Stress vor den Feiertagen, Gedränge und lange Schlangen - nur wenigen Unerschütterlichen machen solche Situationen nichts aus. Es gibt indes immer mehr Menschen, die Begebenheiten und Begegnungen wie diese nicht nur zur Adventszeit, sondern das ganze Jahr über in Todesangst versetzen können: Angststörungen gehören zu den am häufigsten diagnostizierten psychischen Erkrankungen in Deutschland.
Ein Paar Stationen in der U-Bahn können für Menschen mit einer solchen Krankheit eine Fahrt durch die Hölle werden. "Da ist das Gefühle, nicht genug Luft zu bekommen, mir wird schwindelig, ich habe einen Kloẞ im Hals, die Hände sind schweißnass, mein Herz schmerzt", so beschreibt die Betroffene Elena H. eine Panikattacke bei so einer Fahrt. "Die Angst wird immer schlimmer, ich bin sicher: Jetzt und hier muss ich sterben. Ich sage mir: Das ist nur eine Fahrt mit der U-Bahn, ich bin gesund, ich komme hier wieder raus, aber das hilft mir nicht weiter. Die Angst ist grenzenlos, sie überwältigt mich. Da ist das diffuse Gefühl, nicht wirklich da zu sein."
Eineinhalb Jahre ist es her, dass die junge Frau diese schrecklichen Gefühle zum ersten Mal erlebt hat, kurz nachdem Sie nach München zum Studieren gezogen war. Wer so etwas einmal durchmacht, der lebt in der ständigen Sorge, dass es wieder passieren könnte. Da scheint es nahezuliegen, Situationen zu vermeiden, in denen ein Angstschub ausgelöst werden könnte. Das Problem: Die Angst ohne realen Auslöser bahnt sich an anderer Stelle ihren Weg, tritt in Aufzügen oder bei beruflichen Meetings auf. Im schlimmsten Fall kann dies zum kompletten sozialen Rückzug führen, um Angstattacken zu vermeiden.
Elena H. hat sich ihrer Krankheit gestellt, sich auf den Weg gemacht, um den Sinn ihrer Symptome zu begreifen und die Macht der negativen Gefühle über ihr Leben zu brechen. Sie weiß inzwischen:„Von allein hört die Angst nicht auf." Eine Psychotherapeutin hilft ihr dabei, Paniksituationen durchzustehen statt zu vermeiden, Exposition nennt sich das. Das Gehirn muss lernen, dass die Angst in dieser Situation keinen adäquaten realen Anlass hat. Doch das Aussteigen aus dem Kreislauf ist kein Kinderspiel, braucht viel Übung und muss professionell begleitet werden. Genauso wichtig ist es, zu den Gefühlen erst einmal zu stehen und mit ihnen zu arbeiten, statt sie möglichst schnell loswerden zu wollen.
Aus tiefenpsychologischer Sicht bricht sich das häufig lange Verdrängte Bahn, verschafft sich Gehör und kann nicht länger unter den Teppich gekehrt werden. Eine Therapie ist eine unerlässliche Stütze im Heilungsprozess. Doch Erkrankte können noch mehr tun. Elena H.: "Total hilfreich ist der Austausch mit anderen, die etwas Ähnliches durchmachen. Man ist erleichtert, dass man mit seinen Problemen nicht allein da steht, findet bei anderen Betroffenen echtes Verständnis. Wer das nicht am eigenen Leib erlebt, kann kaum verstehen, wie sich das anfühlt."
Wie gut und wichtig das ist, hat sie bei der Münchner Angstselbsthilfe (MASH) erfahren, wo sie seit einiger Zeit eine Gruppe besucht. Circa 15 Betroffene finden sich wöchentlich in der Bayerstraße ein, moderiert werden die Treffen von ehrenamtlichen Leiterinnen, die selbst erkrankt waren oder sind und für ihre Aufgaben bei MASH geschult wurden. Die Arbeit der Moderatorinnen wird durch Intervision und Supervision begleitet und durch Fachpersonal unterstützt.
Schon auf der Homepage von MASH, angstselbsthilfemuenchen.de, sind viele ermutigende Tipps für einen konstruktiven Umgang mit Angstsymptomen zu finden. Menschen sollen im Sinne der Selbstwirksamkeit gestärkt werden, um Probleme aktiv anzugehen. Derzeit treffen sich bei MASH wöchentlich 25 Gruppen mit um die 240 Menschen mit Angststörungen beziehungsweise Depressionen, um gemeinsam einen Weg aus der Krankheit zu suchen.
Neben den Gesprächsgruppen gibt es Trainingsgruppen für Sozial- und Agoraphobiker, eine Soziale-Kompetenz-Gruppe, auch eine Gruppe„Bouldern mit der Angst“. Die Arbeit des Vereins geht auf eine Selbsthilfegruppe zurück, die Gerhard Schick 1989 initiierte, um seine persönlichen Erfahrungen zu teilen in einer Zeit, in der die Diagnose Angststörung kaum bekannt war. 1990 entstand der Verein Angst-Hilfe München. Seit 2019 ist die Organisation in zwei Bereiche geteilt: MASH konzentriert sich auf die regionale Arbeit in München, wohingegen die Deutsche Angst-Hilfe (DASH) sich bundesweit für Hilfe, Aufklärung und Entstigmatisierung engagiert. Irene Bruns ist seit drei Jahren DASH-Geschäftsführerin und eine von fünf hauptamtlich Beschäftigten.
Auf die Frage, ob die Zahl von Erkrankten in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren zugenommen hat, antwortet sie: "Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Statistiken erfassen zwar eine wachsende Zahl an psychisch Erkrankten. Doch was uns betrifft, muss man sagen, dass wir bei den Angeboten einfach aktiver geworden sind. Vielleicht kommen deshalb auch mehr Menschen, die früher im Dunkeln und jenseits der Statistik geblieben wären." Inzwischen gibt es 13 Online-Selbsthilfegruppen. Und in mehreren Städten Deutschlands laufen Erkrankte unter dem Motto "Walk & talk“ zusammen. Irene Bruns:„Menschen erfahren in Ressourcen-Workshops, wie sie Kraft aus sich selbst schöpfen können, wie Yoga, Bewegung und Atmung in Krisen weiterhelfen. Unser Podcast informiert in zehn Folgen über Möglichkeiten der Selbsthilfe. Betroffene gehen in Schulen zu Workshops und Fachexperten geben Webinare, damit das Thema Angststörung noch weiter enttabuisiert wird.“
Das Gefühl von Zugehörigkeit und Verständnis ist wichtig bei der Behandlung einer Angsterkrankung. Das eigene Leid kann an Größe verlieren, wenn man erlebt, dass die Erfahrung mit anderen geteilt wird, und das nicht eben selten: Bis zu 15 Prozent der Menschen hierzulande sollen im Lauf ihres Lebens von