Der schwarze Leitz-Locher, Modell 800, wirkt auf den ersten Blick unauffällig. Ganz auf Funktionalität ist das gusseiserne Bürogerät aus dem Jahr 1923 reduziert – nach einem Jahrhundert in Gebrauch genauso benutzbar wie damals. Weit höher dürfte der ideelle Wert liegen. Denn der Locher zählte zur Erstausstattung des Chefbüros im Verwaltungstrakt des 1924 eröffneten Walchenseekraftwerks in Kochel am See. Damit könnte also bereits Projektinitiator Oskar Miller gearbeitet haben. Umso mehr achten Theodoros Reumschüssel, der Sprecher für die Wasserkraft des Betreibers Uniper ist, und sein Team, dass der Locher heil bleibt und verwenden ihn bis heute. Die einfache, trotzdem robuste Ausführung mit belastbarem Material und hocheffizienter Funktionalität vergleicht Reumschüssel direkt mit dem Wasserkraftwerk zwischen Walchen- und Kochelsee. „Die Einhausung, die Turbinen, Fallrohre und Generatoren sind hundert Jahre alt und funktionieren immer noch.“
So lässt sich die Geschichte der Energieerzeugung im Zwei-Seen-Land auch als eine der Objekte erzählen. Das gilt etwa für die Drehstrommaschine D 2, oder Dora 2, wie die Mitarbeiter des Walchenseekraftwerks sagen. Deren Generator gab am 26. Januar 1924 den ersten Strom ab. Damit ging das damals größte Speicherkraftwerk zur Energieerzeugung aus Wasserkraft in Betrieb. Ein Ereignis, das die Politprominenz anzog, was heute kaum anders wäre. Es kamen der bayerische Ministerpräsident Eugen Ritter von Knilling sowie der Innen- und der Finanzminister, Franz Schweyer und Wilhelm Venanz Krausneck. Bis heute läuft Dora 2 genauso wie sieben weitere Elektrizitätserzeugungsgeräte, die bald darauf in Betrieb gingen.

Die Anlage nutzt das Gefälle von zweihundert Höhenmetern zwischen dem Walchen- und dem Kochelsee, um aus der Wasserkraft Strom zu erzeugen. Von der ersten Entwurfsidee bis zur Fertigstellung der Anlage im Jahr 1924 dauerte es 27 Jahre. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs hatte der Bayerische Landtag bereits alle finanziellen Mittel bewilligt, um loslegen zu können. Aktiv gebaut wurde dann aber erst seit Herbst 1918.
Während die Medien die Namen der zur Inbetriebnahme erschienenen Politiker selbstverständlich veröffentlichten, blieben die meisten Arbeiter ungenannt. Und das, obwohl etwa 2000 Leute schufteten, um die Anlage zu errichten. 18 Millionen Arbeitsstunden mussten sie dafür insgesamt aufbringen, so heißt es in der knapp hundert Seiten starken Jubiläumsbroschüre. Für den Bau brauchten die Arbeiter 30.000 Tonnen Zement, 17.000 Kubikmeter Holz und 115 Tonnen Sprengstoff. Bei der Arbeit müssen extrem fordernde Bedingungen geherrscht haben, denn oft griffen sie allein zu Schaufeln und Spitzhacken. Wie mühevoll es gewesen sein muss, den Kesselbergstollen voranzutreiben, damit das Wasser des Walchensees zum Kraftwerk strömen kann, ist an der Oberfläche unsichtbar geblieben.
Zudem wohnten die Arbeiter in einfachen Barackenlagern in Urfeld, am Kesselberg in Altjoch und in Schlehdorf. Die mangelhafte Ernährungslage nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und die steigende Inflation führten zu wiederholten Streiks. All das sollte nie vergessen werden, wenn Klaus Engels – Direktor für Wasserkraft Deutschland bei der Uniper Kraftwerke AG – im Interview der Jubiläumsbroschüre vom Konzept der meisterhaft geplanten Anlage mit einem hohen Erntefaktor spricht. Das ist das Kraftwerk zweifellos. Mit seinen 124 Megawatt installierter Leistung kann es verlässlich regenerativen Strom für die Deutsche Bahn bereitstellen oder ins allgemeine Netz einspeisen.



Die Spuren des Kraftwerkssystem und die Infrastruktur aus der Bauphase sind bis heute in der regionalen Landschaft der Umgebung zu finden. Der inzwischen bei Touristen und Ausflüglern beliebte Felsenweg am Südwestufer des Kochelsees zwischen Raut bei Schlehdorf und Altjoch war ab Sommer 1920 ein vielfach begangener Arbeitsweg. Vom Barackenlager bei Schlehdorf ging es zur Baustelle für die Kraftwerksanlage – und das, obwohl Steinschlaggefahr herrschte und die Strecke am Fels im Winter vereiste. Warum Steinmetze am Nordtor des Wasserschlosses dagegen ausgerechnet den Waller aus der Walchensee-Legende abgebildet haben, ist bis heute unbekannt. Denn der Raubfisch mit Augen, die wie Feuerräder sprühen, soll zusammengerollt am Grund des Gewässers liegen. Wenn ihn Menschen störten, so heißt es, peitsche er mit seinem Schwanz das Wasser so sehr auf, dass anschließend das ganze Loisach- und Isartal bis nach München überschwemmt wird. Wahrlich kein günstiges Vorzeichen.
Doch um das jährlich 300 Millionen Kilowattstunden Strom produzierende Walchenseekraftwerk ranken sich auch heitere Geschichten. So etwa, als einmal zwei Frauen das Infozentrum in Altjoch besuchten und zwischen alten Lampen und Drähten einen Filzhut entdeckten. Weil das Duo zuvor im Bernrieder Buchheim-Museum für moderne Kunst war, dachte es sofort an eine Installation des Aktionskünstlers Joseph Beuys. Umso enttäuschter waren die zwei Frauen, als wenig später ein Elektriker seinen Filzhut wieder aufsetzte und weiterzuarbeiten begann.
Wohl nur echte Sportfans werden wissen, warum am 30. Oktober 1974 - also vor fast genau einem Vierteljahrhundert – schon gegen 4 Uhr früh die Turbinen im Walchenseekraftwerk angingen. Der Strom wurde gebraucht, weil so viele Menschen den Fernseher einschalteten, um den legendär gewordenen Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman live zu verfolgen.
Seit 1983 ist das Walchenseekraftwerk übrigens geschütztes Industriedenkmal und läuft trotzdem weiter. Inzwischen besuchen bis zu hunderttausend Menschen die Anlage jährlich. Vor allem das nur einmal im Jahr zum Tag des offenen Denkmals zu besichtigende Wasserschloss – es reguliert den Druckausgleich in den sechs Fallrohren, wenn der Durchfluss in der zweihundert Höhenmeter tiefer liegenden Maschinenhalle geändert wird – zählt zu den Publikumsmagneten.
Zwischen Frühjahr und Herbst ist das Infozentrum für Gäste geöffnet. Dort wird die Bau- und Entwicklungsgeschichte des Kraftwerks vor allem mit zahlreichen historischen Fotos intensiv beleuchtet. Fast zu grell und zu schrill wurde es dagegen dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, als er zur Eröffnung des Zentrums samt der Oskar-von-Miller-Einkehr 2001 auf einen symbolischen Stromschalter drückte und heftige pyrotechnische Effekte auslöste. Für erhellende Momente ist das Walchenseekraftwerk also immer gut zu haben.
Benjamin Engel