
Geschichten gehören zu Weihnachten dazu, vor allem, wenn sie vor“ gelesen werden.„Man kann Kinder gar nicht früh genug mit Büchern in Kontakt bringen“, sagt Barbara Huber. Sie leitet seit fast 25 Jahren die Gemeindebücherei von Oberpframmern im Landkreis Ebersberg. Ehrenamtliche Vorlese-Patinnen begeistern hier die Kinder immer wieder aufs Neue für Geschichten und Bücher. Wer sich dem Vorlese-Team anschließen möchte, ist jederzeit herzlich willkommen.
Frau Huber, haben Sie sich als Kind gern vorlesen lassen?
Barbara Huber: Meine Eltern hatten keine Zeit zum Vorlesen, aber die Oma hat mir immer vorgelesen und so habe ich schnell lesen gelernt. Grimms Märchen, eines der wenigen Bücher, das damals verfügbar war, war für mich ein Zauberbuch.
Warum ist es noch heute wertvoll, Kindern vorzulesen?
Vorlesen fördert die Entwicklung der Kinder. Sie erwerben Sprachkompetenz und können ihre Fantasie entfalten. Vorlesen erleichtert zugleich den Erwerb der Sprach- und Lesekompetenz und Lesen ist der Schlüssel zum Lernen. Wenn Kinder lesen können, bevor sie mit den sozialen Medien in Kontakt kommen, haben sie schon eigene Bilder im Kopf und sind nicht so den allgemeinen Bildern in den sozialen Medien ausgesetzt. Wenn die Kinder zuhören, entwickeln sie eigene Gedanken sowie ein Gefühl für Sprache und ihr Wortschatz wächst. Kinder, denen vorgelesen wird, finden das Lesen auch weniger anstrengend. Leider erleben wir es immer wieder, dass Kinder bis zum Ende der Grundschule nicht sicher lesen können. Dabei ist Lesekompetenz ein Lebensbaustein und die Voraussetzung für Textverständnis.
Ab welchem Alter kann Kindern vorgelesen werden und bis zu welchem Alter ist es hilfreich?
Vorlesen ist ab der ersten Geburtsstunde wichtig. Meine persönliche Meinung ist, dass Kinder schon im Bauch Reime, also die Stimme der Mutter mit immer gleichem Text, wiedererkennen. Ab dem Alter von drei, vier Monaten kann man ihnen einfache Texte aus Bilderbüchern vorlesen. Es gibt ganz tolle Bücher zum Fühlen und in die Hand nehmen, zum Beispiel das interaktive Mitmach-Buch„Das ist Frosch“. Wenn die Kinder mit etwa sechs Monaten mit dem Greifen beginnen, erkennen sie auch Bilder oder Worte. Man kann ihnen beim Anschauen der Bilderbücher immer wieder bestimmte Passagen vorlesen, ab einem Jahr gehen auch kürzere Geschichten. Kinder lernen Sprache durch das Hören von Worten. Reime fördern die Sprachentwicklung im Gehirn und Rituale beim Vorlesen wirken beruhigend. Nach oben gibt es für das Vorlesen natürlich keine Grenzen, es ist auch noch im hohen Alter ein schönes Geschenk.
Seit 2009 erschließen Ihre ehrenamtlichen Vorlese-Patinnen Kindern eine Welt, die ihnen für immer offensteht. Sind sie auch Vorbilder fürs Lesen?
Auf jeden Fall. Die Vorlese-Patinnen vermitteln ganz unmittelbar, dass Lesen etwas Tolles ist und sie sind damit die positive Verbindung zum Buch. Unsere Vorlesestunden finden dialogisch statt. Das heißt, die Gedanken oder Fragen der Kinder finden Raum. Die Vorleserinnen haben Erfahrung und ein feines Gespür für ihre kleine Zuhörerschaft. Wenn sie gerade etwas beschäftigt oder bedrückt, ermutigen Bücher Kinder oft zum Sprechen.
Wie wichtig ist die emotionale Seite des Vorlesens?
Sie ist sehr wichtig und sollte noch mehr ins Bewusstsein rücken. Ich kann Eltern nur empfehlen, mit ihren Kindern eine gewisse Zeit beim Vorlesen zu verbringen. Über das Buch kann die gemeinsame Bindung gestärkt werden, weil die Kinder beim dialogischen Vorlesen leichter über ihre Gefühle sprechen können. Am besten für das Vorlesen daheim ist ein festes Ritual: zum Beispiel zum Zubettgehen. Dies ist auch für alle Beteiligten ein Signal dafür, dass man sich für das Kind Zeit nimmt. Die Kinder nehmen das auch so wahr: Mama oder Papa ist jetzt bei mir. Das sind oft ganz innige Momente.
Sind alle Kinderbücher gleich gut zum Vorlesen geeignet?
Das ist eine wichtige Frage, denn die Auswahl des Buches ist alters- und situationsbedingt. Es gibt ja Unmengen an Büchern und die meisten sind auch zum Vorlesen geeignet. Man muss aber eine gute Auswahl treffen, damit das Kind nicht überfordert ist. Meine Kolleginnen und ich beraten in unserer Gemeindebücherei in der Münchner Straße 16 in Oberpframmern gerne zu geeignetem Lesestoff. In diesem Zusammenhang ist es auch gut zu wissen, dass die Ausleihe der rund 10.000 Medien bei uns komplett kostenlos ist und wir in der Bücherei auch ein einladendes Lese-Café und eine gemütliche Lese-Ecke haben.
Haben Sie Tipps für „Vorlese-Debütanten“, die es in den Ferien erstmalig ausprobieren wollen?
Beim Vorlesen gilt es, grundsätzlich ein paar einfache Dinge zu beachten. Zu allererst: Bitte das Handy draußen lassen, einfach nur Kind und Buch und sonst nichts, das ablenken könnte. Man sollte sich eine gemütliche Ecke suchen, ohne Scheu an das Thema herangehen, denn vorlesen kann jeder, sich einlassen und einfach die Zeit nehmen. Dann merkt das Kind: Meine Eltern sind jetzt nur für mich da. Diese gemeinsame Zeit ist wichtig und ein echter Gewinn für alle. Der noch dazu nix kostet, außer eben nur ein bisschen Zeit. Man bekommt viel zurück und es macht auch gar nichts, wenn manchmal unterm Strich mehr Dialog als Vorlesen dabei herauskommt. Natürlich ist auch das passende Buch eine Grundvoraussetzung. Man kann zum Beispiel einem Kindergartenkind oder Kindern aus der ersten oder zweiten Klasse nicht aus einem Buch ohne Bilder vorlesen. In unserer Gemeindebücherei findet man, gerne auch mit unserer Unterstützung, auf jeden Fall den richtigen Leseschatz.
Das Gespräch führte Ina Berwanger.