Ein Montagnachmittag im Bühnensaal des Kulturzentrums Luise in der Münchner Ruppertstraße. Draußen vor der Glasfassade tobt der erste Novembersturm. Drinnen ist es dagegen heimelig mit den hellen Holzböden, bunten Lichteffekten und dem leichten Kaffeeduft. Andrea Marton, Künstlerische Leiterin von Dance On60+, stellt Gläser, Wasser und Saft auf eine lange Tafel. Kaffee und Kekse gibt es jedoch erst in der Pause, „sonst wär' da schon alles weg“, sagt sie und lacht. Nebenbei begrüßt sie die allmählich eintreffenden Teilnehmer mit Vornamen. Man duzt sich, viele scheinen Stammkunden zu sein. Vermutlich wetterbedingt ist die Runde diesmal etwas kleiner. Knapp 20 Personen, darunter Projektleiter Ralf Otto und Tanzvermittlerin Nina Willier von Dance On60+ in Bogenhausen, sitzen zur Eröffnung im Stuhlkreis und stellen sich mit Vornamen und einer Bewegung vor. Wie vermutet sind es mehr Frauen als Männer.
Wer in den folgenden zwei Stunden Discofox erwartet und Ansagen à la „links, zwo, drei“, liegt völlig falsch. Andrea Marton und Ralf Otto haben das Format DanceOn60+im Jahr 2019 als Projekt gestartet, um Menschen ab 60 modernes Tanzen zu bieten. Ganz unabhängig von Vorkenntnissen, körperlichen Möglichkeiten oder Einschränkungen. Die Idee war, damit zunächst in Stadtteile zu gehen „wo kulturell wenig geboten ist, in denen Menschen von Vereinsamung betroffen sind“, wie Marton erzählt. Mit großem Erfolg fingen sie im Hasenbergl an, doch konnte diese Kooperation nicht dauerhaft fortgesetzt werden. Heute gibt es regelmäßige Veranstaltungen an drei Orten: In der „Luise“, in Bogenhausen und in Herrsching.
Getanzt wird in der Gruppe, dabei tanzt jeder so, wie er es kann. Und noch etwas ist anders als beim Tanztee. Man tanzt in Socken oder barfuß, manche tragen leichte Gymnastikschuhe, viele bequeme Kleidung für Bewegungsfreiheit. Die ausgebildete Tänzerin Marton, die sich am liebsten als Tanzschaffende bezeichnet, hat das methodische Konzept für das Projekt mit dem Pianisten Lukas Maier ausgearbeitet. „Mir ist sehr wichtig, dass ich da nicht als Lehrerin ankomme und sage, ihr müsst jetzt den und den Schritt machen. Ich habe keine Ahnung, was mich bei den Treffen erwartet, ich habe eine Struktur und die passe ich gemeinsam mit dem Musiker an die Gruppe an.“
Dazu braucht man sehr viel Erfahrung. Die hat sie. Und die ist heute besonders gefordert, denn Pianist Lukas Maier, der die Treffen üblicherweise live begleitet, ist verhindert. Für ihn springt Norbert Bürger mit seiner E-Gitarre ein. Ein Novum für Marton und Bürger, doch beide sind Vollprofis. In den wenigen Minuten vor Beginn stimmen sie sich kurz darüber ab, was in etwa passieren soll. Später erfolgt das Ganze auf Zuruf. Das geht dann in etwa so: „Norbert, gib uns mal Nebel!“
Für jede Veranstaltung hat Andrea Marton ein flexibles Arbeitskonzept vorbereitet. Diesmal ist das aus aktuellen Gründen „Herbstwetter“. Das kann zur Wiesnzeit aber auch„Fahrgeschäfte“ sein oder ein anderes Mal „Langsam & schnell“. Im Kreis fragt sie, was die Teilnehmer damit verbinden. Genannt werden: Nebel, fallende Blätter, Sturm, Erntedankfest und glitschig. Zu jedem Thema überlegt sich Norbert eine passende musikalische Umsetzung.
„Es gibt nichts Falsches“
Im Stuhlkreis geht es wie bei jedem Treffen anfangs um einfache Bewegungsangebote zum Aufwärmen und Ankommen. Begleitet von Norberts Gitarrenriffs und Andreas Vorschlägen bewegen sich erst die Hände, allmählich die ganzen Arme, dann stampfen die Füße, bald tanzen alle im Sitzen, manche scheint es kaum mehr auf den Stühlen zu halten. Irgendwann heißt es, wer mag, kann gerne aufstehen, eventuell den Stuhl zur Hilfe nehmen. Alle sollen sich so bewegen wie es für sie gut ist. Und das tun sie, als Andrea und Norbert die Gruppe durch alle Variationen des Herbstwetters leiten. Bei „glitschig“ sind die Sockenträger klar im Vorteil.

