Josef Brustmann singt und spielt etliche Instrumente, hat in München Musik studiert, war Lehrer und ist Ehemann, Vater, Großvater und ein Kind von Heimatvertriebenen; in Waldram, ehemals Föhrenwald, aufgewachsen, hat er sich aus Not und lähmender Krankheit herausgekämpft. Hintergründiger Humor und liebenswerter Charme machen auch den Lyriker und Kabarettisten in ihm aus.
Die Zeit des „Bairisch Diatonischen Jodelwahnsinns“ ist schon länger vorbei, aber es kamen weitere hochmusikalische Lebensphasen. Seit einiger Zeit ist er auch Schriftsteller und liest aus seinem ersten Buch „Jeder ist wer“.
Herr Brustmann, was ist Ihre erste Erinnerung an Weihnachten?
Josef Brustmann: Weihnachten war einst ein stilles, bescheidenes Fest. Allein schon der Christbaum, den der Vater in den Isarauen umsägte, das war meist ein krummes Bäumchen, das er frisierte, indem er mit dem Drillbohrer zusätzliche Löcher bohrte und zusätzliche Zweige einsetzte – großartig. Mein aufregendstes Geschenk in der Kindheit war ein Spielzeugpanzer, der mittels Zündstein Feuer spuckte, der Krieg war noch nicht weit weg. Das Essen fiel noch in die adventliche Fastenzeit, Kartoffelsalat mit Wiener Würstel, das liebe ich heute noch. Es gab viel Selbstgebasteltes, der Vater zimmerte ein Schaukelpferd, ich schmiedete Silberschmuck für die Schwestern und das Haus roch nach Holz, Klebstoff und Batikfarben, eine bienenfleißige Bastelstube.
Haben Sie noch Kontakt zu den damaligen Nachbarskindern in Waldram?
Im November sang meine Schwester Monika Schuberts „Winterreise“ im Krämmel-Forum. Da waren auch die drei „Tietzermädels“ angereist, die Adelheid kam eigens vom Bodensee – wir kennen uns seit siebzig Jahren, diese Vertrautheit ist sehr besonders.
„Wenn man singt, hat man keine Zeit zum Streiten“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Können Sie die heilsame Wirkung von Musik genauer beschreiben?
Wir sieben Geschwister haben immer gesungen, wenn wir zusammen waren, und tun es bis heute, wie schön das ist! Und wie verblüffend, dass wir als südmährische Flüchtlingskinder so gern die alten bayrischen Volkslieder gesungen haben, und das so gut und authentisch, dass uns das Goethe-Institut nach Schweden, England und Frankreich geschickt hat. Wir waren maximal integriert.
Verwurzelt im Bayerischen, aber mit einer Vertriebenengeschichte im Hintergrund. Hat Ihre Lebensgeschichte Ihr Gespür für die Zufälligkeit unserer Existenz geschärft?
Auf alle Fälle. Als meine Mutter mit ihren drei kleinen Kindern, eins, zwei und vier Jahre, die Heimat verlassen musste, steckte man sie mit vielen anderen in einen Viehwagon; niemand wusste, wohin die Fahrt gehen würde, alle haben gebetet, lieber Gott, lass es nicht nach Sibirien gehen. Und dann steigen sie im Berchtesgadener Land wieder aus. Sie waren ärmer als arm, sie hatten nichts mehr. Der Vater kam aus der Kriegsgefangenschaft dazu, in eine neue, fremde Heimat, sie bekamen noch mal vier Kinder, aber sie fanden sich zurecht in der neuen Heimat. Heute scheint alles so berechenbar im Leben, versichert und abgesichert, aber damals war das Schicksal ein übermächtiger Gegenspieler. Dieses Schicksalsergebene, das auch der Frömmigkeit meiner Eltern geschuldet war, haben wir Kinder geerbt. Keiner von uns sieben hatte je Angst vor der Zukunft. Jeder hat einfach was gemacht.
Das moderne Leben unterscheidet sich fundamental vom bäuerlichen Ihrer Vorfahren, aber auch Ihrer Nachbarn. Wie viel Mähren steckt noch in Ihrem Lebensstil?
