Ein Dutzend Nächte, die anders sind: Zwischen dem 24.Dezember und dem 6. Januar finden die Rauh- oder Glöckelnächte statt. Das eine Jahr geht zu Ende, das andere beginnt - diese Zeit steckt voller Mystik, Sagen und Bräuche. Der österreichische Schauspieler und Autor Harald Krassnitzer ist fasziniert von den uralten Traditionen, die sich innerhalb Europas verbreitet haben-in seinem Buch „Rauhnächte“ blickt er hinter die Kostüme, Riten und Geschichten, die über Jahrhunderte auf dem Kontinent immer noch bekannt sind. Im Gespräch erklärt er, was ihn daran bewegt und wie er zu esoterischen Interpretationen steht:

Herr Krassnitzer, Dämonen, Kobolde, merkwürdige Rituale, weissagende Träume und wiederkehrende Seelen-glauben Sie daran?
Harald Krassnitzer: Nein, eigentlich nicht. Nicht im buchstäblichen oder besser leibhaftigen Sinn jedenfalls. Vielmehr interessiert mich dabei, was eigentlich dahintersteckt - die Geschichte hinter den Geschichten sozusagen. Menschen sind oft unruhig, auf der Suche. Es umtreibt uns alle etwas, was wir uns nicht in Gänze erklären, was wir nicht lösen können, nicht durchschauen. Warum also nicht in diesen ruhigen Tagen sich auch einmal auf diese unglaublich reiche Welt, diesen Kosmos der Sagen, der Kobolde, der Perchten und all dem einlassen-das ist einfach spannend und schön.
Sie selbst sind gewissermaßen in einer Art Epizentrum der Rauhnächte-Kultur aufgewachsen, in Grödig nahe Salzburg. Hat Sie das geprägt?
Ja, schon. Ein Kind prägt so etwas sicherlich. Bei uns gab es diese fantastischen Umzüge der Untersberger Rauhnacht. Die Perchten, die Kobolde, die Habergeiß und die Hexen - jede Menge mystische Wesen, so erschreckend. Und so voller Leben und Farben, so kreativ wie beängstigend, allesamt, als seien sie direkt aus einem dieser wilden Gemälde von Hieronymus Bosch entsprungen. Das hat man sich - glücklicherweise - mit vielen anderen zusammen angeschaut. Zum Glück, denn so hat man als Kind nicht zu viel Angst und man fühlt sich nicht alleingelassen, denn das Ganze ist so faszinierend wie eben auch beängstigend. Und es diente einem, etwas zu lernen.
Was konnten Sie daraus mitnehmen?
Nun, dass die Welt aus mehr als dem besteht, was wir allgemeinhin so lernen. Dass das Leben tiefer geht. Es geht darum, wie der Mensch seine komplizierten Lebensweltenbewältigt. Die Aussicht auf ein neues, womöglich besseres Jahr, und das Bemühen um Hoffnung, um Licht am Ende des Tunnels. All die Geschichten und all die Bräuche der Rauhnächte haben letztlich das zum Ziel.
Der Brauch der Rauhnächte beschäftigt sie. So sehr, dass Sie sogar ein Buch darüber verfasst haben.
Es ist eine Anthologie, eine Zusammenstellung aus Texten, aus Märchen, Erzählungen und Weisen von überall her-nicht nur aus dem Alpenraum. Denn der Kult und der Glaube an die Rauhnächte existiert auch im Norden Europas oder in Frankreich.
In dem Buch werden wundersame Rauhnacht-Märchen nacherzählt. Haben Sie die schon als Kind vorgelesen bekommen?
Ja, manche sicherlich. Aber mehr waren es die üblichen Grimm-Märchen und auch einige Sagen, weniger Geschichten zu den Rauhnächten.
Mussten Sie da nicht ängstlich mal unters Bett schauen?
Nein, nicht das ich wüsste (lacht).
In dieser Zeit zwischen den Jahren steht, so der Glaube, die Türe zwischen Dies- und Jenseits offen. Sehen Sie das auch so?
