0:3 in Amsterdam Ein Spiel, das die Zweiteilung der Nationalmannschaft offenlegt

  • Die deutsche Nationalmannschaft verliert in Amsterdam 0:3 gegen die Niederlande. Während und nach dem Spiel erkennt man Anzeichen einer Spaltung.
  • Einige verdientere Spieler versuchen, die Lage schönzureden, andere, vornehmlich die Jüngeren, widersprechen dieser Interpretation und mahnen zur Selbstkritik.
  • Joachim Löw wird sich unangenehme Gedanken machen müssen - etwa, ob er beim Neuaufbau auf die richtige Achse gesetzt hat.
Von Philipp Selldorf, Amsterdam

Die Stadionordner in der Johan-Cruyff-Arena durften sich glücklich schätzen über ihre wasserdichte Arbeitskleidung, als ein paar Minuten nach halb elf am Samstagabend ein Platzregen über ihnen niederging. Der Regen fiel nicht vom Himmel, sondern vom Oberrang Nord, wo die deutschen Fans entschieden hatten, ihre restlichen Getränkevorräte zu opfern, um Frust und Zorn zum Ausdruck zu bringen. Die Bierdusche traf dann zwar die Ordner, aber die Männer, die gemeint waren, verstanden die Botschaft auch so. Sie stellten ihre verschämten Danksagungen vor dem Auswärtsblock ein und zogen sich zügig zurück. Toni Kroos war dem Rest seines Teams da schon weit voraus, er hatte die Büßertour zur Kurve erst gar nicht mitgemacht, sondern stracks die Gegenrichtung angesteuert. Diesen Alleingang braucht man nicht überzubewerten. Man braucht ihn aber auch nicht unterzubewerten am Abend einer 0:3-Niederlage, die nicht nur sportliche, sondern auch stilistische Grundsatzfragen aufgeworfen hat.

Eine Niederlage hätten die meisten der mitgereisten Anhänger vermutlich murrend, aber halbwegs gefasst toleriert, aber diese Niederlage trug am Ende Züge eines Debakels, die deutsche Mannschaft brach zum Schluss zusammen wie, nein, nicht wie das Kartenhaus oder eines der schiefen Bauwerke des Architekten Numerobis - sondern wie ein Team, das keines ist. Selbst der zu harten Worten oder gehaltvollem Tadel nicht geneigte Bundestrainer gab zu verstehen, dass ihm das nicht gefallen hatte: "Dass wir dann so auseinanderfallen, dass dann keiner Verantwortung übernimmt, und dass wir in den letzten Minuten noch zwei Tore bekommen - das sollte normalerweise nicht der Fall sein."

Nations League Eine Art Endspiel für Joachim Löw
Partie gegen Frankreich

Eine Art Endspiel für Joachim Löw

Die Zukunft des Bundestrainers ist stark vom Ergebnis gegen Frankreich abhängig. Er macht den Eindruck, als würde er aus Trotz und Sturheit die Rufe nach einer Erneuerung der Nationalelf überhören.   Kommentar von Philipp Selldorf

Dieser Zusammenbruch, das hat womöglich auch Joachim Löw auf seine beherrschte Art sagen wollen, war mehr als eine Laune des Fußballabends oder ein zugegebenermaßen etwas krasser Schönheitsfehler - dieser Zusammenbruch war ein Symptom, eine Art Entblößung und Entlarvung. Der drohende, sofortige Abstieg aus der Eliteklasse der Nations League, genannt Liga A, bringt die unschöne Wahrheit über den aktuellen deutschen Leistungsstand sichtbar zum Ausdruck.

Die sture Routine der Älteren lässt manchmal eine Art Karriere-Dämmerung erahnen

In Wahrheit dauerte der Zerfall auch nicht bloß jene sieben Minuten, in denen die Niederländer ihre immer wieder wacklige 1:0-Führung aus der ersten Halbzeit zu einem triumphal aussehenden 3:0 ausbauten. Er hatte ja schon lange vorher eingesetzt, was sich außer in der zunehmenden Zahl holländischer Konter auch in der Zweiteilung der deutschen Mannschaft äußerte. Hier die teils bis zur Hyperaktivität eifrigen Jungen und Jüngeren wie Joshua Kimmich, Timo Werner, Leroy Sané, Julian Draxler und Julian Brandt, dort die Altgedienten wie Jérôme Boateng, Mats Hummels und Toni Kroos, die nicht durch Hingabe und Beschützer-Verdienste auffielen, und deren sture Routine manchmal die Karriere-Dämmerung ahnen ließ.

Eine Art von Zweiteilung klang später auch in den Stellungnahmen an. Hier die Auffassungen von Draxler ("so können wir nicht weitermachen") und Kimmich ("Schönreden bringt jetzt nichts mehr"), dort der Widerspruch von Hummels: "Wir haben in Holland ein Spiel gemacht, bei dem wir mindestens zwei, eher drei, vier Tore schießen müssen - und am Ende werden wir halt zweimal ausgekontert nach einfachen Ballverlusten." Wieder stellte sich da die Stilfrage. Nicht weil der Münchner Abwehrspieler eine exzentrische Meinung vertrat, sondern weil er exklusiv den Mitspielern die Schuldigkeit zuwies. So klang sein "wir haben uns nicht viel vorzuwerfen" nach An-mir-hat's-nicht-gelegen - unabhängig davon, dass sich die deutsche Torlosigkeit in der Tat zum Syndrom entwickelt hat (siehe Artikel "Die Fehlbarkeit der Unantastbaren").

Kurz vor Mitternacht verließ als einer der letzten deutschen Spieler Jérôme Boateng das Stadion. Er humpelte und seine Schritte waren so schwerfällig, als würde er einen Überseekoffer schultern. Boateng hatte einen schlimmen Abend hinter sich, es war teilweise bedrückend, ihm zuzuschauen. Vor dem geistigen Auge sah man den Boateng, der im Finale der WM 2014 als grandiose Ein-Mann-Abwehr fungiert hatte, doch auf dem Feld in Amsterdam sah man einen verzweifelt mit sich ringenden Mann, mit himmelschreienden Fehlpässen und zahlreichen vergeblichen Versuchen, Sprints anzuziehen, um die davonrasenden Gegner einzufangen. Hatte Löw das nicht auch gesehen? "In dem Spiel war es für mich logisch, nur vorne zu wechseln", sagte der Bundestrainer und verwies auf die Notwendigkeit, das 0:1 aufzuholen.