Süddeutsche Zeitung

1. FC Kaiserslautern:Uffm Betze herrscht Frust

Bei den Pfälzern mehrt sich vor dem Spiel bei RB Leipzig die Kritik an Vorstandschef Stefan Kuntz. Nach zuletzt drei Liga-Niederlagen droht nun sogar echter Abstiegskampf.

Vielleicht sogar 35.000 Zuschauer erwarte Zweitligatabellenführer RB Leipzig am Sonntag zum Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern, sagt Ralf Rangnick, der Trainer von RB. "Damit wären wir auch in der Zuschauertabelle Erster. Wenn man sieht, wie viele Ex-Bundesligisten und Traditionsvereine in der Liga sind und dass wir mehr Zuschauer haben als Nürnberg, Kaiserslautern, Bochum oder 1860 und Freiburg, dann muss man über Dinge wie Projektklub, Retortenverein, Brauseklub kein Wort mehr verlieren. Die Stadt fiebert mit." Rangnick erzählte diese Statistik genüsslich den Lesern der Rheinpfalz. Den Fans des FCK wird dieser Tage wieder einmal nichts erspart. Während ihr Lieblingsklub nach zuletzt drei Niederlagen in Serie auf Rang 13 abgerutscht ist, und um die Gunst des Anhangs kämpfen muss, rennen ausgerechnet den Leipzigern die Zuschauer die Bude ein.

Das Duell am Sonntag ist ja eines der Gegensätze: Hier, die von den Millionen von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz hochgepäppelte Fußball-Organisation aus Leipzig, dort der Traditionsverein von Fritz Walter und Hans-Peter Briegel. Man mag sich nicht. Vorvergangene Woche erst warf RB-Vorstandsboss Oliver Mintzlaff seinem Lauterer Pendant Stefan Kuntz Doppelzüngigkeit vor. Kuntz habe vor dem vor allem bei den Pfälzer Fans umstrittenem Wechsel von FCK-Eigengewächs Willi Orban im Sommer dem Spieler intern erst "absolutes Verständnis" gegenüber geäußert, und dann nach außen eine andere Sprache gesprochen. Kuntz widersprach Mintzlaff, Orban und dessen Berater Roger Wittmann stützten die Version des RB-Vorstands.

Sportdirektor Schupp wird nicht ersetzt

Orban wird am Sonntag nicht mitspielen, er ist gesperrt. Das mindert für den FCK aber nicht die Brisanz der Partie. Nach zwei Startsiegen unter dem neuen Trainer Konrad Fünfstück verlor die Elf zuletzt dreimal in der Liga und schied im Pokal in Bochum ohne dabei ein eigenes Tor erzielt zu haben aus. Eine Niederlage mehr, und in Lautern müssten sie sich tatsächlich mit Abstiegskampf beschäftigen.

Seit 2008 steht Stefan Kuntz dem FCK vor, damals rettete sich der viermalige deutsche Meister am allerletzten Spieltag vor dem Abstieg in die dritte Liga. Nach einem zweijährigen Intermezzo im Oberhaus kickt Lautern nun schon im vierten Jahr hintereinander zweite Liga - und jetzt auch noch mit Tendenz nach unten. Der Frust darüber ist groß. Und nicht nur sportlich kriselt es auf dem Betzenberg. Seit Donnerstagabend gehen Markus Schupp und der 1. FC Kaiserslautern getrennte Wege. Bei einem Schlichtungstermin vor dem DFB-Schiedsgericht in Frankfurt wurde das Arbeitsverhältnis zwischen dem seit 1. Juli 2014 amtierenden Sportdirektor (Vertrag bis 30.6.2016) und dem FCK beendet. "Bis auf weiteres sind im Bereich der sportlichen Leitung keine Umstrukturierungen geplant", erklärte Kuntz, der sich die Aufgaben des Sportdirektors teilen will mit Cheftrainer Konrad Fünfstück sowie dem Leiter Scouting & Spielanalyse, Boris Notzon.

Nach der Trennung von Trainer Kosta Runjaic ging in Schupp der zweite sportliche Verantwortungsträger binnen ein paar Wochen. Runjaic wurde neben dem schwachen Saisonstart vor allem der Ende der letzten Saison auf den letzten Metern vergeigte Aufstieg zum Verhängnis. Schupp wurde nach Differenzen mit Kuntz über Arbeitsinhalte und Kompetenzen auch der seltsam komponierte Kader nach dem Umbruch im Sommer zum Verhängnis. Gleichzeitig soll Schupp aber auch als Kandidat in Hannover für den dort vakanten Posten des Sportdirektors gelten.

Viel Kritk an Kuntz, aber keine echte Opposition

Im siebten Jahr seiner Amtszeit steht nun aber auch Kuntz in der Kritik. Die Rettung 2008 rechnen ihm noch immer viele hoch an, aber ihm wird auch der zu große Personalverschleiß an Trainern und Spielern vorgeworfen. Im administrativen Sektor hört Finanzvorstand Fritz Grünewalt im nächsten Jahr auf, sein möglicher Nachfolger Ansgar Schwenken heuerte lieber bei der DFL an. Schwenken war bis vor kurzem Berater des FCK.

Derzeit steht Kuntz relativ alleine da, er versichert, "nicht davonlaufen" zu wollen. Auch gehe er "nicht angeschlagen" in die Mitgliederversammlung am 12. Dezember. Es gibt zwar im Umfeld des Klubs viel Kritik an Kuntz, aber keine klare Opposition. Der ehemalige Nationalspieler hat vor allem in seiner Kernkompetenz Sport Fehler gemacht. Als Klubchef muss er aber mit vielen Altlasten leben, die vor allem mit dem größenwahnsinnigen Ausbau des Fritz-Walter-Stadions zur WM-Arena 2006 zu tun haben. Kuntz sagt, er habe den Verein wirtschaftlich stabilisiert, auch ein fünftes Jahr zweite Liga werfe den Klub nicht aus der Bahn. Aber wer will das schon hören "uffm Betze"?

Zu seinem 53. Geburtstag musste sich Kuntz nach dem Abpfiff der letzten deprimierenden Heimpleite gegen Arminia Bielefeld "Vorstand raus-Rufe" anhören. Zudem werden Stimmen laut, der jüngste Cheftrainervertrag bis 2017 für Fünfstück sei voreilig geschlossen worden. Der erst 35 Jahre alte Fünfstück - zuvor U 23-Trainer und Leiter des Nachwuchsleistungszentrums - muss erst beweisen, die Statur zu haben, eine verunsicherte Mannschaft in einem negativen Umfeld aus der Krise zu führen.

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SZ vom 08.11.2015
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