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1:2 gegen Österreich:Verdient verloren trotz Neuers Paraden

Austria v Germany - International Friendly

Hatte zuletzt 2016 im DFB-Tor gestanden: Manuel Neuer bei seinem Comeback gegen Österreich.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Die DFB-Elf verliert im vorletzten Test vor der WM 1:2 gegen Österreich.
  • Manuel Neuer macht sein erstes Spiel nach langer Verletzungspause - und zeigt Paraden wie gewohnt.

Den Hagel ließ er auf sich herab hageln. Den Regen wischte er sich nicht aus dem Gesicht. Er zog sich auch nicht die Kapuze über den Kopf, er trug erst gar keine Regenjacke. Manuel Neuer lief, den Blick geradeaus, die Stirn in grimmige Falten gelegt, in seinem Strafraum hin und her und wärmte sich auf für sein erstes Spiel nach fast acht Monaten Verletzungspause wegen eines Mittelfußbruchs, über den wahrscheinlich in diesem Sommer in Deutschland jedes Kind weiß, dass er eine verdammt komplizierte Sache sein kann - so viel wurde darüber gesprochen. Bald, spätestens beim deutschen Auftaktspiel gegen Mexiko, will Neuer allerdings wieder wegen seiner Paraden im Gespräch sein, die seine Mannschaft wie 2014 durch das Turnier tragen sollen. Sollte es so kommen, wird man sagen, dass diesmal alles damit begann, dass er dem Unwetter von Klagenfurt trotzte.

Das vorletzte Testspiel der deutschen Nationalmannschaft vor dem Abflug nach Russland, die 40. Begegnung mit Österreich, brachte, wie man das von einem Test erwartet, ein paar Erkenntnisse: Zunächst die Einführung des Wortes "Platzbegehung" in den allgemeinen Sprachgebrauch. Eine Stunde nach der ursprünglich geplanten Anstoßzeit um 18 Uhr liefen die Schiedsrichter in Klagenfurt schon zum dritten Mal über den vom Regen getränkten Rasen, stampften, rollten Bälle vor sich her. Dann entschieden sie, die Partie mit rund 100 Minuten Verzögerung anzupfeifen.

Das Spiel zeigte dann, was sich in zwei Tests gegen die U20-Nationalmannschaft im Trainingslager in Südtirol bereits angedeutet hatte: Dass Kapitän Neuer gesund genug ist, um ein 90 Minuten langes Fußballspiel durchzuhalten. Das Spiel zeigte allerdings auch, dass die Mannschaft zwei Wochen vor Turnierstart jenseits der bislang alle Debatten bestimmenden Besetzung der Torwartposition noch ein paar Probleme zu lösen hat. Denn Deutschland verlor mit 1:2 (1:0) gegen Österreich, das für die WM nicht qualifiziert ist. Und Deutschland hatte diese Niederlage durchaus verdient.

Mesut Özil trifft zur Führung, doch dann kommt Österreich

"Immer wieder Österreich", sangen die Zuschauer nach dem Schlusspfiff, sie standen und klatschten und feierten den ersten Sieg Österreichs gegen Deutschland seit 32 Jahren. Das hatte sich Bundestrainer Joachim Löw natürlich anders vorgestellt. Zwar fiel die Begegnung einerseits mitten in eine Phase intensiver Trainingsarbeit. Lücken in der Abwehr, Abstimmungsschwächen zwischen den Mannschaftsteilen, Ballverluste in der Offensive, so etwas ist in solchen Spielen nicht überzubewerten. Andererseits hätte es Löw schon auch geholfen, hätten die Zuschauer am Samstagabend Grund dazu gehabt, "Immer wieder Petersen" zu singen - um nur ein Beispiel zu nennen.

Löw muss an diesem Sonntag seinen 27 Spieler großen Kader, der sich seit rund einer Woche in Südtirol auf das Turnier vorbereitet, um vier Spieler reduzieren. Am Montag wird er seine Entscheidung bekanntgeben. Nils Petersen, der überraschend nominierte Angreifer, gehört durchaus zu jenem halben Dutzend, das zu den Streichkandidaten zählt. Es war ein Symptom des verhaltenen deutschen Spiels, dass der Stürmer vom SC Freiburg in seinem ersten Länderspiel kaum an den Ball kam. Selten trug die DFB-Elf Angriffe so stringent vor, dass er sich hätte anbieten können. "Ich hätte gerne mit einem Tor oder einer guten Aktion auf mich aufmerksam gemacht", sagte Petersen, er wisse schon, dass er zu jenen Spielern zähle, die mit einer Abberufung rechnen müssten: "Aber ich hoffe, dass es trotzdem irgendwie reicht". Ähnliches sagte auch Mittelfeldspieler Julian Brandt, der ebenfalls von Beginn an spielte. Man müsse jetzt zwar nicht in Panik verfallen, aber es sei schon etwas rätselhaft gewesen, wie verunsichert die Mannschaft nach der Pause aus der Kabine gekommen sei, wie wenig Spielfluss entstanden sei.

Zwar traf Mesut Özil nach elf Minuten zum 1:0, als er einen zu kurz geratenen Abschlag von Österreichs Torhüter Jörg Siebenhandl mit der ersten Berührung kontrollierte und der zweiten per Drop-Kick in die lange Ecke schlenzte, ein wunderbares Tor. Doch schon wenig später bestanden die deutschen Offensivaktionen oft nur aus ziellosen Dribblings von Leroy Sané. Und spätestens in der zweiten Hälfte, als Löw für Sami Khedira im defensiven Mittelfeld Sebastian Rudy einwechselte, wirkte die deutsche Abwehrkette dahinter oftmals unsicher, ging die Organisation im Spiel mitunter verloren - und vorne hatte Deutschland nur noch wenige Ideen. "Vieles hat auf einmal nicht mehr geklappt", sagte Brandt. In der 53. Minute schlug David Alaba einen Eckball bis weit über den Fünfmeterraum, Martin Hinteregger traf per Volley zum Ausgleich. Österreich bestimmte plötzlich die Begegnung, hatte Chancen. In der 69. Minute traf Alessandro Schöpf zum 2:1, Stefan Lainer hatte den Ball nach einem weiten Flügelwechsel zurückgelegt. Am Ende einer Kette von Fehlern fiel das Tor wie schon beim Ausgleich auf der Seite, wo Jonas Hector verteidigen sollte.

Allerdings, und das war wohl trotz allem das wichtigste an diesem Abend, hatte Manuel Neuer keinen Fehler gemacht, nur ein paar Abstöße nicht zielgenau ins Feld geschlagen, einmal gegen Österreichs angeblich von Manchester United umworbenen Stürmer Marko Arnautovic pariert und sich am Ende mit Applaus von den Fans verabschiedet. Stürmer Timo Werner, der erstmals ein Spiel mit Neuer bestritt, sagte: "Es wundert mich nicht mehr, dass dieser Mann Jahr für Jahr Welttorhüter wird."

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Der Münchner verteidigt lange souverän, am Ende geht aber auch er ein bisschen unter. Leroy Sané sucht die Körperspannung. Sami Khedira zeigt, warum er wichtig ist. Das DFB-Team gegen Österreich in der Einzelkritik.