1. FC Nürnberg Zorro sucht das Tor

Schwerpunkt auf Umschaltspiel: Nürnbergs Trainer Boris Schommers sieht Steigerungspotenzial.

(Foto: Daniel Kopatsch / Bongarts / Getty Images)

Boris Schommers hat beim Club die Defensive stabilisiert. Gegen Schalke muss auch die Offensive überzeugen - für die Hoffnung auf den Klassenverbleib.

Von Sebastian Fischer

Es gab mal eine Zeit, in der wurde Boris Schommers auf dem Fußballplatz "Zorro" genannt, nach der berühmten Romanfigur, dem gefürchteten Rächer der Armen mit der gefährlich aussehenden Maske. Man sollte allerdings besser gleich dazusagen, dass es sich um einen arg begrenzten Zeitrahmen im Jahr 2003 handelte: Schommers, damals Spieler in der Kreisliga A für einen Verein namens TuRa Dieringhausen, hatte sich das Nasenbein gebrochen und trug eine Gesichtsmaske. "Er sah aus wie Zorro und er traf innerhalb von zwei Minuten zwei Mal", berichtete die Lokalzeitung. Schommers galt im Oberbergischen Kreis im Kölner Umland als Spielmacher mit Torriecher. Sein Name stand für Torgefahr. Doch das ist nun schon eine Weile her.

Am Donnerstag, dem Tag vor seinem vorerst vielleicht wichtigsten Spiel als Interimstrainer des 1. FC Nürnberg, saß Schommers ohne Zorro-Maske in der Pressekonferenz. Er trug wie immer eine Hornbrille, er lächelte freundlich und sprach darüber, am Freitagabend gegen den FC Schalke 04 gewinnen zu wollen. Es ist womöglich die letzte Chance des Tabellenvorletzten auf den Klassenverbleib. Schommers weiß: Dafür braucht der Club mehr Torgefahr. Und das ist das Problem.

Es ist nun etwas mehr als acht Wochen her, dass Schommers, 40, den Job des beurlaubten Michael Köllner übernommen hat, dessen Assistent er zuvor seit 2017 gewesen war. Der gebürtige Leverkusener hat manches besser gemacht als sein Vorgänger: Er hat pro Spiel mehr Punkte geholt, die Spieler mental aufgebaut, unter ihm kassiert das Team weniger Gegentore. Der 1. FC Nürnberg der Rückrunde habe nichts mehr mit dem 1. FC Nürnberg der Hinrunde zu tun, sagte gar RB Leipzigs Trainer Ralf Rangnick Anfang März.

Doch sechs Spieltage vor Schluss fehlen dem Club weiterhin vier Punkte auf den Relegationsplatz. Unter Schommers hat Nürnberg in sechs Spielen vier Punkte geholt und sechs Tore geschossen, allerdings drei davon unter freundlicher Mithilfe eines schwachen FC Augsburg. Und Schalke, lobte Schommers, habe sich - "ähnlich wie bei uns" - nach dem Trainerwechsel von Domenico Tedesco zu Huub Stevens "gerade in der Defensive sehr stabilisiert". Die Frage ist also, was den Nürnbergern für ihre Offensive Hoffnung machen könnte - zumal in Virgil Misidjan ein wichtiger Flügelangreifer gelbgesperrt fehlt.

Schommers hat eine mögliche Antwort offenbar auch in der Studie des 1:1 beim VfB Stuttgart am vergangenen Samstag gefunden. Dort hatte der Club lange geführt, erst nach 75 Minuten den Ausgleich kassiert und danach noch Chancen auf das 2:1 vergeben, also "leider zwei Punkte liegen gelassen", sagte der Trainer. Als er nach Matheus Pereira gefragt wurde, Torschütze sowohl in Stuttgart als auch in der Woche davor gegen Augsburg, sagte er: "Wenn er ein sehr gutes Spiel gemacht hätte, dann hätten wir das Spiel gewonnen."

Schommers sieht also offensichtlich noch Steigerungspotenzial. Der Schwerpunkt im Training lag in den vergangenen Wochen den regelmäßigen Beobachtern vom Fachmagazin Kicker zufolge auf dem Umschaltspiel, dessen ungenaue Ausführung in Stuttgart weitere Großchancen verhinderte. In dieser Woche trainierte der Club unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Spiele gegen Schalke sind in Nürnberg immer besonders, die Fanlager beider Klubs sind befreundet, zahlreiche Spieler wechselten in den vergangenen Jahren vom Club zu S04, etwa Stürmer Guido Burgstaller, der sich für diesen Freitag gar ein Jubelverbot auferlegte. Diesmal ist die Begegnung besonders wichtig. Auch die Schalker sorgen sich als Tabellenvierzehnter bei fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang ja noch um den Klassenverbleib. Und für Nürnberg fällt die Partie zudem in eine Zeit des Umbruchs. Es geht für alle Spieler auch um Eigenwerbung.

Am Montag wird Robert Palikuca seine Arbeit aufnehmen, der von Fortuna Düsseldorf verpflichtete neue Sportdirektor. Er wird dann womöglich schon genauer wissen, für welche Liga er einen Kader zusammenstellen muss - und mit wem er planen kann. Nach einem Bericht der Bild-Zeitung interessieren sich zum Beispiel für Mittelfeldspieler Patrick Erras, 24, Klubs aus der Premier League und der Bundesliga.

Auch über die Zukunft von Boris Schommers muss Palikuca demnächst entscheiden, der Vertrag des Interimstrainers läuft zum Saisonende aus. Er habe mit Palikuca bereits telefoniert, sagt Schommers. Vielleicht weiß er also schon, was er tun muss, um bleiben zu dürfen.