Vor 80 Jahren wurde die Siedlung Föhrenwald gegründet, eines der größten Lager für sogenannte Displaced Persons. Der Erinnerungsort Badehaus, ein kleines privates Museum, lädt ehemalige jüdische Bewohner und ihre Familien anlässlich des Gedenktags im Oktober ein, für einige Tage in den heutigen Ortsteil Wolfratshausens zurückzukehren
In Föhrenwald bei Wolfratshausen existierte von 1945 bis 1957 eines der größten und das am längsten bestehende Lager jüdischer Überlebender in Europa. Im ehemaligen Badehaus erinnert seit 2018 ein privates Museum an die Schicksale der Bewohner. Betrieben wird es ehrenamtlich von einem Verein.
Im Sommer 1946 lebten in Bayern an die 200.000 Jüdinnen und Juden. Die meisten waren Überlebende der deutschen Konzentrationslager, einige hatten in Verstecken oder als Partisanen ausgeharrt und waren nach Kriegsende vor dem Antisemitismus in Osteuropa geflohen. Die amerikanische Besatzungsregierung quartierte diese jüdischen Displaced Persons (DP) in Lagern und beschlagnahmten Privatwohnungen ein.
Das NS-Regime hatte Föhrenwald als Mustersiedlung für zivile Arbeitskräfte errichten lassen, die dort zusammen mit Zwangsarbeitern in Munitionsfabriken arbeiteten. Anfang Mai 1945 brachte die US-Armee Überlebende des Todesmarsches aus dem KZ Dachau sowie Zwangsarbeiter der Sprengstofffabrik in den Häusern unter. Im September 1945 erklärte die Militärverwaltung das Lager zum „Jewish Displaced Persons Center“.
Die Bewohner regierten sich selbst durch einen Rat. Sie richteten Schule, Kindergarten, Waisenhaus, Krankenhaus, Post, Bibliothek, Theater, Kino sowie Synagogen ein und gründeten einen Sportverein. Untereinander sprachen sie jiddisch, die Sprache der Juden in Osteuropa, die Lagerzeitung war mit dem Hinweis „Jidiszer Lager Fernwald baj Wolfratshausen“ versehen. Föhrenwald wurde deshalb als das „letzte Schtetl“ bezeichnet, alle anderen waren von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren in Osteuropa zerstört worden.
In Föhrenwald lebten Zionisten und Antizionisten, Säkulare und Ultraorthodoxe. Angegliedert war das ehemalige Hochlandlager Königsdorf der Hitlerjugend, wo die Hagana, Vorläuferin der israelischen Armee, Soldaten ausbildete.
Die Mehrheit bereitete sich darauf vor, in die USA, nach Kanada oder Israel auszuwandern. Die Bewohner betrachteten das Lager als Wartessaal, wie Majer Szanckower berichtete, der als Kind dort lebte. Deshalb sank die Zahl der jüdischen DPs allmählich, zurück blieben jene, die so stark gelitten hatten, dass sie nicht auswandern konnten. Sie wurden als „hard-core-cases“ bezeichnet. Die letzten wurden Anfang 1957 in Sozialwohnungen in Städten, vor allem München, umquartiert.
Bis 1951 stand das Lager unter US-Aufsicht, danach übernahmen deutsche Behörden die Verantwortung. Vier Jahre später erwarb das katholische Siedlungswerk das Gelände, um kinderreiche Familien von sogenannten deutschen Heimatvertriebenen unterzubringen. Das Siedlungswerk renovierte die Häuser und ließ Badezimmer einbauen und erreichte, dass Föhrenwald in Waldram umgetauft wurde. Die Häuser der NS-Mustersiedlung stehen noch heute, verändert durch Anbauten wie Carports oder Gauben. Das NS-Gemeinschaftshaus hatten die Juden als Hauptsynagoge genutzt, das Siedlungswerk verwandelte diese in eine Kirche und ließ einen Turm bauen.
1957 wurde das katholisches Priesterseminar St. Matthias für Spätberufene von Fürstenried nach Föhrenwald verlegt. Es ist heute ein katholisches Schulzentrum mit Gymnasium, Fachoberschule, Kolleg und Wohnheim. Als die Stiftung Flächen an einen Bauträger verkaufte, um einen Schulneubau zu finanzieren, formierte sich eine Bürgerinitiative, weil das Badehaus abgerissen werden sollte, das während der Zeit des DP-Camps öffentlich genutzt wurde. Im Keller war ein jüdisches rituelles Bad, eine Mikwe, eingerichtet worden.
Die Bürgerinitiative wollte anfangs bloß das Gebäude erhalten, dann jedoch an die Menschen und die Geschichte des DP-Lagers erinnern. 2012 gründete die Gruppe einen Verein und schuf „gegen große Widerstände“, wie die Vorsitzende Sybille Krafft erzählt, ein Museum, den Erinnerungsort Badehaus. Der Umbau des Gebäudes und die Einrichtung des Museums kosteten mehr als 1,8 Millionen Euro. Der Verein brachte zehn Prozent davon selbst auf, überwiegend in Form von Arbeitseinsätzen. Die Mitglieder haben mehr als 68.000 Arbeitsstunden geleistet.