Natürlich gibt es da viele Mutmaßungen und auch alte Bräuche. Das ist auch gut so. Doch diese esoterischen und mystischen Auslegungen der Rauhnächte sind nicht so meine Sache. Mehr stellt sich da für mich die Frage: wie geht es denn im Diesseits weiter? Was kommen könnte, ist ein ganz wichtiger Ausgangspunkt, über den man sich in diesen zwölf Tagen und Nächten klar werden sollte. Das Werden steht also vor dem Sein. Zudem zeigt diese Zeit zwischen den Jahren auch Wege, sie zeigt, was aus unserem Tun entsteht - sofern man sich darauf einlässt.
Diese „Zeit außerhalb der Zeit“ fasziniert heute noch viele Menschen, ist immer noch eine besondere. Warum glauben Sie ist das so?
Gerade erleben wir multiple Problemstellungen. All diese Umwälzungen, dass alles in Frage stellen, das macht uns Angst, überfordert uns und es braucht Zeit, sie aufzuarbeiten. Diese Zeit nimmt man sich in den Rauhnächten. Die Rituale der Rauhnächte sind im Übrigen ja eine Technik, Ängste zu überwinden - und das brauchen viele Menschen momentan eben wieder.
Heute verlegt man sich dabei aber doch eher auf Chillen, Meditation und ruhige Auszeit, oder nicht?
Die Rauhnächte sind ja im Prinzip nichts anderes. Auch sie haben zur Folge, dass man zur Ruhe kommt. Wer sich besinnt, wer gewisse Rituale für sich dabei entdeckt, wer etwa ein Tagebuch währenddessen führt, und sich mit Hilfe dessen klar wird, wie er es im nächsten Jahr anders oder besser machen kann, wer seine Träume in diesen zwölf Nächten genauer unter die Lupe nimmt, und nicht zuletzt wer sich auf Freundschaftsbegegnungen statt auf den klassischen Weihnachtsstress einlässt - der hat eine ruhige und zugleich sinnvolle Auszeit genommen.
Apropos Rituale - gibt es welche, die Sie selbst während dieser magischen zwölf Nächte pflegen?
Wir räuchern gerne, gehen also durch die Räume und reinigen sie auf diese Weise. Das tut uns einfach gut. Wir feiern dann, dass wir das ablaufende Jahr abgeschlossen haben - und wir feiern, dass die Nächte wieder kürzer und die Tage länger werden. Die Rauhnächte sind so etwas wie das Momentum, wo man etwas gemeinsam macht. Ein sehr wertvoller Aspekt. In der heutigen so singulären Zeit ist das für mich ganz bedeutsam.
Dient das nicht auch einer Art Selbstbesinnung - einer Art Selbstreinigung?
Mit diesen Begriffen habe ich Probleme. Denn Optimierungsgeschichten dieser Art ängstigen mich. Zurzeit ist sowieso schon so vieles ich-bezogen. Doch sehe ich in den Rauhnächten gerade das nicht. Ich sehe vielmehr, dass man das Kollektive statt Singularität lebt. Deshalb treffen meine Frau und ich gerade in dieser Zeit liebe Menschen.
Angesichts des anstrengenden Schauspielerberufs sicher eine willkommene Zeit zum Durchatmen.
Ja, und dieses Jahr war für uns beide, meine Frau und mich, mal wieder ganz schön anstrengend. Da sind Besinnung und In-sich-gehen und einfach mal kaum was tun, aber natürlich auch der Austausch und das Gespräch mit Freunden, ein idealer Ausgleich.
Sie sind verheiratet mit Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer. Findet sie die Rauhnächte ebenso faszinierend wie Sie?
Also, das Verständnis dafür bringt sie ganz sicher mit. Und sie macht somit auch mit.
Mit Blick aufs kommende Jahr - worin werden Sie als Nächstes zu sehen sein?
Wahrscheinlich zunächst in meinen beiden letzten Tatorten und dem Film „Derverlorene Mann“, der im Frühjahr 2026 in die Kinos kommt.
Das Gespräch führte Christoph Trick.