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Theologen Claudia und Simone Paganini: Von wegen Heilige Nacht

In ihrem Buch „Von wegen Heilige Nacht“ hinterfragen sie mit wissenschaftlichen Methoden und Faktencheck Zeit, Ort und Ereignisse der Geburt Jesu – und zeigen, was wirklich zählt.

Theologen Claudia und Simone Paganini: Von wegen Heilige Nacht

Das Wissenschaflter-Ehepaar Claudia und Simone Paganini hat erforscht, unter welchen Umständen Jesus Christus geboren wurde. Dies haben sie in dem informativunterhaltsamen Buch „Von wegen Heilige Nacht“ festgehalten, das mittlerweile in dritter Auflage erschienen ist. Foto: Privat

Viele Menschen kennen sie, hören sie in der Kirche, stellen laut ihren Angaben Bethlehems Stall- und Figurenins Wohnzimmer: Die Weihnachtsgeschichte ist die Grundlage für die Art und Weise, wie seit jeher die Geburt von Jesus Christus gefeiert wird. Doch was waren die tatsächlichen Bedingungen, unter denen er geboren wurde? Unter anderem dieser Frage sind Prof. Dr. Claudia und Prof. Dr. Simone Paganini in ihrem Buch „Von wegen Heilige Nacht“ nachgegangen, das 2020 erschienen ist.

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Muss jetzt die Weihnachtskrippe unter dem Christbaum verschwinden? Mitnichten! Denn die wichtigste Wahrheit ist sehr wohl in der uns bekannten Geschichte enthalten, unterstreicht das Ehepaar im Gespräch. Claudia Paganini ist seit 2024 Privatdozentin an der Universität Innsbruck und Lehrbeauftragte für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München, Simone Paganini lehrt und erforscht Biblische Theologie an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

Frau und Herr Paganini, Ihre Richtigstellungen rund um die Heilige Nacht sind äußerst unterhaltsam zu lesen. Mit welchen wissenschaftlichen Methoden und Quellen haben Sie denn die Fakten lage erschlossen?

Simone Paganini: Vielen Dank! Ja, es freut uns, dass unser Buch vom Publikum gut angenommen wird. Es ist bereits die dritte Auflage. Die Weihnachtsgeschichte scheint in jedem Fall eine Erfolgsstory zu sein. Was die Vorgehensweise betrifft, so arbeite ich als Bibelwissenschaftler mit den Methoden der Geschichts- und Literaturwissenschaft. Das bedeutet, ich suche nach Quellen und werte sie kritisch aus. Zur Geburt Jesu gibt es einige altchristliche Texte und außerdem Material aus dem griechischen, römischen und jüdischen Umfeld. 

Claudia Paganini: Aber weil das Ergebnis unserer Rekonstruktion häufig eher ernüchternd ist, bekommen wir neben positivem Feedback immer wieder auch empörte E-Mails oder sogar Hatespeech auf Social Media. Unser Anliegen ist es, wissenschaftlich sauber zu arbeiten, aber wir nehmen uns auch kein Blatt vor den Mund, wenn sich Überlieferungen einfach nicht belegen lassen.

Seit Menschengedenken feiern wir den 24. Dezember des Jahres „0“ als Geburtstag des Christkinds, welches in einem Stall in Bethlehem zur Welt kam. Doch Zeit und Ort scheinen gar nicht zu stimmen?

Simone Paganini: So ist es. Jesus wurde wahrscheinlich im Frühjahr des Jahres 7 v. Chr. in Nazareth geboren, und zwar im Haus seines Ziehvaters Josef. Der Stall von Bethlehem ist eine literarische Erfindung. Das Jahr „0“ hat es damals noch nicht gegeben, aber auch das Jahr „1“ wurde erst um 525 von einem Mönch namens Dionysius Exiguus errechnet. Der war wohl kein sehr begnadeter Mathematiker und hatte sich um ein paar Jahre vertan. Heute wissen wir es besser. Laut Quellen wurde Jesus nämlich geboren, als Herodes König von Judäa war. Der starb aber bereits im Jahr 4 v. Chr. Der 24. Dezember wiederum dürfte daher kommen, dass man ein anderes, bei den Römern beliebtes Fest verdrängen wollte. Außerdem gab es wirtschaftliche, man könnte sogar sagen touristische Überlegungen. Im Frühjahr feierte man nämlich schon Ostern, was lange vor Weihnachten bedeutsam wurde. Der Wintertermin war also sinnvoll, um die Pilgerströme ins Heilige Land einigermaßen über das Jahr zu verteilen.

„Es geht darum zu zeigen, wie wichtig Jesus war“

Nun zu Maria - wie kam es der Quellenlage nach zu der Bezeichnung „Jungfrau“, und welche Rolle kommt Josef in der Geschichte zu?

Simone Paganini: In den ersten christlichen Schriften, etwa bei Paulus, gab es noch keine Rede von der Jungfrau Maria. Und natürlich hielt man Josef, der den kleinen Jesus als Mann seiner Mutter großzog, für seinen Vater. Mit der Zeit entwickelte sich der Ausdruck „Jungfrau“ als eine Art Ehrentitel, aber noch ohne tiefere Bedeutung. Und aus diesem Ehrentitel wurde irgendwann im 4. Jh. die Vorstellung von einer Jungfrauengeburt als einem besonderen Wunder.

Claudia Paganini: Sehr originell waren die Christen damit aber nicht. Die griechisch-römische Mythologie ist nämlich voll von Kindern, die eine menschliche Mutter und einen göttlichen Vater haben. Einen recht zweifelhaften Ruf hatte hier bekanntlich Zeus.

Gab es die drei Weisen aus dem Morgenland wirklich, und was bedeuten die Buchstaben „C.M.B.“, die die Sternsinger mit Kreide an die Türen schreiben?

Claudia Paganini: Auch hier haben wir es mit einem literarischen Motiv zu tun, das heißt, es kommt in der Bibel vor, weil es eine bestimmte Funktion hat. Konkret geht es darum, zu zeigen, wie wichtig Jesus war. Denn wenn bedeutende Persönlichkeiten geboren werden, gibt es immer jemanden, der versucht sie zu töten. Romulus und Remus, Alexander der Große, Moses. So auch bei Jesus. Dann braucht es jemanden, der ihn rettet, und nun kommen die Weisen ins Spiel. Erst später werden aus ihnen drei Könige, die Namen Caspar, Melchior, Balthasar haben sich überhaupt erst im Mittelalter durchgesetzt.

Simone Paganini: Das CMB hat aber nichts mit ihren Namen zu tun. Es ist ein Akrostichon des lateinischen Segenswunsches „Christus Mansionem Benedicat“: Christus segne das Haus.

Ist denn Ihrer Meinung nach die Zeit für eine neue Deutung der Weihnachtsgeschichte gekommen?

Claudia Paganini: Wenn man die Weihnachtsgeschichte dekonstruiert, zeigt sich, dass sie wenig Historisches enthält. Keine Hirten, kein Stall, kein Ochs und Esel, keine Engel und so weiter. Aber was zentral ist, bleibt. Gott kommt in die Welt und will den Menschen Frieden bringen.

Simone Paganini: Das war von Anfang an die Botschaft der Weihnachtsgeschichte. Und genau an dieser Deutung braucht und sollte man auch 2024, wo Weihnachten ein Fest des Konsums geworden ist und mitten in Europa Krieg geführt wird, nichts ändern.
Das Gespräch führte Andreas Friedrich.


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