Die Wochen vor und nach Weihnachten sind geprägt von Riten und Traditionen. Es sieht ganz danach aus, als käme allmählich eine neue dazu: Etwa ein Drittel der Bundesbürger nimmt sich vor, zumindest zwischen den Jahren weniger Zeit vor Smartphones, Tablets oder Computern zu verbringen. Die Vorstellung, den digitalen Strom einfach so abzustellen, wirkt zunächst unrealistisch. Der Druck aus Beruf und sozialem Leben, jederzeit erreichbar zu sein und sofort reagieren zu müssen, ist spürbar. So kommt es eigentlich gelegen, dass die Weihnachtstage eine Phase sind, in der viele Menschen Abstand von der Arbeit zulassen und etwas mehr Zeit für sich haben. Und passt dieses Aus-dem-Alltag-Treten nicht ohnehin in die Weihnachtszeit? Zwischen klassischen Familienfesten und Weihnachtsstress bietet der bewusste Rückzug von elektronischen Geräten die Gelegenheit, etwas grundlegend Besinnliches zu erleben: in eine fast schon nostalgisch stimmende Zeit einzutauchen, in der digitale Ablenkung noch keine dominierende Rolle im Leben spielte.
Digital Detox, auf Deutsch: digitale Entgiftung, bedeutet, sich für einen meist begrenzten Zeitraum bewusst von digitalen Medien und Geräten fernzuhalten. Das erwünschte Ziel ist dabei für viele, wieder störungsfrei das reale Leben zu erleben, persönliche Kontakte ohne Bildschirm zu pflegen und dem leise im Hintergrund ratternden Dauerdruck der ständigen Erreichbarkeit zu entgehen. In der digitalen Welt, wie sie uns umgibt, ist es normal geworden, jederzeit Zugriff auf alles zu haben. Dabei greift man unweigerlich ständig zu Geräten, angefangen mit morgendlichem Nachrichtenlesen auf dem Tablet bis zum letzten E-Mail-Check vor dem Schlafengehen. Dieses permanente Einprasseln von Informationen auf das Gehirn erzeugt oftmals innere Unruhe, Reizbarkeit und Schlafstörungen. Auch das Gefühl, dauernd eine neue Information bekommen zu müssen oder etwas zu verpassen, verstärken sich zunehmend in der Bevölkerung. Aufmerksamkeit und Konzentration geraten in einer solchen Umgebung ständiger digitaler Reize zunehmend unter Druck, besonders bei jüngeren Menschen, deren Alltag stark von dauerhafter Vernetzung geprägt ist.
Digital Detox kann besonders dann sinnvoll sein, wenn man sich gezwungen fühlt, das Smartphone ständig zu prüfen, soziale Medien nach Neuigkeiten durchforstet oder sich häufig niedergeschlagen, gereizt oder ängstlich fühlt. Weitere Anzeichen für einen übermäßigen Digital-Konsum sind ein unruhiger Schlaf, ständiges Vergleichen mit anderen oder das Gefühl, dass Arbeit und Freizeit durch ständige Verfügbarkeit verschwimmen.
Für einen Digital Detox zwischen den Jahren bietet es sich an, die Geräte nicht nur stumm zu schalten, sondern sie aus der eigenen Reichweite zu entfernen. Selbst auf stumm oder im Flugmodus bleibt die jahrelang trainierte Gewohnheit, das Smartphone aus der Tasche zu ziehen. Deshalb ist es wirkungsvoller, die Geräte gleich ganz wegzulegen, etwa in die nächste Schublade. Der räumliche Abstand entzieht dem automatisch ablaufenden Griff in die Hosentasche schnell die Grundlage. Den Blick zur Smartphone-Uhr und dem meist folgenden Tippen und Wischen erspart man sich durchs Tragen einer Armbanduhr. Für längere Offline-Phasen braucht es am besten etwas Vorbereitung. Wer verreist oder Verabredungen hat, sollte bereits vorab alles organisieren, was sonst über das Handy, Tablet oder Computer laufen würde. Am besten informiert man das nähere Umfeld vorher darüber, damit keine Irritationen entstehen. Das Ganze muss natürlich nicht bedeuten, dass man komplett auf digitale Geräte verzichten muss. Auch eine abgespeckte Version des Digital Detox kann schon hilfreich sein. Notwendig ist dafür aber ein klarer Vorsatz: zum Beispiel nur einmal täglich die Mails checken oder das Handy ausschließlich für wichtige Anrufe bereithalten, alles andere bleibt ausgeschaltet. Entscheidend ist, sich konsequent daran zu halten.
Anfangs kann das alles ungewohnt wirken. Unruhe, das Gefühl, etwas Wichtiges auszulassen, oder der Impuls, schnell etwas nachzusehen, treten vor allem in den ersten Stunden auf. Diese Spannung verliert jedoch meist an Kraft, wenn die erste Hürde überwunden ist. Doch dann entfaltet sich der eigentliche Zauber: Der Blick richtet sich stärker auf die unmittelbare Umgebung, alltägliche Tätigkeiten gewinnen an Intensität. Weihnachten bietet für solche Erfahrungen einen guten Rahmen, denn die Abläufe sind oft vertraut genug, um Orientierung zu geben und nicht direkt in Panik zu verfallen, da man nicht mehr weiß, was man mit seiner Zeit anfangen soll. Gleichzeitig befindet man sich ohnehin schon in einer Zeit, in der vieles etwas lockerer gehandhabt wird. Hilfreich ist es, die eigenen Detox-Erfahrungen zu beobachten. Wer spürt, an welchen Stellen die Abwesenheit von Geräten besonders entlastend wirkt, kann daraus Schlüsse für sich ziehen.
Und so fällt einem nach den Weihnachtstagen auf, dass diese entspannter waren als sonst, und das mit der verminderten Bildschirmzeit ja eine gute neue Gewohnheit werden könnte. Dann kommt Silvester, und irgendwas passiert zwischen Sekt und Rakete. Spontan tippt man um Mitternacht sämtlichen Bekannten eine Nachricht, postet ein paar Bilder und merkt, dass man trotz Weihnachts-Detox doch wieder mitten im digitalen Trubel steht. Nur im besten Fall etwas bewusster.
Raphael Ostertag