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Manieren statt Allüren

Clemens Graf von Hoyos ist Fachmann für gutes Benehmen. Gerade in heutigen Zeiten der rauhen Umgangsformen plädiert der Inhaber der Ottobrunner Knigge-Akademie für Zugewandtheit und Respekt

Korrektes Verhalten hat nichts mit Starrheit zu tun und schließt Humor keineswegs aus, wie sich im Gespräch mit Clemens Graf von Hoyos zeigt. Foto: Rosa Lazic
Korrektes Verhalten hat nichts mit Starrheit zu tun und schließt Humor keineswegs aus, wie sich im Gespräch mit Clemens Graf von Hoyos zeigt. Foto: Rosa Lazic

Ohne Verabschiedung raus aus dem Lift, ohne Gruß rein ins Büro - solche Unhöflichkeiten sind im Alltag keine Seltenheit. Natürlich sind Konventionen nicht alles, aber ohne sie ist alles im Miteinander nichts. Das wusste bereits Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge, seine Empfehlungen „Über den Umgang mit Menschen“ von 1788 haben ihn berühmt gemacht. Das eigene Verhalten immer wieder mal zu hinterfragen, ist vielleicht auch eines der Motive, die Menschen zu Clemens Graf von Hoyos führen. Wir sprachen mit dem Buchautor und Inhaber der Knigge-Akademie:

Herr Clemens Graf von Hoyos - ist diese Anrede nach Knigge korrekt?

Clemens Graf von Hoyos: Juristisch einwandfrei, ja, aber es gibt weitere gängige Anredeformen, gerne einfach Herr Hoyos.

Somit sind Sie, salopp ausgedrückt, blaublütig. Noblesse oblige - liegt es also nahe, sich als Graf mit perfektem Benehmen zu beschäftigen?

Zumindest meine Vorfahren taten dies, ich kapitalisiere mit meinem Tun nun meinen Namen und meine Erziehung perfekt. Blau ist allerdings mein Blut zum Glück nicht. Diese Bezeichnung für Adlige kommt daher, dass diese früher das Privileg hatten, nicht auf dem Feld zu arbeiten, blass waren und man so die blauen Adern durchschimmern sah.

Unternehmen aus der Region

Die Fest- und Feiertage stehen einmal mehr an. Das ist auch Anlass für den berühmten Tritt ins Fettnäpfchen?

Oh ja. Grundsätzlich gibt es da nämlich eine ganze Reihe von Tabus. Allen voran: Leiden, Lästern und Unpünktlichkeit. Letztere allein schon, da sie den Festtagsbraten förmlich verderben kann, und das, obschon sich der Gastgeber so viel Mühe gegeben hat. Dazu kommt noch, dass in Familien- und Freundeskreis die Tendenz zum sich Überbieten mit Errungenschaften besteht, Angeben aber sauer aufstoßen kann.

Unternehmen aus der Region

So ein Verhalten erinnert an einen alten Werbespot...

... genau: mein neues Auto, mein Haus, meine Yacht ... das ist unpassend bis peinlich.

Blick in den Kleiderschrank: Was ziehen wir uns am besten zum Weihnachtsfest an?

Kommt jeder so wie es ihm gefällt, sitzt die Oma im Abendkleid am Tannenbaum und der Enkel steht im Jogginganzug davor. Bestenfalls einigt man sich im Sinne des Erwartungsmanagements vorab auf einen Dresscode. Ansonsten soll sich jeder so kleiden, wie es ihm gefällt. Aber: Daran denken, dass Kleidung nicht nur Leute macht, sondern vielmehr den anderen gegenüber Respekt ausdrückt, wenn sie gepflegt ist. Was spricht denn dagegen, sich mal in Schale zu werfen?

Gutes Benehmen macht Weinachten und Neujahr besinnlicher?

In jedem Fall. Das Gebot der Stunde gerade zu den Festtagen ist Achtsamkeit und Gegenseitigkeit. Da kann man schon mal seine eigenen Bedürfnisse zwar wahrnehmen, aber zugunsten des Miteinanders hinten anstellen.

