kritischen Momente in der Kölner Hintermannschaft häuften sich, aber die Gäste litten weiterhin daran, dass ihnen ein Vollstrecker fehlte. Nachdem Hazard und Stindl es geschafft hatten, noch aus dem Fünfmeterraum heraus das Tor zu verfehlen (67.), gelang Raffael der Ausgleich (69.). Die Kölner brachen daraufhin aus dem Belagerungszustand aus und gingen nun selbst zum Angriff über. In der 95. Minute wurde ihr Mut der Verzweiflung belohnt.