Zwei Teilnehmerinnen nutzen ihre Rollatoren, eine tanzt darauf im Sitzen, die andere verwendet ihn zur Unterstützung, tanzt von Andrea begleitet aber auch ohne. Eine der Damen hat ihren Stock am Arm, den sie aber gar nicht zu brauchen scheint. Eine andere lässt mit ihren anmutigen Bewegungen an asiatische Zeremonien denken. Johanna (72) sprüht vor Energie und tanzt in allen Dimensionen, ob liegend auf dem Boden oder mit Sprüngen, bei denen der graue Zopf nur so fliegt. In der Pause erzählt sie, dass sie verschiedene Angebote besucht, wie den Tanztreff am Samstagnachmittag in Hadern, den Community Dance im Gasteig HP8, und dass sie diese offenen Strukturen liebt: „Ich finde das toll, so viele Bewegungsmöglichkeiten und es gibt nichts Falsches“.
Neben Projektleiter von Dance On60+ ist Ralf Otto EX-IN-Genesungsbegleiter, zertifizierter „DanceAbility“-Teacher, Gründer von „Tanz für Alle“ in Hadern und auch beim Community Dance involviert. Otto erläutert, dass die Veranstaltungen von DanceOn60+bewusst so niederschwellig wie möglich angelegt sind. „Wir wissen nie, wie viele kommen, es steht jedem offen, man muss sich nicht anmelden. Das ist auch kein Kurs, bei dem man etwas verpassen könnte. Und es kostet nichts.“
Finanziert wird das Ganze durch viele verschiedene Förderungen, etwa von Stiftungen, vom Kultur- oder Gesundheitsreferat. Und das ist nicht immer einfach. Bei der Gründung wurde das Projekt von Seiten der Stadt mit Begeisterung aufgenommen, es wird geschätzt und als wichtig empfunden, doch einen festen Platz im Haushalt gibt es für DanceOn60+ aufgrund der finanziellen Situation der Kommune bisher nicht. Ab 2026 ist das Projekt voraussichtlich wieder für ein weiteres Jahr finanziert, Termine und Veranstaltungsorte findet man auf der Webseite.
Konnte man beim „Herbstwetter“-Treff anfangs neue Teilnehmer noch von Stammkunden unterscheiden, so verwischt sich das Ganze allmählich. In der Bewegung begegnet man sich, keiner tanzt für sich allein, sondern interagiert und reagiert unwillkürlich auf die anderen. Es wird gelächelt und gestrahlt, machen fassen sich an den Händen oder wiegen sich zu zweit mit einem Tuch zur Musik. Später tanzt ein gelbes Ahornblatt von Hand zu Hand - auch auf diese Weise entsteht tänzerische Interaktion. Am besten beschreibt das, was hier passiert, ein Zitat des spanischen Flamencotänzers Israel Galván de los Reyes: „Alle können zusammen tanzen! Vielleicht nicht Arm in Arm, aber zumindest Seite an
Seite mit den anderen.“ Nach und nach werden Pullis oder Jacken abgelegt, und die übrigens sehr lebhafte Kaffeepause ist hochwillkommen. Als alle nach der Pause in jeder Hinsicht aufgelockert sind, teilt Andrea die Anwesenden in zwei Gruppen auf. Die sollen sich unter ihrer und Ralfs Anleitung jeweils eine kleine Geschichte zum Thema überlegen und diese als Gestaltung für die andere Gruppe tanzen. Ob mit Rollator oder Stock, springlebendig oder eher vorsichtig, alles harmoniert und macht sichtlich Freude.

Fragt man in die Runde, was die Teilnehmer an DanceOn60+ schätzen, kommen begeisterte Kommentare. „Die tolle Gemeinschaft, die Inklusion, die Bewegung mit Musik, das ist fantastisch und immer mit Freude verbunden“, meint Gabi, die vermutlich zu den Älteren gehört, sich aber„noch total jung“ fühlt und jeden Tag ihre Bewegung braucht. Barbara (73), die mehrmals wöchentlich ins Fitnessstudio geht und regelmäßig offene Tanztreffen besucht, kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass ihre Bekannten glauben, so ein Tanzprojekt sei doch nur etwas für alte Leute“.
Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden und nach zwei Stunden geht es für die Tänzer wieder hinaus ins Münchner Schmuddelwetter. Auf dem Weg zur U-Bahn fühlt man sich zufrieden, innerlich und äußerlich erwärmt und erinnert sich an Silke. Die 63-Jährige ist nach einer Krankheit, die sie lang ans Haus fesselte, erst vor Kurzem zu den Tanztreffen gestoßen. Mit sehr eindringlichem Blick beschreibt sie, was das für sie bedeutet: „Für mich ist das wie eine Befreiung, pures Glück. Das ist wie ins Leben zurückfinden.“ Weitere Infos zum Projekt und den Veranstaltungen gibt es unter dance-on.de.
Margrit Amelunxen