Vielleicht das Bewusstsein für die Schönheit der Natur? Das hatten beide Eltern aus Mähren mitgebracht. Auch in Bayern hatten sie einen „Schönheitsgarten“ und einen „Nutzgarten“, der Vater hatte seine Weinreben und Obstbäume, die Mutter ihre Blumen und Rabatten, ihr Garten hatte etwas Liebliches. Am Abend haben sie sich die Flurnamen ihrer mährischen Heimat zugeflüstert. Heimat definiert sich durch den Verlust noch klarer, tiefer, inniger. Und ich bin immer in der Natur, ein schönes Erbe.
Von Ihnen stammt die Auswahl der „Sterbelieder fürs Leben“, die Sie vertont haben – und die Marianne Sägebrecht so kongenial vorlas.
Sie ist wie eine Erdenmutter, die die Leute umarmt mit ihrer Wärme. Die Sterbelieder mit ihr und Andy Arnold – das war für mich bisher das größte Bühnenwunder. Neunzig Minuten todtraurige Texte und Lieder, und die Zuschauer verließen mit einem dankbaren Lächeln unsere Veranstaltung. Es schien, als habe man ihnen ein wenig die Angst vor dem Sterben aus der Brust genommen.
Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Amtsgläubig bin ich schon lange nicht mehr. Aber ich war lange Ministrant, da bleibt einem für immer so eine spirituelle Lebensfreude, ich kann an keiner Kirche vorbeigehen und verneige mich vor jedem Huflattich.
Wie sind Sie denn auf die Lyrik und aufs Dichten gekommen?
Ich war immer schon bisserl komisch. Goethes Faust hab ich als Fünfzehnjähriger über weite Teile freiwillig auswendig gelernt. Und später habe ich für den „Jodelwahnsinn“ Liedtexte geschrieben, noch später Gedichte, und Gedichtinterpretationen, das war meins auf dem Gymnasium. Und alles Sprachgefühl und aller musikalischer Sprachrhythmus ist ja dann auch in mein Buch 'Jeder ist wer' geflossen.
In Ihrem Buch sprechen Sie vom „Lebensvorrat“ Ihrer Eltern. Was ist Ihrer? Ihr Start ins Leben war ja alles andere als einfach...
Ja, meine Spina bifida führte dazu, dass ich erst mit vier Jahren laufen konnte. Aber dann bin ich mit vielen Geschwistern in einem höchst lebendigen Wusel-Ameisenhaufen herangewachsen. Die Eltern waren streng-gerecht, immer mit dem zufrieden, was war, beneideten niemand, jammerten nie, sangen gern, man konnte lernen von ihnen.
Jesus ist Flüchtlingskind gewesen. Ist man als Flüchtlingskind weichherziger den Menschen gegenüber?
Ja, das ist man. Man kann sich besser einfühlen, hat keine Angst vor Fremden. Meine Frau hat afghanischen Schülern Deutschunterricht gegeben, heute stehen sie alle in unterschiedlichen Berufen gut da. Ohne Flüchtlinge und Gastarbeiter würde unser System gar nicht mehr funktionieren, das wissen alle Politiker ganz genau, alles Zuviel-Gerede ist politische Taktik. Aber auch die, die Angst haben vor zu vielen„Fremden“, die muss man auch hören und ernstnehmen, man muss reden miteinander. Das leistet Politik heute nicht. Alle grenzen sich nur ab voneinander.
Sehnsuchtsland Böhmen und Mähren – was verbindet Sie mit der Landschaft fern vom Meer?
Meine Eltern sind schon gestorben, mit ihnen auch ihre Sprache, dieser ganz eigene böhmisch-mährische Singsang. Das ist für immer weg. Die Mohnmühle meiner Eltern habe ich noch. Auch wenn sie stumm ist, erzählt sie von früher. Und zu wissen, dass es im Mährischen noch lange eine Verwandte mit dem Namen Marie Brustmanova gab, das ist ein geheimnisvolles, heimatliches Band.
