Wenn die Tage kürzer werden und der Duft von Zimt, Vanille und Lebkuchen durch die Häuser zieht, kommt er wieder zum Einsatz: der Nussknacker. Kaum ein anderes Symbol ist so untrennbar mit der Weihnachtszeit verbunden wie er. Bunt bemalt, mit funkelnden Augen und markantem Biss gehört er für viele Menschen zur festlichen Dekoration dazu. Nur wenige Weihnachtsmotive vereinen so viel Charme, Geschichte und geheimnisvolle Ausstrahlung wie dieser kleine, grimmig dreinblickende Geselle, der seit Jahrhunderten über festlich geschmückte Wohnzimmer wacht.
Wer hätte das gedacht – den ersten Nussknacker gab es bereits in der Antike: Aristoteles erwähnt schon ein solches kunstvoll verziertes Werkzeug, damals aber aus Bronze. Auch Leonardo da Vinci (1452-1519) soll an einem Gerät zum Öffnen von Nüssen getüftelt und eine Drehbank zum Drechseln hölzerner Figuren entwickelt haben. Die Blütezeit der kunstvollen „Nussbezwinger“ begann aber erst später. Im 18. Jahrhundert wurden sie von Holzmeistern aus Gröden und in Oberammergau geschnitzt – in Südtirol vor allem als lustige Typen aus dem Volk, in Bayern als orientalische Figuren. Zum Massenprodukt wurden sie im 19. Jahrhundert, als Menschen im Erzgebirge angesichts des stagnierenden Erzabbaus in der Gegend nach anderen Erwerbsquellen suchten. Sie verlegten sich hauptsächlich auf das Drechseln und die Herstellung dekorativer Gegenstände aus Holz – zunächst Stühle und Möbel, später auch Holzspielzeug und Fensterfiguren wie Engel und Bergmann, Schwibbögen, Räuchermännchen – und eben auch Nussknacker.
Grimmig, aber gütig
Zu den beliebtesten Motiven für die Hebelmänner wurden Gendarmen, Soldaten oder Könige - Autoritäten, denen Güte aber nicht fremd sein soll. Denn tief in seinem Innern, so glaubten die Leute, wohnt im Nussknacker ein freundlicher Geist, der nur streng schaut, um das Gute zu beschützen. Dieser kleine Mann mit dem ernsten Blick hatte für sie auch etwas Tröstliches: Seine Zähne bissen nicht nur Nüsse, sondern auch symbolisch alles Böse entzwei. So wurde der Nussknacker zum Wächter des Hauses ein Beschützer gegen die Dunkelheit der kalten Jahreszeit und Symbol für Glück. Nicht zuletzt fanden die bunt bemalten, hölzernen Gesellen auch bei Kindern großen Anklang und wurden im 19. Jahrhundert auch als Kinderspielzeug genutzt.
Bis heute hat diese ikonische Figur nichts an ihrer Strahlkraft eingebüßt. Kunstvolle Exemplare in der Größe von etwa 35 Zentimetern werden traditionell in etwa 130 Arbeitsgängen hergestellt und bestehen aus bis zu 60 Einzelteilen. Zudem gibt es sie auch als übergroße Dekorationselemente, etwa auf Weihnachtsmärkten. Lange Zeit stand der „größte Nussknacker auf Weihnachtsmärkten“ in Osnabrück, ein sechs Meter hohes Exemplar, das inzwischen von seinem Kollegen in Oberhausen um 1,60 Meter übertroffen wird. Als größter und funktionierender Nussknacker der Welt gilt der 10,10 Meter hohe und 3285 Kilogramm schwere Ritter Borso von Riesenburg, der im Nussknacker Museum in Neuhausen im Erzgebirge steht.
Seine weltweite Popularität verdankt der Nussknacker jedoch nicht nur der Handwerkskunst, sondern auch der Kultur. 1816 schrieb der Romantiker E.T.A. Hoffmann die Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“. Darin wird der kleine hölzerne Wächter in der Weihnachtsnacht lebendig, kämpft mutig gegen das Heer des Mausekönigs und verwandelt sich schließlich in einen Prinzen. Diese Geschichte inspirierte später Pjotr Iljitsch Tschaikowski zu seinem berühmten Ballett „Der Nussknacker“ (1892): eine musikalische Hommage an das Weihnachtswunder, die bis heute beliebt ist und in Theatern auf der ganzen Welt aufgeführt wird.
Seitdem gilt der Nussknacker nicht nur als Dekoration, sondern als Symbol für kindliche Fantasie, Träume und das Geheimnisvolle der Weihnachtszeit. In vielen Familien gehört es auch heute noch zur Tradition, ihn jedes Jahr aus dem Schrank zu holen und ihn auf das Fensterbrett, den Kaminsims oder neben das Kripperl zu stellen. Meist aus Holz, manchmal aber auch aus Porzellan oder sogar als plüschiger Geselle. In manchen Regionen wird er auch verschenkt – als Glücksbringer, der im kommenden Jahr Schutz und Stärke bringen soll.
Barbara Brubacher