Vor nicht allzu langer Zeit waren hier nur Wald und ein paar versprengte Bunker. Heute jedoch pulsiert das Leben zwischen Isar und Loisach: Geretsried feiert das 75-jährige Bestehen als Gemeinde und die 55-jährige Erhebung zur Stadt. Seine Geschichte mag zwar nicht so lang sein wie die der Nachbarkommunen Bad Tölz und Wolfratshausen, ist aber nicht weniger beeindruckend. Die Stadt, die aus der Not der Nachkriegsjahre entstand, ist ein Symbol für Aufbruch, Integration und Wandel. Die Jubiläen sind mehr als nur Zahlen. Sie erinnern daran, was möglich ist, wenn Menschen gemeinsam anpacken.
Ein Anfang im Niemandsland
Stunde Null in Deutschland. Im August 1945 wurde verzweifelt überlegt, wie die Millionen an Heimatvertriebenen aus dem ehemaligen deutschen Osten untergebracht werden könnten. Kundschafter hielten Ausschau nach geeigneten Unterkünften und stießen auch auf die stillgelegten Sprengstofffabriken in den Wäldern der heutigen Geretsrieder Ortsteile Gartenberg und Stein, wo es nützliche Infrastruktur wie leerstehende Gebäude, Strom und Wasserleitungen gab.
Nachdem auch die US-Militärregierung nach zähen Verhandlungen das Vorhaben billigte, kamen im Frühling 1946 die ersten Transporte mit Sudetendeutschen aus Graslitz an, später aus Tachau und Karlsbad. Immer wieder wird beschrieben, wie fassungslos die Menschen waren, als sie aus dem Zug stiegen. Anstatt einer gewachsenen Ortschaft war hier nicht viel mehr als Gebüsch und herumliegende Betonbrocken der gesprengten Überreste der Rüstungsfabriken.Es gab keine Schulen, keine Post, keine Bank, keine Geschäfte, keine Kirche und keine richtigen Straßen. Zwischen den beiden ehemaligen Rüstungswerken breitete sich Niemandsland aus. Die Flüchtlinge richteten sich behelfsmäßig in den verlassenen und verwahrlosten Barackenbehausungen der früheren Zwangsarbeiter ein, auch das Verwaltungsgebäude, das spätere Rathaus, diente als Notunterkunft. Es folgten Heimatvertriebene aus weiteren Herkunftsgebieten aus dem früheren Deutschen Reich wie Schlesien, Pommern, Ostpreußen oder Ungarn. Trotz der widrigsten Umstände stellten die Neubürger in wenigen Jahren bemerkenswert viel auf die Beine. Geschäftsleute eröffneten die ersten Läden, wie der Lebensmittelladen Löw oder das Haushaltswarengeschäft Deimer, und Gastwirtschaften, wie die Gaststätte Böhm, alte Bunker wurden in erste Schulgebäude umfunktioniert.
Währenddessen machte man sich im Landratsamt Wolfratshausen Gedanken darüber, wie die 2000 Neubürger in Lohn und Brot gebracht werden sollten. Von Anfang an waren große Flächen für die Industrieansiedlung vorgesehen - ein neuer Schritt im bislang bäuerlich geprägten Landkreis. Unter den Vertriebenen waren Industriearbeiter, die sich einen Wiederaufbau zutrauten. Auch zogen Firmeninhaber aus anderen Gebieten Bayerns zu. Die Chemiefabriken Rudolf und Böhme, die Schokoladenfabrik Kneisl, die Musikinstrumentenbauer Böhm und Meinl sowie Wenzel Meinl, die Holzspielwarenfabrik Lorenz oder die Tierarzneifirma Pusta waren Unternehmen der ersten Stunde. Sie bescherten der jungen Ansiedlung schon in den späten 1940er-Jahren ein erstes kleines Wirtschaftswunder.
1970: vom Dorf zur Stadt


Karl Lederer war der Sprecher der Heimatvertriebenen. Er beantragte 1949 bei der Gemeinde Gelting eine Gebietsabtretung für eine eigenständige Kommune. Uneins war man sich über den Namen. Sollte die Ansiedlung nun Gartenberg heißen, wo die Ankömmlinge ein erstes Zuhause fanden, oder doch Geretsried, nach den beiden Bauernhöfen bei dem alten Kirchlein? Am 1. April 1950 war es dann soweit: die Gemeinde Geretsried wurde aus der Taufe gehoben und Lederer wurde der erste Bürgermeister.
Ab 1950 ging es immer weiter mit dem Ausbau der Infrastruktur. Die Familien konnten die Gemeinschaftsbaracken verlassen und bezogen die ersten Wohnblöcke in der Kolbenheyerstraße. Erste Straßen zur Erschließung des Orts wurden gebaut, so wurde ab 1956 die alte Bunkerstraße zur Adalbert-Stifter-Straße und zur Richard-Wagner-Straße verlängert. 1961 wurden erstmals Straßennamen und Hausnummern vergeben. Bis dahin hatten sich Ortsunkundige bei Passanten durchfragen müssen. 1964 eröffnete die Tattenkofener Brücke über die Isar und machte damit den Weg in den südöstlichen Landkreis möglich. Mehr und mehr Menschenzogen zu, sodass die Erschließung weiterer Wohngebiete notwendig war, zum Beispiel am Neuen Platz (ab 1962) und am Johannisplatz (ab 1968) und in Stein (1974). Nur 20 Jahre nach der Gemeindegründung erfolgte schon die Erhebung Geretsrieds zur Stadt am 27. Juli 1970, mit damals bereits 16.000 Einwohnern. Und wieder ging es schnell weiter: 1972 eröffneten das Isarkaufhaus und das Hallenbad, 1973 wurde das Gymnasium eingeweiht, 1974 das Kunsteisstadion. Doch fehlte manchmal noch die Anerkennung der jungen Stadt und ihrer tüchtigen Bewohner. Groß war der Aufschrei, als Mitte der 1970er-Jahre der ADAC einfach vergessen hatte, Geretsried„die neue Stadt im Isartal“, wie sie sich selbst bezeichnete, im aktuellen Straßenatlas einzuzeichnen. Alteingesessene begegneten den Geretsriedern mit Skepsis und Herablassung. In den Heimatbüchern erinnert sich Zeitzeugin Ottilie Zinnecker an eine Tölzer Geschäftsfrau, die spöttisch meinte, in Geretsried wolle sie nicht einmal tot überm Zaun hängen.
Heute: Eine Stadt der Vielfalt
Das alles ist lange her. Mit der Jahrtausendwende schlug Geretsried ein neu-es Kapitel in seiner Stadtgeschichte auf. Mit der Neugestaltung des Karl-Lederer-Platzes und der Egerlandstraße nahm die Stadtmitte endlich Kontur an. Etwas, das in der dezentral gewachsenen Siedlungsstruktur mit Gartenberg, Geretsried und Stein lange gefehlt hatte. Was einst als Provisorium begann, ist heute eine lebendige Stadt mit 26.000 Menschen aus über 100 Nationen. Geretsried steht für Integration und Weltoffenheit, Fortschritt und Mut.