Inzwischen verzeichnet das Museum mehr als 24.000 Besucher im Jahr und erhielt insgesamt 14 nationale und internationale Auszeichnungen, darunter im vergangenen Jahr den Bürgerpreis des Bayerischen Landtags. Bis heute erhält das Haus jedoch keine regelmäßige institutionelle Förderung und wird ehrenamtlich betrieben. Das Archiv umfasst mehr als 20.000 historische Fotos und Dokumente, dazu mehr als 90 Interviews mit Zeitzeugen.
Zum 80. Jahrestag der Gründung des DP-Camps hat der Verein heuer ein umfangreiches Programm mit Diskussionen, Filmvorführungen und Konzerten erarbeitet. Im Herbst sind die ehemaligen jüdischen Bewohner und ihre Nachkommen aus aller Welt eingeladen, für einige Tage zurückzukehren.
Der Verein hat mehr als 700 Mitglieder, darunter viele junge Leute, die sich aktiv einbringen, wie den zweiten Vorsitzenden Jonathan Coenen. Der 28-Jährige ist unter anderem für Projektsteuerung, Förderungen und Fundraising zuständig. Der junge Kulturwissenschaftler hat die Projektleitung für die mehrtägige Großveranstaltung „Die Rückkehr der Föhrenwalder“ übernommen, die im Oktober in Waldram, dem ehemaligen Lager Föhrenwald, stattfinden wird.
Auf drei Etagen des Badehauses ist eine Ausstellung untergebracht, ein Beitrag gegen das Vergessen. „Die Geschichte des DP-Camps wurde jahrzehntelang verdrängt, einheimische Besucher erzählen immer wieder, davon haben wir nichts gewusst“, erzählt die Historikerin Krafft.
Ein Lageplan im Max-Mannheimer-Forum im Erdgeschoss zeigt, wie sich die Epochen von Föhrenwald in den Straßennamen niederschlugen: Aus dem Adolf-Hitler-Platz wurde der Roosevelt-Square, benannt nach dem antifaschistischen US-Präsidenten, und schließlich als Seminarplatz dem katholischen Spätberufenenseminar gewidmet.
Stellvertretend für die bis zu 6000 Zwangsarbeiter sind die Schicksale von Anna Kubat, damals 19 Jahre alt, und Maria Rojowa, 22 Jahre, aus der Ukraine. Rojowa war im Juli 1942 nach Föhrenwald verschleppt worden und verlor bei einer Explosion in der Fabrik zwei Fingerkuppen. Hingegen waren die sogenannten Agfa-Frauen junge Widerstandskämpferinnen, meist Sozialistinnen und Kommunistinnen aus den Niederlanden, die gegen die deutsche Besatzung gekämpft, das KZ Ravensbrück und den Todesmarsch überlebt hatten. Sie strandeten ebenso in Föhrenwald wie die Bielski-Partisanen, eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge, die im heutigen Belarus gegen die deutsche Besatzungsmacht kämpfte.
Im Dachgeschoss finden sich fünf stilisierte Föhren mit Sitzgruppen und Medienstationen, die Themen von der NS-Zeit bis zur heutigen Migration behandeln. An den Wänden stehen die Namen von mehr als 200 Zeitzeugen, mit denen das Museum in Kontakt stand, die Liste wird immer weiter ergänzt. Zu den prominentesten Personen gehört die Schriftstellerin Lea Fleischmann und der Kabarettist Josef Brustmann.
Die Ausstellung lebt von Dokumenten, die Besucher und frühere Bewohner bringen. So hat ein einzigartiger Amateurfilm, der einen NS-Erntedankumzug aus Wolfratshausen in den 1930er-Jahren zeigt, die Jahre auf einem Dachboden überstanden. Shai Lachman brachte von einem Speicher in Jerusalem den Aluminiumkoffer seines Vaters Gustav, der bis 1947 das Lager geleitet hatte. Die vierblättrigen Kleeblätter hat Helene Berger als Kind in Föhrenwald gesammelt, getrocknet und gepresst. Gerahmt und hinter Glas hingen die Pflanzen jahrelang über ihrem Bett, bevor sie sie dem Erinnerungsort Badehaus schenkte.
„Es steht symbolisch für Föhrenwald als Ort der Hoffnung und der jüdischen Wiedergeburt nach Krieg und Shoah“, sagt Krafft. So ist auch vom Babywunder von Föhrenwald die Rede, weil damals angeblich in keiner jüdischen Gemeinde vergleichbarer Größe weltweit so viele Kinder zur Welt kamen.
Peter Bierl