Diese Liebe und Fürsorge, die Sie als Geschwister füreinander haben, ist nicht selbstverständlich. Was können Eltern tun, damit gute Beziehungen ihrer Kinder untereinander wachsen?
Jedem Kind in seiner Einzigartigkeit gerecht zu werden, jedes Kind zu sehen, aber dann auch wieder alle gleich gerecht zu behandeln, das ist doch ein verdammt schwieriges Ding. Vielleicht ist es mit der Geschwisterliebe leichter, wenn es so viele Kinder sind. Wir haben uns auch gegenseitig erzogen. Und unsere Eltern haben in unsere Streitigkeiten eingegriffen und uns gezwungen, uns miteinander zu versöhnen. Jetzt gebt's euch die Hand!
Ihre beiden Großväter haben ihrem Leben jeweils mit 65 Jahren selbst ein Ende gesetzt. Sie sind auch Großvater - welche Bedeutung hat dies für Sie?
Es ist traurig, dass ich meine Großväter nicht mehr kennengelernt habe, das sage ich aus dem Blickwinkel meines heutigen Großvaterseins. Als Großvater ist man Teil einer langen Kette, wie eine Perle, geborgen zwischen dem Vorher und Nachher. Wenn ich mit meinen sechs Enkelkindern am Starnberger See sitze und sie beobachte, kommt eine große, schöne Ruhe über mich. Zwar wachse ich langsam aus dem Leben hinaus, aber sie wachsen ins Leben hinein. Das urewige Menschengesetz der Generationenfolge gibt dem Leben Sinn und Auftrag. Und es stirbt sich leichter, wenn man weiß, dass man für seine Nachkommen Platz machen muss. Opa, du bist schon so alt, meinte einer meiner Enkel neulich, hast du die Ritter noch gekannt?
Ihr Vater war, wie viele Männer seiner Generation, erst kriegsbedingt, dann mental nicht so anwesend, wie es nötig gewesen wäre. Wie haben Sie es letztendlich geschafft, ihm zu verzeihen?
Ich hatte einen exzellenten Psychotherapeuten und eine wunderbare Familienaufstellerin. Dort habe ich wieder zu meinen Eltern gefunden. Die Liebe zu jedem einzelnen Familienmitglied ist elementar, ohne die geht nix mit Lebensglück.
Wie feiern Sie Weihnachten heute?
Wir sind eine Patchwork-Familie, das bedeutet bei uns, meine Frau geht zu ihrer Familie mit Kindern und Enkeln und ich gehe zu meiner. Die Feiertage verbringen wir dann wieder beieinander, gern in Paris, weil meine Frau da Verwandte hat. Unser Highlight an Weihnachten 2024 war ein Besuch bei Peter Handke, dem mein Buch auch sehr gefallen hat. Er lebt in Chaville, nahe Paris.
Was ist Ihr größter Weihnachtswunsch 2025?
Während wir ,Stille Nacht, heilige Nacht' singen, herrscht bei Jesuskind und Ochs und Esel im Westjordanland der Ausnahmezustand. Meine Ohnmacht bezüglich allen Herummordens in der Welt wäre ich gern los.
Das Gespräch führte Bettina Rubow.

Brillantes Debüt
In seinem berührenden Buch ergründet Josef Brustmann Herkunft und Familiengeschichte und setzt sie in Beziehung zum Aufwachsen im damaligen Bayern sowie dem eigenen Wohl und Werden – und dem seiner Geschwister und Kinder. Es ist ein intimes wie komplexes Erinnerungsbuch, das viele an die eigene Zeit denken lässt, mit unserer Geschichte von fatalem Irrtum, Schande, dem historischen Preis, den die Familien aus dem Osten bezahlen mussten – und ihrer besonderen Fähigkeit, zu verzeihen.
Das Buch wurde vielfach ausgezeichnet und von Peter Handke, Elke Heidenreich und Michael Krüger empfohlen. Aktuell schreibt Josef Brustmann an seinem zweiten Buch, es soll bald fertig sein.
tti