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Mit dem Boot über die Berge

Kombination aus Paddeln und Wandern auf dem „Bavarian Alps“-Trail zwischen Loisach, Kochelsee und Isar: Ultraleichte Rucksackboote, Naturerlebnis und anspruchsvolle Etappen in Oberbayern

Mit dem Boot über die Berge

Wo die Loisach in den Kochelsee mündet. Foto oben: Guide Marco Loose (I.) mit Autor Christian Haas. Fotos: erlebe.bayern/ Thomas Linkel

Raften oder trekken? Lange mussten sich Paddler und Wanderer für eines von beiden entscheiden. Denn ein Kajak oder einen Kanadier an einem Wehr umzutragen, funktioniert gut. Es stundenlang mitschleppen ist aber unvorstellbar. Doch der Trend zu ultraleichten Produkten hat vor einigen Jahren auch diesen Bereich erfasst.

Seither machen Packrafts Furore, die salopp auch Rucksackboote genannt werden. „Sie bieten ja auch einige Vorteile gegenüber Kajaks“, erklärt Marco Loose, „allen voran das mit dreieinhalb Kilo geringe Gewicht und eine höhere Grundstabilität. Bis Wildwasserstufe drei gehen die Gefährte recht gnädig mit ihren Insassen um.“ Wobei genau genommen nur eine Person Platz im Boot findet. Mit dem kommen jedoch selbst Paddelnovizen schnell zurecht. Und weit. Wenn sie Marcos Rundtourenvorschlag folgen und obendrein die Strecken zwischen benachbarten Gewässern zu Fuß zurücklegen, was dank des ultraleichten Gepäcks eben gut geht, sogar sehr weit.

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Die Rede ist vom Packraft-Trail „Bavarian Alps“, den Marco und seine Frau Katja Safronova 2022 ausgetüftelt haben. Der kombiniert rund um die Wassersportschule „Wild South“ in Wallgau klare Seen, Wildwasserperlen und aussichtsreiche Wanderwege. „Für die 136 Wander- und 80 Paddelkilometer sind zwölf Tage realistisch“, meint Marco, „wobei die meines Wissens noch keiner gemacht hat, da die ganze Tour doch recht anspruchsvoll ist. Da braucht man schon eine sehr gute Kondition.“ Aber warum nicht Einzeletappen rauspicken? Zumal die beiden auch individuelle Mikroabenteuer anbieten: Zweirespektive Dreitagestouren inklusive Equipment, Einweisung und vielen Tipps von den Profis.

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Zubehör kommt ins Trockene hinter wasserdichte Zipper

Unsere Tour starten wir auf der Loisach, an der Weichsbrücke bei Ohlstadt. Marco reicht Schwimmwesten, Helme, Wasserschuhe. Und Trockenanzüge. Supereng, aber supertrocken. Apropos: Wo werden eigentlich Zelt, Schlafsack und Wechselklamotten für die drei Tage verstaut? Im Kofferraum des Bootes!“ Stirnrunzeln. „Na, in den Stauflächen an den Seiten, mit wasserdichten Zippern verschließbar.“ Da muss alles rein, was man während der Bootsfahrt nicht braucht. Equipment für unterwegs, von der Wasserflasche über Wertsachen bis zur Brotzeit, kommt in den Dry Bag, der vorne draufgeschnallt wird. Aber erst das Boot aufpumpen, beginnend mit der Bodenplatte, an die noch ein Sitzkissen geschnallt wird, dann den Rest.

Mit den prallen Minibooten geht es dann zur nahen Kiesbank - und zur nächsten Lektion: „Beim Start das Packraft immer mit der Nase flussaufwärts.“ Aye, aye. Vom seichten Wasser aus steigen wir ein, schnallen die Knie in Schlaufen und stoßen uns mit ein, zwei Paddelstößen ins tiefere Wasser, Nase stromaufwärts. Schwupps hat uns die, wenn auch überschaubare, Strömung erfasst. Doch hier und da locken kleine Stromschnellen. Zeit für weitere Moves! Nach einem Wassergekräusel heißt es, das Doppelpaddel uferseitig steil einzustechen, um mit vier, fünf schnellen Schlägen rasch ins Kehrwasser zu gelangen. Marco nennt das „Turbo zünden“. Verschnarcht man das, ist die Chance auf einen strömungsfreien Boxenstopp passé, und der Fluss nimmt einen mit.

