Meterhohe Skulpturen des deutsch-britischen Bildhauers Tony Cragg stehen am Remigiusplatz in Bonn oder vor dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestags in Berlin - und neuerdings am oberbayerischen Tegernsee. Vier Meter hoch und vier Tonnen schwer ist der „Runner“ aus Bronze am Seeufer in Rottach-Egern. Das 1,2 Millionen Euro teure Schichtgebilde ist bis September 2025 an der Ganghoferstraße installiert. Gemeinsam mit einer zweiten Skulptur von Cragg mit dem Titel „We“ vor dem Olaf Gulbransson Museum in der Stadt Tegernsee soll der Runner auf die Tegernsee Art Masters im Jahr 2026 einstimmen.
Auf der Kunstschau sollen mehr als ein Dutzend Künstler mit internationalem Hintergrund dann im öffentlichen Raum rund um den Tegernsee ausstellen. Erwartet werden etwa die Deutsch-Iranerin Bettina Pousttchi und Enrique Asensi aus Spanien, der viel mit wetterfestem Baustahl für seine Skulpturen arbeitet. Beteiligen soll sich ebenso Daniel Buren. Der französische Maler und Bildhauer ist unter anderem für seine Installationen mit darauf angebrachten, exakt 8,7 Zentimeter langen, vertikalen Streifen bekannt.
Der organisierende Verein Tegernsee Art Masters wurde im März 2024 gegründet. Erklärtes Ziel ist es, Kunst- und Kulturveranstaltungen im Tegernseer Tal zu fördern. Bildende und darstellende Kunst, Musik, Literatur, Design- und Medienkunst sollen genauso eine Rolle spielen wie Installationen und Sport. „Das Prinzip der Nachhaltigkeit sowie ein kultureller Mehrwert für die Region bestimmen das Handeln des Vereins“, heißt es in der Satzung. Der Vorsitzende Thomas Tomaschek ist gebürtiger Tegernseer, studierte klassisches Saxophon am Richard-Strauss-Konservatorium München, legte ein Konzertexamen an der Musikhochschule Köln ab. Er hat Kulturmanagement studiert und arbeitet im Tegernseer Tal freiberuflich als Heimatführer. Ihm stehen im Verein Tegernsee Art Masters Katharina Filipski als stellvertretende Vorsitzende und Johannes Heyne als Schatzmeister zur Seite.
„Seemeile Nr. 1 - Elemente“ steht als Motto für die zweite größere Schau im öffentlichen Raum, die der Verein nach 2024 im Tegernseer Tal organisiert. Die Ausstellung soll die fünf Elemente - Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser - aufgreifen und Installationen zeigen, die sich visuell mit der Natur, ihrem Schutz, ihrer Vielfalt und ihrer Wahrnehmung auseinandersetzen. Die Organisatoren verstehen den nautischen Begriff der Seemeile als ein Areal von künstlerischer Dichte, kultureller Lebendigkeit und Entdeckungsfreude. Zu sehen sollen neben Skulpturen etwa Papierinstallationen oder Fotografien sein. Zudem soll es für das Publikum eine sogenannte Walking Art Performance geben. Als Kuratorin agiert Dr. Ellen-Andrea Seehusen, die 2007 die Agentur International Arts Management gründete.
Angespornt für eine zweite Auflage der Freiluftausstellung hat die Verantwortlichen im Verein die Auftaktschau von 2024. Zwischen Juni und Oktober setzten damals die Tegernsee Art Masters mit dem Lebenswerk von Stefan Szczesny im Tegernseer Tal Akzente. 30 farbige Schattenriss-Figuren aus Stahl des in München geborenen Malers, Zeichners und Bildhauers verteilten sich im öffentlichen Raum. Die farbigen Stahlskulpturen waren unter anderem in New York, Miami, London, Paris, St. Barth und St. Tropez, wo Szczesny seit dem Jahr 2000 lebt, zu sehen. Am Tegernsee waren die an prominenten Orten platzierten Figuren wieder gemeinsam zu betrachten.
Im Zentrum stand der 6,50 Meter hohe „Arbre de Vie“, wie der „Baum des Lebens“ auf Französisch heißt, aus poliertem Edelstahl. Die Skulptur war im Jahr 2014 zur Retrospektive „Szczesny: Métamorphoses Méditerranéennes“ entstanden. Es soll eine Vision des irdischen Paradies darstellen und eine Ode an das Lebensglück abbilden. Integriert sind zwei spiegelpolierte Figuren, die durch ihre Reflexionen dem Baum ermöglichen, das Licht einzufangen. Dass die Skulptur in Tegernsee gezeigt werden konnte, ermöglichte die Cosmo Art & Science Foundation.
Jahrhundertelang war das Kloster Tegernsee Nukleus für die Kultur- und Wissenschaftsvermittlung in der Region. Als nach der Säkularisation der bayerische König Max I. Joseph im Gebäude seine Sommerresidenz einrichtete, wurde der Tegernsee zum Anziehungspunkt für Kunst- und Kulturschaffende. Die suchten am Ort die Nähe zum Hof der Wittelsbacher. An diese Tradition will der Verein Tegernsee Art Masters mit seinen Projekten anknüpfen. Für heuer bekamen die Organisatoren erst kurzfristig die Zusage, die Skulpturen von Tony Cragg an den Tegernsee bringen zu können. Allein die vier Tonnen schwere und vier Meter hohe Skulptur „Runner“ zu bewegen, war aufwendig. Mehrere Stunden dauerte es, bis das Objekt schließlich an seinem Platz stand. Von tausenden Kilometern, die der „Runner“ bereits zu verschiedenen Ausstellungsorten zurückgelegt habe, spricht der Vorsitzende der Tegernsee Art Masters, Thomas Tomaschek: „Jetzt verschnauft er am Tegernsee.“
Die zwei ineinander verdrehten geschichteten Stränge aus Bronze wachsen dynamisch empor. Die Skulptur „We“ vor dem Olaf Gulbransson Museum, mit dem die Tegernsee Art Masters kooperieren, erinnert an einen Tannenzapfen. Wer genauer hinsieht, stellt fest, dass sich das Objekt aus lauter Männerköpfen zusammensetzt. Eine Einladung, auch bei der kommenden großen Schau im Jahr 2026 genau hinzuschauen.
Benjamin Engel