Die Weihnachtszeit ist eine besondere Zeit. Seit jeher. Schon länger, als es Weihnachten gibt. Nicht nur wegen des seltsamen Weihnachtsmanns, der es schafft, an einem einzigen Abend Millionen von Kindern zu beglücken. Oder wegen seines Pendants, das Christkind, das dieselbe Aufgabe meistert, obwohl es doch viel kleiner ist. Ein echtes Wunder!
Vermutlich war der Winter den Menschen in unseren Breiten schon zu Stein- und Bronzezeiten nicht ganz geheuer: Die Tage werden immer kürzer, die Nächte immer länger - und dann dreht sich das Ganze um. Bestimmt waren da Geister am Werke: böse, vor denen man sich hüten musste, und einem wohlgesinnte, um deren Schutz man bitten musste. Manche waren auch doppelgesichtig.

Wie zum Beispiel die Frau Holle. Als vorchristliche Gestalt ist sie als Holla, Hulda, Berta oder Berchta bekannt. Eine Gottheit/Geist, die in jedem Holunderbusch haust. Im gleichnamigen Grimmschen Märchen ist sie für den Schnee auf der Erde verantwortlich, wenn sie ihre Gänsedaunen-Bettwäsche ausschüttelt. Oft ließ sie schon im November ihre Federn wirbeln, rund um den Martinstag am 11. November. Passend zum Geschehen in den Küchen rundum, wenn viele Gänse ihr Leben lassen mussten und dabei die Federn stoben zum Beginn der Schlachtzeit auf den Bauernhöfen, kurz bevor die vorweihnachtliche Fastenzeit die Menschen zum Maßhalten aufrief - immerhin waren „lebekuoche“ und Bier erlaubt. Dass dem Heiligen die Gänse an den ritterlichen Sporen hängen, liegt daran, dass er sich angeblich in einem Gänsestall versteckte, um dem ihm angetragenen Bischofsamt zu entkommen.
In den Rauhnächten, vom Tag der Wintersonnenwende am 21. Dezember bis zum Dreikönigstag, zieht Holda/Berchta mit ihrem wilden Gefolge, den Perchten, um die Blöcke. Holda ist nicht nur in Bayern unterwegs, die Brüder Grimm haben sie auch in Thüringen entdeckt (Deutsche Sagen, Fischer, Frankurt/M., 2011, Sage 6 von 585). Der 21. Dezember ist wiederum der Tag des Apostels Thomas (der Ungläubige“, weil er Jesu Auferstehung anzweifelte). In Bayern - vor allem im Bayerwald und dem Alpenraum - treibt in jener Nacht ein mutmaßlicher Doppelgänger des Thomas sein Unwesen, der „bluadige Dammerl“. Er erschreckt offenbar sehr gerne Kinder, in dem er sein blutiges Bein zur Tür reinstreckt und den Kindern droht, ihr Hirn mit seinem Hammer zu Brei zu schlagen.
Schon seit Grimms Zeiten sind sich Mythenforscher ziemlich sicher, dass bereits die angelsächsischen, irischen und französischen Mönche, die den christlichen Glauben in den nach-römischen Zeiten in Bayern und Österreich verbreiteten, kräftig daran mitwirkten, lokal verehrte Geister und Gottheiten in christliche Heiligenlegenden zu integrieren.


Trolle, Hexen, Geißböcke sind internationale Geschenkelieferanten
Ein Vorgehen, das nicht überall von Erfolg gekrönt war. Wie das Beispiel Skandinavien zeigt. Dort sind die Trolle weiterhin sehr lebendig. „Troll“ ist übrigens ein schwedisches Wort, das wir in Deutschland der Einfachheit halber übernommen haben. Sie sind keine speziellen Weihnachtsgeister, sondern das ganze Jahr über aktiv. Richtig wurbelig werden sie jedoch während der Feiertage. Vor allem in Island, wo sie als die 13 Jólasveinar, die „Julgesellen“, aktiv sind. Ab dem 12. Dezember steigt täglich einer von ihnen die Berge hinab, bis sie am 24. Dezember vollzählig sind. Mit den Erwachsenen haben die Weihnachtstrolle nichts Gutes am Hut, den Kindern stecken sie jedoch kleine Geschenke in die aufgestellten Stiefel. Weniger brave Kinder finden manchmal eine verschrumpelte Kartoffel in ihrem Schuhwerk.
Eindeutig vorchristlich ist auch der finnische Weihnachtsmann, denn er heißt „Joulupukki“, auf deutsch: „Julfest-Geiẞbock“. Seine Helferlein sind „Tonttu“, eine Wichtel-Spezies, kleine Hausgeister, die sich um das Wohl der Hausbewohner kümmern, insbesondere rund um das Julfest.
Zu den weniger beliebten Zauberwesen, die in Weihnachtsnächten besonders aktiv sind, zählen Hexen. Die nutzen bekanntlich Besen als Fortbewegungsmittel. Natürlich keine frisch gefertigten, sondern gut abgehangene. Clevere Norwegerinnen und Norweger folgerten daraus: Wo kein Besen, da keine Hexe. Daher verstecken sie vor den Feiertagen alle Putzgeräte. In Italien wäre es freilich ein Sakrileg, Hexen zu Weihnachten ins Gewerbe zu pfuschen, ist dort doch die Hexe Befana für den Geschenke-Lieferservice zuständig. Allerdings erst in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar. Was auch den Namen der beliebten Dame erklärt - er leitet sich von Epiphanias“ ab, die „Erscheinung“, die den Heiligen Drei Königen zuteil wurde, als sie im Stall zu Bethlehem das Christuskind erblickten. Drei Geister seien hier zum Abschluss genannt, denen man an den Weihnachtsfeiertagen unmöglich entkommen kann, weil sie auf vielen Bildschirmen auftauchen: die Geister der vergangenen, der aktuellen und der künftigen Weihnachten, etwa in„Die Geister, die ich rief“ mit Bill Murray als Francis Xavier Cross, einer moderneren Version des Ebenezer Scrooge aus „Die Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens. Und wie einst Ebenezer Scrooge kann der gemeine Cross sich seiner wundersamen, vergnüglichen Wandlung zum guten Menschen nicht entziehen. Danke dafür, denn in diesen schwierigen Zeiten sind Humor und Zuversicht wichtig.
Horst Kramer