1. FC Köln gegen Bielefeld:Hennes im Home-Office

Lesezeit: 5 min

Wartet malmend auf seinen nächsten Einsatz: Auch Geißbock Hennes IX wird in Zeiten der Pandemie der Zutritt zum Stadion des 1. FC Köln verwehrt. (Foto: Anke Waelischmiller/Sven Simon/Imago)

Seit fast einem Jahr ist der Geißbock, das Wappentier des 1. FC Köln, nicht mehr im Stadion gewesen, aber ansonsten aktivieren auch die Rheinländer im Kampf gegen den Abstieg alle Reserven.

Von Philipp Selldorf, Köln

In der Dynastie der Kölner Geißböcke fällt Hennes IX als besonders stolzer Repräsentant seiner Spezies auf. Seine Hörner sind außergewöhnlich stattlich, und er trägt einen mächtigen schwarzen Bart, der jeden Kämpfer im afghanischen Pamir-Gebirge zieren würde. Im Alter von nicht mal drei Jahren ist er bereits Vater zweier Zicklein, und es ehrt ihn, dass er mit seinem Vorgänger Hennes VIII auf seinem Gehöft im Zoo friedlich unter einem Dach zu leben versteht.

Ob Hennes IX die Ausflüge nach Müngersdorf vermisst, ist nicht bekannt, dazu äußert er sich nicht. Seit fast einem Jahr ist das Wappentier des 1. FC Köln nicht mehr im Stadion gewesen, und dass der Klub seitdem keinen Heimsieg mehr verzeichnen konnte, animiert Fantasie und Aberglaube seiner Anhänger.

0:3 gegen Hoffenheim
:Köln verliert im Elfmeterschießen

Während Andrej Kramaric seine beiden Strafstöße verwandelt, vergibt Anthony Modeste vom Punkt. Die Abstiegsgefahr bleibt am Rhein groß, vor allem ist unklar, wie das Team genug Tore schießen will.

Von Christoph Ruf

Doch auch am Sonntag um halb vier, beim so wichtigen Heimspiel gegen Arminia Bielefeld, wird der Glücksbringer in seinem Heim verbleiben und lediglich über eine Web-Kamera zugeschaltet sein. Hennes im Home-Office, scherzt man beim FC, lässt aber keine Zweifel am Ernst der Sache gelten. Ein Tier passt nicht in Professor Tim Meyers Hygiene-Konzept, hat der Klub entschieden.

Außerdem verspricht man sich von der Anwesenheit des Geißbocks im zuschauerlosen Stadion keine bessere Laune, sondern das Gegenteil: Noch mehr Bewusstsein von Leere. Das Bild des einsam in der Fankurve postierten Schalker Maskottchens "Erwin" wird als abschreckendes Beispiel gesehen.

Wie die Konkurrenten aus Gelsenkirchen haben aber auch die Kölner pünktlich zum Treffen mit der Arminia ihre letzten Reserven für den Abstiegskampf mobilisiert und Verstärkungen für den Spielerkader angeheuert. Auch Schalke 04 lässt es ja nicht dabei bewenden, den knollennasigen Erwin in die Kurve zu stellen, damit er sein Fähnchen schwingt. Der Klub leistete sich nach Sead Kolasinac und Klaas-Jan Huntelaar noch einen dritten Zugang für die Rückrunde.

Wie die beiden alten Helden kommt zwar auch der Wolfsburger William, 25, zu freundschaftlichen respektive günstigen Konditionen. Aber das Budget belastet er trotzdem. Mindestens drei Millionen Euro investieren somit die Schalker in einen Abstiegskampf, der womöglich in wenigen Wochen schon aussichtslos ist. Dann wird man eventuell das Geld vermissen, das für den Umbau in der zweiten Liga und den Wiederaufstieg gebraucht wird.

Zuschauerentgelte, Marketing, Fernsehhonorare, Merchandising: die Einnahmen sinken

Alle restlichen Mittel einzusetzen, um trotz schlechter Karten vielleicht doch noch den Tisch als Sieger zu verlassen, das ist kein typisches Schalker Zocker-Phänomen, sondern ein Merkmal des Abstiegskampfes. In dieser Saison, in der die Corona-Krise dem Profifußball eine Rezession beschert, noch mehr als in gewöhnlichen Zeiten. Die Geschäftsführung des 1. FC Köln erwartet für die laufende Saison Umsatzeinbußen von wenigstens 35 Millionen Euro.

Zuschauerentgelte, Marketing, Fernsehhonorare, Merchandising - auf jedem Feld gibt es Minder-Einnahmen. Schon in den Geisterspielen im Frühjahr kamen zehn Millionen Euro abhanden. Während die Umsätze sinken, sind vielfach die Kosten noch auf altem Stand. Für einen Absteiger ist das besonders schwer zu verkraften.

Auch Mainz 05 hat daher das Geld für den nach England verliehenen Stürmer Jean-Philippe Mateta umgehend in neue Spieler gesteckt, um die sportlichen Chancen zu erhöhen. Danny da Costa und Dominik Kohr wurden zwar von Eintracht Frankfurt angeblich gebührenfrei an den Nachbarn entliehen, aber mit dem Unterhalt für zwei Profis der gehobenen Klasse ist es wahrscheinlich nicht getan. Folgezahlungen im Erfolgsfall sind in der Sportbranche ein üblicher Kniff. Wenn den Mainzern mit den beiden Neuen der Klassenerhalt gelingen sollte, täten sie sich vermutlich leicht, die Eintracht doch noch zu entlohnen.