Die Loisach ist in diesem Teil eher gemütlich. Ideal, um die Natur zu genießen. Hier ins Wasser reichende Äste, dort ein blauer Eisvogel, etwas weiter eine einsame Picknick-Brotzeitinsel. Zeit, sich treiben zu lassen, Zeit zum Ratschen. Wir erfahren, dass Marco ursprünglich aus Thüringen kommt und Vertriebler in der Versicherungsbranche war. „Ich hab' jetzt ein ganz anderes Leben als früher und genieße es vor allem wegen des vielen Draußenseins.“ Dazu gehören auch wechselnde Wetter ergo Wasserstände. Mal ist zu wenig Wasser im Fluss, mal zu viel. Derzeit sind die Bedingungen recht passabel. Aber Moment, was soll das Grollen über dem Murnauer Moos? Ein Gewitter ist im Anmarsch. Also: „Turbo zünden!“ So schaffen wir es bis zur Autobahnbrücke, unter der wir den Wolkenbruch trocken überstehen.

In Nullkommanix wird es wieder sonnig. Und aufregend, denn hinter Großweil warten drei Sohlstufen, die es zu überwinden gilt. Wir schauen uns das erste Hindernis vom Ufer aus an. Marco fragt, ob ich ihm durch die Felsen ins aufbäumende Wasser folgen oder lieber das Boot umtragen will. Ich ringe mit mir. Dann gebe ich mir einen Ruck und dem Boot einen Stoß. Ich habe Puls, doch als das dreifache Manöver unfallfrei gemeistert ist, fühl' ich mich königlich.

Schlafsack oder Hotelbett?

Je näher wir dem Kochelsee kommen, desto geringer wird die Strömung. Auch der Wind flaut ab, die Szenerie trumpft dafür auf. Linker Hand das sich weitende Moor, vor uns aufragende Berge und der glatte See samt Schwan und Klosterkulisse. Plötzlich frischt der Wind wieder auf, genau aus der Richtung, in die wir wollen. Unser Plan: Schnell in die Windabdeckung unter der hohen Felswand kommen. Das ist richtig Arbeit! Dann landen wir endlich am Zielstrand zu Füßen des Kesselbergs an. Das Raft schrumpft im Handumdrehen auf das Packmaß eines Zweipersonenzelts und lässt sich problemlos im geräumigen wasserfesten Sea-to-Summit-Sack verstauen, samt Zelt und Schlafsack. Wir ziehen angesichts des angekündigten Starkregens in der Nacht ein trockenes Hotelbett vor und verschieben das Campingabenteuer auf später.

Packsack auf dem Rücken, Paddel in der Hand, laufen wir am nächsten Vormittag auf dem alten Jakobsweg bergauf. Ein schöner Waldweg, doch die Stars sind die über Nacht angeschwollenen Kesselbachfälle. „Das Schöne beim Packraft-Trail“, findet Marco, „ist nicht nur die Abwechslung zwischen Sitzen und Laufen, Arm- und Beinbelastung. Es geht auch immer ums Wasser, selbst beim Wandern.“ Erst recht wieder auf dem Wasser.

Und da ist er ja schon, der Walchensee. Rein in den Trockenanzug, rein in die aufgepumpten Packrafts und vorbei an den Bootsverleihhäusern und See-Cafés. Die sechs Kilometer zum Camping Walchensee sind schnell absolviert, es bliebe sogar Zeit, auf den Herzogstand zu gondeln. Wir entscheiden uns für Renkensemmeln und Relaxmodus. Die Boote bleiben aufgepumpt, denn tags darauf stechen wir wieder in (den) See, um am Südufer erneut anzulanden, alles zusammenzupacken und zu wandern, nach Vorderriẞ im traumhaft schönen Isartal. Durch „Bayerisch Kanada“ geht es schließlich 20 Wander- und am Ende auch Buskilometer über Krün bis zum Naturcamp Isarhorn, wo wir im Sonnenuntergang das Zelt für die Nacht aufschlagen. 

Schließlich wartet tags darauf ein Schmankerl, das sich im Übrigen auch umgehen lässt: Wildwasserpaddeln Stufe zwei auf der Isar, von Scharnitz aus. Großes Abenteuer, großer Spaß. Und mittlerweile sind wir so geübt, dass wir die schnelle Strömung gut meistern. Keine Frage, die zehn Kilometer durch herrlichste Berglandschaft sind ein Highlight. Hätten wir noch ein paar Tage Zeit, kämen noch weitere: die Buckelwiesen um Schloss Elmau, die Partnachklamm, der wilde Oberlauf der Loisach, die sagenhaft schönen Ammerquellen und der Staffelsee mit seinen sieben Inseln. Auf einer, Buchau, könnte man sogar zelten, bevor die Runde am Tag darauf an der Weichsbrücke enden würde.
Christian Haas

Weitere Infos zu den Touren sind zu finden unter alpenwelt-karwendel.de .


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