Auch betriebliche Weihnachtsfeiern werfen alljährlich Fragen zum korrekten Verhalten auf. Haben wir dazugelernt oder sind kleine Eskapaden immer noch an der Tagesordnung?

Hummer korrektessen? Laut Co-Autorin Birte Steinkamp zweitrangig: „Kümmern wir uns darum, wie souverän Sie bleiben, wenn er vom Teller fällt.“ Cover: Forward Verlag
Hummer korrektessen? Laut Co-Autorin Birte Steinkamp zweitrangig: „Kümmern wir uns darum, wie souverän Sie bleiben, wenn er vom Teller fällt.“ Cover: Forward Verlag

Ja. Besonders dank übermäßigem Alkoholgenuss. Klar, Firmenparty hört sich ausgelassen an. Wer auch danach noch Kollegen und dem Chef ins Auge blicken will, sollte sich sagen, dass Professionalität gefordert ist. Ausgelassen ja, aber taktvoll und zudem nicht von Alkohol benebelt. Also auch besser nicht über das Gehalt oder den Personalmangel lamentieren oder gar über Kollegen lästern. Besser positiv bleiben, und bei herausfordernden Situationen einen Grundsatz Knigges leben: „Fühle, denke, dulde, schweige, lächle“-gelebter Stoizismus sozusagen. Generell lautet das Knigge-Einmaleins im Job: Sachlichkeit sowie eben auch Freundlichkeit an den Tag legen und dabei zielgerichtet Arbeiten. Zudem will jeder Mensch gesehen, gehört und verstanden werden - ein Kernpunkt Knigges.

Macht Wertschätzung das Miteinander nicht generell einfacher?

Klares Ja. Wertschätzung bedeutet nämlich, sich einander zuwenden und füreinander Zeit nehmen.

Streitthemen an Weihnachten? Im Sinne eines guten Miteinanders lieber nicht

Das persönlich perfekte Geschenk zum Fest ist auch gelebte Wertschätzung?

Das perfekte Geschenk berücksichtigt kulturelle Aspekte und den Anlass. Zudem ist es personalisiert und praktisch und im Idealfall auch schön verpackt.

Ist somit Geld verschenken ein Faux-Pas?

Nicht, wenn man zuvor darüber gesprochen hat. Aber bitte auch dieses schön verpackt und mit liebevollen Grüßen überreichen.

Nach Knigge sind an Weihnachten unter dem Baum Streitthemen vermutlich tabu?

Im Sinne eines guten Miteinanders, ja. Allen voran Themen wie Religion, Krankheit und Tod, Politik, aber auch Geld und Sex besser bleiben lassen.

Bei so vielen problematischen Themenfeldern bleibt doch aber für ein gutes Gespräch nichts mehr übrig...

Doch, alle schöngeistigen Themen und natürlich Arbeit, Familie und Sport.

Warum sind ihrer Meinung nach gutes Benehmen und die Einhaltung bestimmter Regeln sowie Etikette wichtig?

In meinen Augen sind sie heutzutage sogar bedeutsamer denn je. Künstliche Intelligenz rationalisiert immer mehr Hard Skills weg, und Soft Skills, ich meine hier den Umgang der Menschen miteinander, werden schon deshalb wichtiger. Immer mehr Beschäftigte kündigen, weil sie ein immer kühleres und unhöflicheres Umfeld verlassen wollen. Die Lösung ist ein höflicher Umgang untereinander, denn er schafft Harmonie.

Bei Knigge ging es folglich nur nebenbei um Tischsitten?

Genau. Im Grunde beschäftigte er sich nämlich mit den Themen gegenseitigen Respekts, der Rücksichtnahme und Wertschätzung, kurzum mit dem sozialen Miteinander.

Wie sieht es mit den Tischsitten aus? Reicht es, Schmatzen, Kleckern und Rülpsen zu vermeiden?

So weit die absoluten Basics. Pflicht ist es auch, keine Ellenbogen aufstützen oder die Arme sprichwörtlich um den Teller zu legen. Die Kür indes besteht mitunter darin, Suppen von sich weg zu löffeln, einmal aufgenommenes Besteck nur noch auf dem Geschirr abzulegen, vor dem Trinken sich den Mund mit der Serviette abzuwischen. Ebenso alles, was hängen bleibt-denken sie nur an die berühmte Nudel von Loriot - umgehend mit der Serviette zu entfernen.

„Auch mir als, Benimmfluencer' geht mal was daneben“

Und wie trinkt man stilvoll?

Indem man das Glas stets am Stil, und dies möglichst weit unten hält, das ist dann im wahrsten Sinne des Wortes stilvoll. Außerdem sollte man immer an derselben Stelle vom Glas trinken und wer sich zuprostet, schaut sich dabei auch in die Augen.

Wer das und überhaupt mehr über edlen Umgang wissen will, belegt einen Knigge-Kurs oder liest ihr Buch dazu?

Klar. Das Buch, welches ich zusammen mit meiner Kollegin Birte Steinkamp verfasst habe, hat dazu schon den vielsagenden wie zweideutigen Titel: „Anstand statt Ellenbogen“. Schwerpunkte nach Schlagworten sind die vier „I's“, also Ideale, Image, Interaktion und Instrumente - wobei mit letzterem Smalltalk, Dresscodes und Tischsitten gemeint sind.

Ist in der heutigen Zeit Wertschätzung nicht schon fast antiquiert?

Ja, es mag schon sein, dass Regelbrüche zur Norm werden - doch dann ist der Weg zur Anarchie nicht mehr weit.

„Vor allem mache ich mich für den Erhalt der Demokratie stark“

Gibt es Dinge, die zu Zeiten Knigges als vornehm galten-heute aber daneben lägen?

Klar, andere Zeiten, andere Sitten. Etwa galt das Trinken von Kaffee aus der Untertasse damals als vornehm, heute würde man wohl schief dafür angesehen. Anmerkung: Die Untertassen waren damals sehr tief. Aber es gibt auch viel jüngere Beispiele. So ging der wohlerzogene Mann bis in die siebziger Jahre hinein erst einmal komplett durch eine Drehtüre, um dann die Dame vorzulassen. Dies war dem Sicherheitsaspekt geschuldet.

Apropos Digitalzeitalter: Wann und wo sollte das Handy ausgeschaltet bleiben?

Streng genommen bei allen persönlichen Treffen. Aber das lässt sich heutzutage wohl nicht mehr einrichten.

Was halten Sie von Weihnachtsund Neujahrsgrüßen per Whatsapp?

Zur Not akzeptabel. Aber im engeren Freundes- und Familienkreis finde ich die gute alte handgeschriebene Weihnachtskarte schon besser. Das zeigt echte Wertschätzung.

Was macht eigentlich den Kavalier der alten Schule aus?

Der Kavalier oder Gentleman pflegt und achtet sich selbst und achtet seine Mitmenschen ebenso. Außerdem schätzt er das Wertige und das Beständige. Man könnte auch sagen, er arrangiert sich mit dem Zeitgeist, ohne sich und seine Ideale dabei zu verleugnen.

Ihr vornehmes Lebensmotto lautet?

Kurz und in Versalien LMAA-lang: Lächle mehr als andere. Und ich nehme eine klare Haltung zu aktuellen Geschehnissen ein, vor allem mache ich mich für den Erhalt der Demokratie stark. Knigge war übrigens ein echter Vordenker für die Demokratie.

Die indiskrete Frage zum Schluss: Haben Sie sich auch schon einmal danebenbenommen?

Nicht nur einmal, ständig! (lacht). Scherz beiseite, aber auch mir passiert das natürlich. Allein schon, wenn man wie ich „Benimmfluencer“ von Beruf ist. Da geht schon mal was daneben, insbesondere weil die Messlatte so hoch liegt. Das Gespräch führte Christoph Trick.

Das Gespräch führte Christoph Trick.


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