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Misteln und Mispeln

Beide Gewächse haben eine lange Winterund Weihnachtshistorie, gelten als gesundheitsfördernd, sind zum Teil aber auch ungenießbar, gar gefährlich. Wir stellen sie vor

Die Mispel ist eine heimische, heute jedoch kaum noch bekannte Frucht.
Die Mispel ist eine heimische, heute jedoch kaum noch bekannte Frucht.

Nun hängt er also, der Mistelzweig. Ob sich heuer alte oder neue Familienmitglieder darunter küssen? Die sagenhaften Wirkungen von Misteln, genauer der Weißbeerigen Mistel, sind hierzulande vielen Menschen bekannt, dank 41 Asterix-Bänden, unzähliger Christmas-Movies, SerienSpecials und Mistletoe-Hits von Sinatra bis Sia. 

Aber Mispeln? Da herrscht oft Fehlanzeige. Dabei war die Echte Mispel in Mitteleuropa jahrhundertelang ein fester Bestandteil von Obstgärten. Schon weil die kleinen Mispeläpfel wichtige Vitamine in den Wintermonaten spendeten. In einigen Gegenden wie der Zentral-Schweiz waren die Äpfelchen eine Gabe im „Samichlaus-Säcklein“, also ein Nikolaus-Geschenk. Mancherorts hingen die Früchte sogar am Christbaum.

Auch Hildegard war Mispel-Fan

Beiden Pflanzen wurden besondere Eigenschaften zugeschrieben: So war die Mistel den Kelten heilig, wie wir dank Plinius dem Älteren wissen - Goscinny und Uderzo hatten bei ihm sozusagen abgeschrieben. Sie galt als Göttergewächs, vom Himmel gefallen, immergrün. Wie sonst konnte sie in Baumkronen leben? Zur Wintersonnenwende ernteten die Druiden Eichenbaum-Misteln mit goldenen Sicheln, nachzulesen in Asterix Band V. 

Die Mispelfrucht wiederum verblüfft durch ihr Aussehen-„Hundsärsch“ ist einer ihrer volkstümlichen Namen - sowie zu Winterbeginn mit einer Metamorphose: vorher hart und ungenießbar, nach den ersten Frösten weich und süß. Zudem sind die Wirkungen beider Pflanzen ambivalent: ebenso heilend wie schwächend. Die rohen Mispelchen sorgen in großen Mengen für mächtiges Bauchgrimmen, Mistelbeeren sind sogar giftig. Magische Gewächse also, passend zur Weihnachtszeit. Die Mispel zählt entgegen ihrer botanischen Bezeichnung „Mespilus germanica“ nicht zur heimischen Flora. 

Die dialektale Bezeichnung "Hundsärsch" für die Mispelfrucht erklärt sich bei einem Anblick wie diesem von selbst.
Die dialektale Bezeichnung "Hundsärsch" für die Mispelfrucht erklärt sich bei einem Anblick wie diesem von selbst.
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Sie stammt aus Vorderasien und wird dort schon seit rund 3000 Jahren kultiviert. Die antiken Griechen importierten sie nach Europa. Die Römerbauten sie sogar in ihren transalpinen Provinzen an, etwa am Oberrhein. Kaiser Karl der Große verfügte, dass der Mispelbaum auf seinen vielen Krongütern anzupflanzen sei, als eines von 16 Obstgehölzen. Ein Vorbild für viele Klostergärten. Die Benediktinerin Hildegard von Bingen lobte: „Die Frucht ist Gesunden und Kranken bekömmlich, denn sie kräftigt das Fleisch und reinigt das Blut.“

Beliebte Weihnachtsdeko: Tannenund Mistelzweige. Fs.: Adobe Stock
Beliebte Weihnachtsdeko: Tannenund Mistelzweige. Fs.: Adobe Stock

Mispelmus und Mispelsaft waren sehr beliebt. Doch ab dem 18. Jahrhundert verlor die Frucht ihre Bedeutung, wegen des Siegeszugs importierter Zitrusfrüchte. Die Mispel galt als Arme-Leute-Obst, ihr Bestand wurde nicht mehr gepflegt. Heute unterscheidet man zwischen Kultur- und Wildmispel. Erstere wird nun gezielt auf Streuobstwiesen, in Parks und in Gehölzsammlungen, sogenannten Arboreta, gepflanzt. Die Wildmispel ist eigentlich eine verwilderte Spezies, die in Bayern in den fränkischen Weinbau-Regionen und am Unterlauf der Paar Refugien gefunden hat. 

Misteln wuchsen und wachsen hingegen überall. Hildegard empfahl Birnbaummistelpulver bei Herz- und Lungenleiden und die Birkenmistel bei „Seitenschmerzen“. Mistel-Pulver, -Tee oder -Wein nahm man bei Epilepsie, Schwindel oder Bluthochdruck. In der Naturheilkunde wird sie bis heute zur Stärkung des Immunsystems genutzt. 

Mancherorts sind Misteln inzwischen eine echte Plage, so auf Streuobstflächen in Franken, Schwaben und Oberbayern. Schuld ist der Klimawandel. Hohe Temperaturen und geringe Niederschläge schwächen die Bäume. Wenn sie von den halb-parasitischen Misteln befallen werden, verschlimmert sich ihr Zustand. Denn das Wipfelgewächs entzieht dem Wirt Wasser und Nährstoffe. Mit fatalen Folgen für beide. 

Das Küssen unter Mistelzweigen scheint dagegen zwar ungefährlich, indes kein antiker Brauch zu sein. Die Spuren führen ins englische 18. Jahrhundert, populär wurde der Kuss erst im prüden viktorianischen Zeitalter. Unter dem Zweig durften sich offiziell nur Verlobte küssen-um sich danach lebenslänglich zu binden. Horst Kramer


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