Ein weiterer strahlender Sommertag, schon am Morgen steigt die Hitze auf, grün leuchten die Wiesen, über die ein leichter Wind streicht. Thomas Pohn, Stützpunktleiter der Luftrettungsstaffel Bayern e. V. in Königsdorf ist nicht überrascht, als gegen elf das Landratsamt in Bad Tölz-Wolfratshausen anruft. Seit über einer Woche hat es nicht mehr geregnet. Die heiße Junisonne hat Pflanzen und Böden ausgetrocknet - erhöhte Waldbrandgefahr. Einen Tag später klettert Pilot Christian Ponradl gemeinsam mit dem Luftbeobachter Markus Noack in seinen Motorflieger und steigt in den weiß-blauen Himmel auf, um die Voralpenlandschaft nach Rauchsäulen abzusuchen. -
Der Deutsche Wetterdienst berechnet laufend den Waldbrandgefahrenindex. Ist die Gefahrenstufe vier (hohe Gefahr) erreicht und geht die Tendenz hin zur höchsten Stufe fünf (sehr hohe Gefahr), wird das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen aktiv. Nach Beratungen mit den zuständigen Förstern werden dann Überwachungsflüge der Luftrettungsstaffel in den betroffenen Gebieten angefordert. Abgeflogen wird ab Königsdorf eine feste Route über dem südlichen Landkreis München, Bad Tölz, Wolfratshausen und Miesbach, eineinhalb Stunden dauere ein solcher Einsatzflug, sagt Pohn. Wenn die Behörde den Flug angefordert hat, muss auch immer ein qualifizierter Flugbeobachter mit an Bord sein. Aber auch bei privaten Flügen sind Piloten der Luftrettungsstaffel dazu verpflichtet, auf mögliche Gefahrenquellen zu achten und Verdachtsmomenten nachzugehen.
Thomas Pohn plant in Königsdorf als Stützpunktleiter die Einsätze. Der Flugplatz beherbergt als Haltergemeinschaft sechs Vereine in sechs Hallen. Pohn wählt aus den rund 300 Piloten, die von hier abheben, Kandidaten für die Staffel aus: "Im Moment fliegen 14 Piloten - alle männlich. Allesamt routinierte Vielflieger, einige davon Schlepperpiloten, die sonst die Segelflugzeuge in die Höhe ziehen." Alle machen das unentgeltlich. Für ihre Arbeit stehen ihnen sechs Motorsegler und zwei Motormaschinen zur Verfügung. Für Wartung und Treibstoff erhält der Verein eine Unkostenpauschale vom Land.
Bayern ist das einzige Bundesland, das eine flächendeckende Überwachung des Bodens aus der Luft gewährleistet. 30 Stützpunkte - jeweils private Flugplätze - gibt es über das Bundesland verstreut, gleichmäßig verteilt in den sieben Regierungsbezirken. Über 340 Piloten fliegen bayernweit für eine Gefahrenklärung aus der Luft - allesamt ehrenamtlich. Ihnen stehen 136 Flächenflugzeuge und zwei Hubschrauber zur Verfügung. All dies geschieht unter dem Dach eines Vereins, der 1968 gegründet wurde: der Luftrettungsstaffel Bayern e. V. Seit 1973 ist sie fester Bestandteil des bayerischen Katastrophenschutzes und arbeitet Hand in Hand mit den zuständigen Landratsämtern, Feuerwehren und Leitstellen, um die Bevölkerung vor Gefahren zu schützen. Die Flieger liefern wertvolle Informationen bei Überschwemmungen und dokumentieren Verkehrsunfälle aus der Luft, außerdem unterstützen sie bei der Erfassung von Waldschäden.
Einsatzgrund Nummer eins ist und bleibt die Sichtung von Rauchentwicklungen. Wie kommt es zu Rauch- und Brandentwicklung in Waldgebieten? Dazu hat Karl Herrmann, seit 2002 Präsident der bayerischen Luftrettungsstaffel, viel zu erzählen, denn der Würzburger ist im Lauf der Jahrzehnte zahlreiche Einsätze geflogen und hat einiges gesehen: „Ein Drittel der Brände entsteht bei der Waldarbeit, wenn Schadholz verbrannt wird, zum Beispiel, weil es vom Borkenkäfer befallen ist. Das muss dann verbrannt werden, um eine weitere Ausbreitung der Schädlinge zu verhindern." Solche Räumfeuer müssen vorab angemeldet und streng überwacht werden. Es kommt allerdings vor, so Herrmann, „dass unter der Asche glühende Wurzelreste verbleiben, wenn die Arbeiter abziehen - ein Fehler, der fatale Folgen haben kann".
Andere Ursachen für Brände können Blitzschlag oder Glutreste nach dem Grillen sein. Ein überhitzter Auto-Katalysator im hohen trockenen Gras kann ebenfalls einen Brand auslösen. Eine Geschichte, an die sich der Präsident besonders gut erinnern kann: "Wir mussten die Feuerwehr durch unübersichtliches Gelände zum Brandherd hinleiten und das bei Nacht! Die Einsatzkräfte bewegten sich dann mit starken Strahlern auf dem Bauch durchs Gehölz und wir führten sie aus der Luft per Funk zum Einsatzort." Nicht jede Rauchwolke ist übrigens auf einen Brand zurückzuführen: „Aus der Nähe stellen wir immer wieder fest, dass der Rauch durch aufgewirbelte Düngemittel entstanden ist," so Herrmann.
2024 wurden bayernweit 106 Flüge mit Flugbeobachtern von den Behörden angefordert. Dass die Zahl im Vergleich zu den Vorjahren gesunken ist, lag am Wetter. Karl Herrmann: „Zwar hatten wir ein sehr heißes Jahr. Doch folgten bei uns in Bayern auf jeweils um die fünf Hitzetage kräftige Regenfälle. Das entlastet.“ In Königsdorf waren es in diesem Jahr bisher (Stand Juni d. Red.) zehn Einsätze. Thomas Pohn: „Wir fliegen in der Regel zwischen März und Oktober, die meisten Einsätze verzeichnen wir erfahrungsgemäß im April.“ Die Flugbeobachter werden sorgfältig ausgewählt und ausgebildet. Bewerben können sich Angehörige der Katastrophenschutzbehörden, der freiwilligen Feuerwehren und Berufsfeuerwehren, der Forstbehörden, Landratsämter sowie des Technischen Hilfswerks.



Bei der fünftägigen Grundausbildung geht es um Rechtsgrundlagen, Funkkommunikation, in erster Linie aber um sicheres Verhalten auf dem Flugplatz und im Flieger - für die meisten absolutes Neuland. Metereologische Grundkenntnisse werden ebenso vermittelt wie Möglichkeiten der Waldbrandbekämpfung. Ihr Basiswissen erweitern die Flugbeobachter in jährlichen Weiterbildungen, nach fünf Jahren folgt ein zentraler Aufbaulehrgang, damit die Kräfte auf den neusten Stand kommen - unentgeltlich im Dienst der Gemeinschaft, aber mit großer Freude am Fliegen.
Sona Hähnel