1. FC Nürnberg Schluss mit Fußball

Als Co-Trainer ist Boris Schommers beim FCN unter anderem für die Abwehr zuständig gewesen. In Zukunft braucht es aber auch ein paar weitere spielerische Lösungen.

Von Sebastian Fischer

Es ist nicht auszuschließen, dass einige Kölner am Montagabend die Wehmut gepackt hat, falls sie fernsahen. Nun ist das per se nichts Besonderes, Melancholie ist ja tief in der rheinischen Seele verankert, aber diesmal hatte es sogar einen triftigen Grund. Denn sie sahen einen Trainer, der gegen Deutschlands zurzeit beste Fußballmannschaft einen Punkt gewonnen hatte, und zwar mit der gerade schwächsten Erstligamannschaft. Er erklärte diesen Coup überlegt und gelassen. Dieser Trainer hatte sich einst eine Zukunft beim 1. FC Köln gewünscht.

Boris Schommers, 40, ist in Leverkusen geboren, hat an der Sporthochschule in Köln studiert und im FC-Nachwuchs seine Karriere als Trainer begonnen. Doch am Montag hat er dem 1. FC Nürnberg in seinem ersten Spiel als Bundesligatrainer zu einem 0:0 gegen Borussia Dortmund verholfen. Und so hatte Schommers einen großen Anteil daran, dass Nürnberg wieder an den Klassenverbleib glaubt. Denn der Punktgewinn war ein Sieg seiner Taktik.

Die Skepsis war groß gewesen, schließlich ist ein loyaler Assistent, wie es Schommers für Michael Köllner war, nicht unbedingt prädestiniert für radikal neue Impulse, wie man sie sich von Trainwechseln erhofft. Und viele in Nürnberg glauben, dass die Trennung von Köllner und Sportvorstand Andreas Bornemann vor einer Woche ohnehin zu spät kam. Aber dann stand am späten Abend der Nürnberger Lukas Mühl vor den skeptischen Journalisten und sagte: "Wir leben auf jeden Fall, wir waren noch nie abgeschlagen!" Bis zum Relegationsplatz 16 sind es nur zwei Punkte. Mühl, als Innenverteidiger zentraler Bestandteil der in zwei tief stehenden Viererketten organisierten, bollwerkartigen Defensive, erklärte auch, was der Interimstrainer anders gemacht hatte. Unter Köllner hatte Nürnberg das Hinspiel 0:7 verloren und war kläglich beim Versuch gescheitert, proaktiv am Spiel mit einer individuell viel besser besetzten Mannschaft teilzunehmen. Köllner hatte an diesem Ansatz bis zu seiner Entlassung festgehalten. "Im Hinspiel haben wir noch versucht, dass wir fußballerisch viel lösen. Das muss man halt einsehen, dass man gegen Gegner wie Bayern, Dortmund, Leipzig und Gladbach nicht so möglich ist. Da muss man sich auf andere Dinge konzentrieren", sagte Mühl.

Dem Ball darf er nachblicken: Nürnbergs Torwart Christian Mathenia wehrte alle Schüsse auf sein Tor ab, dieser ging daneben.

(Foto: David Inderlied/imago)

Kein Fußball als Lösung also? Es hatte durchaus Ironie, dass Schommers, Mitschüler von Bremens Florian Kohfeld im DFB-Trainerlehrgang, Einser-Absolvent und zwangsläufig Freund modern klingender Erklärungen, den Punktgewinn erklärte, als würde ihm Trainer-Haudegen Huub Stevens soufflieren. "Wenn erst mal die Null steht", sagte Schommers, "werden wir die Möglichkeit haben, den einen oder anderen Akzent nach vorne zu setzen." Andererseits passte es durchaus zur bisherigen Laufbahn von Schommers beim Club: Als Co-Trainer war er unter anderem für die Organisation der Abwehr zuständig gewesen.

Akzente nach vorne fielen gegen Dortmund weitestgehend aus, hinten gelang die Taktik auch wegen exzellenter Paraden von Torhüter Christian Mathenia gegen Dortmunds Mario Götze. Aber am Ende stand das 0:0, und so konnte Mühl die Floskel aufsagen, auf die ganz Nürnberg zu warten schien: Ja, "mit 'ner breiten Brust" fahre die Mannschaft nun zum Auswärtsspiel nach Düsseldorf. Doch er mahnte auch: Dort brauche es natürlich ein paar fußballerische Lösungen. Doch auch wenn gegen Dortmund nur zwei Kopfballchancen von Hanno Behrens heraussprangen, zeigte schon das Spiel am Montag in Indizien, wie Schommers, dessen Ansprache laut Behrens etwas "knackiger" ist als die Köllners, sich dem gegnerischen Tor nähern will.

Gerangel am Studio

Im Studio des TV-Senders Eurosport ist es beim Spiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und Dortmund zu einem Zwischenfall gekommen. Zwei Fußballfans versuchten, am gläsernen Studio Protestbanner gegen die Montagsspiele aufzuhängen. Dadurch sollte der Sendeablauf gestört werden. Wie die Polizei in Nürnberg am Dienstag mitteilte, kam es anschließend vor dem Studio zu einem Gerangel zwischen den Fans und Mitarbeitern des Senders. Dabei sei ein Vertreter an der Hand verletzt worden. Der TV-Sender verurteilte das Verhalten als "inakzeptabel" und erstattete Anzeige. "Wir werden den Vorfall der DFL melden und mit dem Rechtegeber besprechen, wie solche Situationen zukünftig vermieden werden." Der 1. FC Nürnberg teilte mit, dass mit Hilfe seines Ordnungsdienstes "einer der beiden Täter in Gewahrsam genommen und der Polizei übergeben werden" konnte. dpa

Schommers stellte den zuletzt nicht berücksichtigten U21-Nationalspieler Eduard Löwen auf, genau wie den nur sporadisch eingesetzten Japaner Yuya Kubo. Löwen bereitete eine Chance aus dem Spiel heraus durch Behrens vor, Kubo zeigte in vorsichtigen Ansätzen Technik und Tempo. Mit dem Engagement aus dem Dortmund-Spiel, sagte Schommers, "haben wir eine gute Chance, auch gegen andere Gegner etwas mitzunehmen".

Wie lange Schommers dafür verantwortlich ist, das steht noch nicht fest. Der neue Sportvorstand, den der Aufsichtsrat noch sucht, entscheidet über die Zukunft des Trainers. "Es war für mich ein schönes Erlebnis", sagte Schommers jedenfalls zu seinem Debüt als Entscheider an der Seitenlinie. 2017, als er in Köln keine Perspektive aufgezeigt bekam und sich in Nürnberg bewarb, hatte er eigentlich nur Nachwuchskoordinator werden wollen, heißt es. Doch er überzeugte Köllner derart, dass er ihn als Assistenten haben wollte. Sein alter Chef hat übrigens mal über Schommers gesagt: "Boris könnte auch eine Profi-Mannschaft trainieren, da bin ich mir sicher."