Schon bei meiner Oma geriet jedes Weihnachtsessen zum kulinarischen Härtetest mit großem familiären Unterhaltungswert. Und zwar kam das daher, dass sie am ersten Feiertag traditionell Orangencreme servierte, ein Dessert aus Sahne und mit Gelatine angedicktem Orangensaft. Zwar hielt sich die Oma viel darauf zugute, in ihrer Jugend ein feines französisches Kochinstitut besucht zu haben. Leider aber war Geduld Omas schwächste Küchendisziplin. Über Stunden hielt sie Wache über der Mischung und wollte den richtigen Moment abpassen. Wartete sie zu lang, war der Saft schon erstarrt und ließ sich nicht mehr unter die Sahne heben. Rührte sie zu früh, setzte sich der Orangensaft später in einer Extraschicht unschön ab. Leider konnte sie nie abwarten und so kannte ich die Creme nur als Zweischichtendessert: oben die weiße Sahne und unten das gelbe Gelee. Pannen beim Weihnachtsessen sind also in meiner Familie in gewisser Weise Tradition, möchte ich folgenden Zeilen voranschicken.
Eigentlich bin ich keine richtig versierte Köchin, aber zu Weihnachten habe ich die Herausforderung schon mutig angenommen, dann versammelt sich bei uns immer eine große Mannschaft von bis zu einem Dutzend Leute. Über die Jahre gesehen ist schon einiges schiefgegangen, worüber ich jetzt erst so herzhaft lachen kann, als wäre es gar nicht mir passiert.
Einmal wollte ich mit einer eleganten Pistaziencreme Eindruck schinden. Weil der Kühlschrank schon so voll war, stellte ich die Schüssel zum Abkühlen ins Freie. Als ich nach einigen Stunden kontrollieren wollte, hatte sich die Nachbarskatze bedient und ein großes Loch hineingefressen. Ja, auch Tiere haben Sinn fürs Festliche. Ein andermal lud ich die Verwandtschaft zum Adventskaffee ein. Meine Spekulatius-Cremetorte hatte ich schon servierbereit auf einem Beistelltisch platziert. Als ich nach dem Sektempfang zur Kaffeetafel bitten wollte, war die Hälfte der Torte verschwunden. Mit unschuldigem Blick, aber die Schnauze voller Sahne, lag der Hund der Cousine unterm Tisch. Ein Feinschmecker, ohne Frage. Die Linzer Schnitten hatte er nämlich verschmäht! Lassen Sie sich auch so gern von traumhaft gestalteten Weihnachtskochbüchern verführen, mit Titeln wie „Christmas at the Palace“? Ich jedenfalls wollte immer wissen, wie englischer Plumpudding schmeckt. Sieben Stunden Garzeit im Wasserbad, hieß es im Rezept. Nach Ablauf der Zeit hob ich die Form aus dem Topf – oder besser: das, was von ihr noch übrig war. Die Hitze hatte das Metall durchlöchert, der Teig war halb ausgelaufen und hatte sich in eine Art „britischen Weihnachtsbrei“ verwandelt. Was kann bei Suppe schon schiefgehen? Das dachte ich auch, als ich einmal Kürbissuppe zubereitete. Zumal der Thermomix ja von allein kocht und rührt. Ich hatte großzügig die doppelte Menge angesetzt, aber vergessen, den „Messbecher“, der den Deckel der Küchenmaschine verschließt, wieder aufzusetzen. Als ich nach 25 Minuten wiederkam, war die Küche kaum mehr wiederzuerkennen. Bis zur Decke hoch war die Wand gesprenkelt mit Blubbern in leuchtendem Orange.
Das Hauptgericht aber ist jedes Jahr die größte Nervenprobe. Lange Zeit gab es bei uns Gans. Aber als die Festrunde immer größer wurde, reichte die irgendwann nicht mehr aus. Ohnehin hatte ich einmal im Laufe der gefühls- und weinseligen Bescherung vergessen, abends noch die Gans aus der Tiefkühltruhe zu holen. Das fiel mir leider erst am nächsten Morgen ein. Am Nachmittag war die Gans außen weich, aber innen immer noch ein Eisklumpen. Die Gäste muten vertröstet werden. Seit einiger Zeit gibt es immer Truthahn und der wird frisch am 23. Dezember geholt. Doch die Vorbestellung beim Metzger gleicht einem Glücksspiel. „Wie groß wird er denn?“, will ich wissen. „Zwischen sechs und zwölf Kilo“, sagt der Metzger achselzuckend wie bei einer Wetterprognose. Genauer könne man das Gewicht leider nicht vorhersagen. Zwölf Kilo, mir bricht der Schweiß aus. Ich habe doch keinen Monsterbackofen wie die Amerikaner für ihr Thanksgivingessen, sondern ein europäisches Durchschnittsmodell. Aber bisher hatte ich Glück. Neun Kilo war bislang das Maximalgewicht und die passten in die Röhre. Allerdings nur diagonal. Aber wer weiß, ob dieses Mal nicht die Vogelgrippe zuschlägt und der Ofen kalt bleibt.
Als Köchin hat man es schwer. Bis so ein großer Braten fertig ist, vergeht gut und gern ein halber Tag – und das heißt: morgens um sieben in der Küche stehen. Ein undankbarer Job! Manchmal habe ich Kopfweh von ein paar Gläsern Sekt zu viel am Vorabend. Immer bin ich müde, die Nacht war zu kurz. Der Rest der Familie schläft tief und fest, während ich mir den Weg durch das von Geschenkpapier und leeren Gläsern verwüstete Wohnzimmer in die Küche bahne.
Aber am Ende sitzen alle um den Tisch, lassen es uns schmecken und sind satt und vergnügt. Das ist die schönste Belohnung. Übrigens habe ich mich letztes Jahr zum ersten Mal an Omas Orangencreme herangetraut und hurra! Die Mischung gelang vollkommen homogen. Aber zu früh gefreut: Weil ich statt frischer Orangen fertigen Saft aus der Tüte verwendet hatte, vergaß ich den Zucker. Die Gäste verzogen ein wenig das Gesicht, so sauer war der Nachtisch. Ich schwöre mir jedes Jahr aufs Neue, nächstes Mal alles ganz einfach und simpel zu machen. Ein Schwur, den ich natürlich nie halte.
Susanne Hauck