1. FC Nürnberg Etwas Wasser in der Wüste

Verwirrende Zeichensprache: Nürnbergs Interimstrainer Boris Schommers schickt seine Spieler auf unterschiedliche Routen.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Nürnberg vergibt die Chance auf einen Coup in Leverkusen, tröstet sich aber mit der eigenen Leistung - und dem Versagen der Konkurrenz.

Von Ulrich Hartmann, Leverkusen

In großen Krisen sucht man die Hoffnung im Detail, und ein solches war am Ostersamstag jene Szene, für die Tim Leibold und Matheus Pereira vielleicht sogar den Preis für den schönsten Nürnberger Spielzug der Saison verdient hätten. Mit individueller Artistik und harmonischen Doppelpässen schwebten sie durch die Abwehr des hochkarätig besetzten Europapokal-Anwärters Bayer Leverkusen und spielten den Ball zu guter Letzt noch so geschmeidig zum Kameraden Eduard Löwen, dass dieser sich die Kugel elegant zurechtlegen und gen Torwinkel schlenzen konnte. Was dann passierte, war auch schon der einzige Wermutstropfen dieses ansehnlichen Nürnberger Vorstoßes. "Er ist halt nicht reingegangen", sagte Löwen achselzuckend auf die Frage, was da bei seinem Schuss schiefgegangen sei. Ein Treffer, sechs Minuten vor Schluss, hätte das 1:1 bedeutet, "und dann, glaube ich, hätten wir hier einen glücklichen, aber nicht unverdienten Punkt mitgenommen", sagte Trainer Boris Schommers. So blieb den Franken nur der positive Eindruck zum Mitnehmen in die letzten vier Spiele.

"Wir haben schon wieder gut gespielt", sagte Löwen nach der 0:2-Niederlage in Leverkusen ein bisschen perplex, vor allem aber leicht frustriert mit dem Blick voraus. Es gäbe in der Bundesliga ungefähr zehn Mannschaften, gegen die sich die Nürnberger mit einer vergleichbar guten Leistung im nächsten Spiel eine Siegchance ausrechnen dürften, aber Spielplan und Schicksal wollen es, dass sie am kommenden Sonntagabend einen FC Bayern München empfangen, der zu diesem Zeitpunkt der Saison ausnahmsweise mal noch nicht als deutscher Meister feststeht. Unter der diesbezüglichen Freude einer ganzen Branche leiden die Nürnberger, die sich so kaum allzu große Hoffnungen machen dürfen. Stürmer Mikael Ishak sagt: "Gegen Bayern wird es wie gegen Leverkusen - nur noch schwieriger!" Und Löwen sagt: "Gegen Bayern muss ein Wunder passieren." Nur eine Woche nach Ostern könnte das knapp werden, denn Wunder haben keine Inflation.

Interimstrainer Schommers wird die Seinen vor dem Derby also vermutlich an das erste Spiel unter seiner Leitung erinnern, als man Meisteranwärter Borussia Dortmund Mitte Februar ärgerte. "Mit unseren Fans im Rücken haben wir auch dem BVB ein Nullzunull abgeluchst", sagt stolz der Kapitän Hanno Behrens und fragt sich, warum das gegen die Bayern nicht wieder gelingen sollte. Angreifer Ishak schürt glaubensbedingte Gründe: "Hoffnung macht uns der Glaube an uns selbst, von den anderen glaubt jedenfalls keiner mehr an uns - das ist ja das Gute!"

Skeptischen Clubberern empfiehlt sich in dieser Woche ein Ausflug an den Valznerweiher, wo die Spieler trainieren und wo man laut Ishak Zeuge einer Metamorphose werden kann, denn: "Wir trainieren wie die Tiere!" Mit solchen Sätzen wollen die Franken allen klarmachen, dass sie sich trotz nur eines einzigen Sieges aus den jüngsten 24 Ligaspielen noch längst nicht aufgegeben haben. Das ist aber nicht nur ihr eigenes Verdienst, sondern auch jenes der miesen Konkurrenten, weshalb die Nürnberger nach dem Schlusspfiff schnell nach dem Resultat aus Augsburg dürsteten und dann, als sie vom Stuttgarter 0:6 erfuhren, selig dreinschauten wie Wüstendurchquerer nach dem ersten Schluck Wasser. Die Nürnberger sind gegenüber Stuttgart weiterhin nur drei Punkte schlechter, aber acht Tore besser. "Gegen Leverkusen haben wir mal wieder gezeigt, dass wir auch mit Topteams mithalten können, und das macht mir auch für die nächsten Spiele Hoffnung", sagt Schommers.

Keinen Zuspruch bekam der Trainer am Wochenende derweil von seinem Vorgänger Michael Köllner, der sich im BR-Fernsehen nicht erbaut zeigte über die Beförderung seines vormaligen Assistenten Schommers. "Das war so nicht besprochen", sagte Köllner und unterstellte Schommers mit dieser Aussage offenbar mangelnde Loyalität. Kontakt habe man jetzt jedenfalls keinen mehr, so Köllner, "da gibt es von meiner Seite auch nichts mehr zu sagen".