Auch die Kölner würden liebend gern ihren belgischen Geschäftspartnern eine Prämie zukommen lassen, wenn der Stürmer Emmanuel Dennis als Leihgabe des FC Brügge zum Erfolg im Abstiegskampf verhelfen würde. Die Klausel eröffnete zudem finanziellen Raum, um auch noch den vertragsfreien Ex-Nationalspieler Max Meyer, 25, bis zum Sommer unter Vertrag zu nehmen. Alte Beziehungen hatten bei dem Geschäft nachgeholfen, aber es war nicht der kölsche Klüngel, sondern eine gemeinsame Gelsenkirchener Geschichte.

Schalke verliert gegen Köln
:Huntelaars Job wird zur Mission Impossible

Wegen Wadenproblemen verpasst der Rückkehrer aus den Niederlanden sein erstes Spiel bei Schalke 04 - und muss von der Tribüne mit ansehen, wie sein Klub mit 1:2 gegen den 1. FC Köln verliert.

Von Philipp Selldorf

FC-Manager Horst Heldt hatte einst als Schalker Sportchef Meyers Aufbruch in die Karriere begleitet und maßgeblich gefördert. 2013 verzichtete Heldt auf den Kauf des brasilianischen Leihspielers Raffael, weil er den Kader-Platz für den aufstrebenden 18-jährigen Nachwuchsmann Meyer offenhalten wollte. Raffael ging dann zu Borussia Mönchengladbach, wo er zum Schlüsselspieler avancierte, Meyer wechselte 2018 zu Chrystal Palace nach London, wo er reich, aber nicht berühmt wurde. Der mit relativ kleinem Geld finanzierte Aushilfsjob in Köln ergibt nun laut Heldt "eine Win-Win-Situation für alle".

Kölns Trainer Markus Gisdol hat seine neuen Leute mit einem Seufzer der Erleichterung begrüßt. "Wir haben lange darum gekämpft, dass wir was finden und dass sich was tut", sagte er am Freitag. Abgesehen von einer vielleicht schlampigen Formulierung steckt hinter diesem Satz ein für den Abstiegskampf bezeichnendes Denken: Dass man etwas tun muss, damit man etwas getan hat. Einen schnellen, geradlinigen Stürmer wie den 23-jährigen Nigerianer Dennis hat Gisdol nicht in seinem Team, weshalb er zuletzt meistens ohne Stürmer spielte und die universellen Profis Ondrej Duda und Marius Wolf zweckentfremdete.

Aber ob der betreffende Mann nun auch der richtige Mann am richtigen Ort ist? Für den gründlich TÜV-geprüften Wunschtransfer fehlen Zeit, Geld und Ruhe. Oberflächlich betrachtet, ist Dennis ein vorbildlicher Profi: Er steht auf schnelle Autos und luxuriöse Mode, die er bei Instagram vorführen kann - und er hat mal in der Champions League zwei Tore gegen Real Madrid geschossen, wenngleich im Stolpergang.

Auch für ein satirisches Motiv im Rosenmontagszug würde sich seine Geschichte eignen: Mit dem FC Brügge hatte er sich überworfen, weil ihm der Stammplatz genommen wurde. Nicht der Platz im Team, sondern sein Sessel im Mannschaftsbus, der dem Hygiene-Konzept zum Opfer gefallen war. Dennis verweigerte daraufhin die Mitfahrt und wurde vorübergehend suspendiert.

Das Duell gegen Arminia? "Unser 125. Endspiel in dieser Saison", sagt Horst Heldt

Ein Reporter aus Brügge hat in einem FC-Fanportal den Angreifer Dennis als "Rakete mit einer wirklich komplizierten Bauanleitung" bezeichnet. Soll wohl heißen: Der Coup kann zünden oder nach hinten losgehen. Aber allzu wählerisch zu sein, konnte sich der FC nicht leisten. Zumal die Zeit drängte, weil Besuch aus Bielefeld kommt.

Für Horst Heldt stellt das Treffen mit der Arminia ein Jubiläum dar - "unser 125. Endspiel in dieser Saison", wie er ironisch anmerkte, nachdem die Kölner Presse keine Gelegenheit ausgelassen hatte, die Bedeutung der Begegnung auszumalen. Der Manager hält dagegen: "Wir werden unter keinen Umständen die Garantie haben, dass wir uns nach diesem Spiel auf die Matratze legen und ausruhen können."

In der gegenwärtigen Lebenslage findet wohl kein führender Vertreter der Abstiegskandidaten ungestört Ruhe. Nur beim Aufsteiger Bielefeld war das Risiko von vornherein im Preis des Glücks inbegriffen, in Mainz und Köln ist man zumindest seit Jahren vertraut damit, im Frühjahr Szenarien für den Abstieg bei der DFL einzureichen.

Auf Schalke hingegen ist die Situation prekär, weil die Spieler oft noch auf Europacup-Niveau bezahlt werden und obendrein Kapitalverlust droht, da Verträge wertvoller Profis in der zweiten Liga nicht mehr gelten. Der FC ist da zumindest durch Ausstiegsklauseln abgesichert, und im Geißbockheim ist man zuversichtlich, dass der treue Kapitän Jonas Hector auch diesmal den schweren Gang mitmachen würde. Auf Hennes IX ist sowieso Verlass.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

1. FC Köln
:Gisdols unheilverheißende Sätze

Vor dem brisanten Spiel bei Schlusslicht Schalke 04 wird die Stimmung beim 1. FC Köln immer gereizter. Trainer Gisdol macht sich nicht gerade beliebt.

Von Philipp Selldorf

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: