Telefonseelsorge kann ein guter Grund sein, in der Kirche zu bleiben. Denn sie ist nicht nur eine der sinnvollsten Einrichtungen überhaupt, sondern finanziert sich auch zu 98 Prozent über die Kirchensteuer. Das sagt Alexander Fischhold, der seit 15 Jahren bei der Telefonseelsorge des Erzbistums München und Freising tätig ist, einem Dienst, an den sich Menschen Tag und Nacht, übers gesamte Jahr und insbesondere in schwierigen Zeiten wenden können.
Auch an Heiligabend und Silvester sowie an den Tagen zwischen den Tagen, die für viele oftmals schwieriger sind als die Feiertage selbst. An Heiligabend finden die meisten doch irgendwo eine Zuflucht, weiß Fischhold, der dann gern einmal selbst am Telefon sitzt und Anrufe entgegennimmt. Er muss schließlich wissen, wie es sich anfühlt, fremden Menschen und ihren Problemen zu lauschen. Überwiegend empfindet er sich und seine Hauptamtlichen aber als Dienstleister für die Ehrenamtlichen, die in mehrstündigen Tag- und Nachtschichten ihr Ohr hinhalten oder auch im Chatroom oder per Mail zur Verfügung stehen. Sie benötigen Ruhe und Kraft zum Zuhören, dabei helfen zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel ein gut gefüllter Kühlschrank, der Adventskalender mit kleinen Aufmerksamkeiten, der Nikolaus mit seinen Gaben - und die Aussicht auf die jährliche Hausweihe mit anschließendem Büffet am Dienstag nach Dreikönig.
Vor allem aber helfe die Möglichkeit des Austauschs mit den anderen: „Wir sind schon eine eingeschworene Gemeinschaft, die ja überwiegend im Verborgenen arbeitet“, sagt Fischhold, „viel Glamour ist da nicht, aber dank regelmäßiger Supervision und den Fortbildungen, auch an wunderschönen Orten wie Frauenchiemsee oder Salzburger Land, sind Wachstumsprozesse möglich; man geht auf alle Fälle reifer und vielfach auch dankbarer aus dem Dienst hervor.“
Apropos Dankbarkeit, zu Weihnachten möchten manche Anrufer auch nur Danke sagen. Das ist dann schon ein Geschenk, zumal in der Regel wenig Feedback kommt. Viele rufen nur ein einziges Mal an, aber die, die öfter anrufen, „unsere Dauerabonnenten“, wie Fischhold sagt, brauchen den Dienst für ihren Alltag, das regelmäßige Telefonat ist ihre Stütze. Aber ist es nicht ernüchternd, wenn die Telefongespräche gar nicht so viel bewirken? Menschen verändern sich, wenn überhaupt, nur wenig, sagt Fischhold: „Psychische Probleme etwa betreffen viele immer wieder im Leben.“
Krankheiten gehen nicht weg, wenn man telefoniert oder mit jemandem chattet, aber sie lassen sich vielleicht dann etwas besser ertragen? Außerdem weisen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch auf weiterführende Hilfen hin, auf psychiatrische Ambulanzen und andere Krisendienste wie die Arche oder die Münchner Insel. Die Telefonseelsorge bietet einen Anker in dunkler Nacht, wer weiß, wo viele Menschen ohne die Telefonate stünden? Gerade nachts sind die Gespräche dichter, sagt Fischhold. Die Not ist anders in der Nacht.
Hat denn die Person, die das Gespräch entgegennimmt, immer gute Ratschläge parat? Nein, praktische Tipps könne man doch inzwischen googeln, es gehe vielmehr ums Zuhören und auch Raum schaffen für andere Gedanken, sagt Fischhold. Denn oft schlummern Ressourcen in den Anrufern, von denen sie gar nichts wussten. Dennoch, manchmal helfen auch ein paar schlichte Handreichungen. Etwa die Nachfrage, wann man denn aufgewacht sei, wenn jemand nachts um drei anruft und nicht einschlafen kann. Lautet die Antwort um 16 Uhr, darf der Seelsorger am Telefon schon auf einen günstigeren Schlaf-Wach-Rhythmus hinweisen. An Weihnachten werden Brüche in den Familien spürbar, es gibt Anrufer, die vermissen ihre Kinder, ja manche haben überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern. Andere haben Angst, nach Hause zu fahren, vor den Konflikten dort oder dem vermeintlichen Frieden, der dann stattfinden muss, obwohl gar kein Frieden ist in der Familie und der Welt. An Weihnachten sind die Erwartungen hoch, dabei wäre es vermutlich besser, sich selbst ganz klein zu machen und sich quasi zum Jesuskind in die Krippe zu legen.
Wie verbringt Alexander Fischhold denn selbst Weihnachten? „Wir haben in der Familie seit zwei Jahren eine neue Tradition gegründet und besuchen an Heiligabend gemeinsam mit unseren Kindern den Gottesdienst in der Bahnhofsmission, der findet in der Schalterhalle statt. Da begegnen uns auf dem Weg auch Obdachlose. So ist das Leben ja auch im modernen Bethlehem, gar nicht heil. Für mich ist das Weihnachten, nicht wir tauchen in die heile Weihnachtswelt ein, sondern Jesus kommt in unsere unheile Welt. Für mich als gläubigen Christen ist aber Karfreitag und Ostersonntag das größere Fest, weil es mit der Hoffnung auf die Überwindung des Todes verbunden ist, des Todes und all der Krankheiten und Probleme, die mit ihm einhergehen.“ Die Nothelferinnen und -helfer am Telefon sind übrigens Menschen wie du und ich, aus ganz unterschiedlichen Berufen und gern mit Lebenserfahrung im Gepäck. Sie sind weder Ärztin noch Therapeut. Sie reagieren daher auch unterschwelliger, was den Anrufenden durchaus entgegenkommt, denn sie möchten nicht auf ihr Problem reduziert werden und schon gar keine Diagnose hören. „Sie wollen, dass wir ihnen einfach nur zuhören“, sagt Fischhold. „Du bist richtig bei uns, egal wer du bist und woher du kommst, das ist die primäre Botschaft der Telefonseelsorge und der Seelsorge generell.“ Ob er wohl weitere 15 Jahre bei der Telefonseelsorge bleibt? Es sei schon eine attraktive Stelle, sagt er, für einen Theologen mit systemischer Ausbildung und für einen Familienvater. „Wenn die Kinder krank sind, kann ich von zu Hause aus arbeiten. Dafür bin ich öfter am Wochenende und eben an den Feiertagen hier. Und, in den 15 Jahren war kein Tag wie der andere. Wer kann das schon von seinem Job sagen?“
Bettina Rubow