
Es ist die dritte Generation, die sich traut, das Tabu zu brechen: hinzuschauen, zu fragen und zu forschen. In ihrer so persönlichen wie allgemeingültigen Recherche hinterfragt Spiegel-Autorin Susanne Beyer das Schicksal ihres Großvaters, der als Chemiker für die IG Farben arbeitete und beruflich in Verbindung zum KZ Auschwitz stand. Sein geheimnisvoller Tod 1945 stellt die Familie bis heute vor Rätsel. So begibt sich die Autorin auf eine persönliche Spurensuche, die bis in die Gegenwart reicht und dazu als beispielhafter Leitfaden für familiäre Aufarbeitung dienen kann. Es ist eine Suche, die den Mut aufbringt, unbequeme Fragen zu stellen und öffentlich darüber auch zu schreiben. Bei aller Genauigkeit wahrt die Autorin jedoch die Persönlichkeitsrechte der Familie, indem sie den Namen des Großvaters nicht nennt. Doch darauf kommt es nicht an.
Wichtig ist, Verantwortung für den Umgang mit der eigenen Vergangenheit zu übernehmen und diesen Weg überhaupt zu gehen. Denn es gilt: Wer, wenn nicht wir? Wer soll dann die letzten Erinnerungsfetzen der Großeltern zusammentragen, auch die der Kriegskinder und -enkel? Die Aufarbeitung der NS-Zeit wurde nicht gänzlich vollzogen und heute wissen wir: Ungesagtes übermittelt sich nonverbal über Generationen. Wie Beyers Buch zeigt: Einerseits spielt die Zeit gegen uns, wenn's heißt, Bruchstücke vor dem Vergessen zu bewahren - andererseits aber für uns: Neue Forschungsergebnisse und frische Digitalisate ergeben weitere Rechercheansätze.
Eine Stückelarbeit, die die Autorin wie in einer Gedankencollage zusammensetzt, sich selbst bei dieser schwierigen Aufgabe beobachtend. Eine weite Reise, zu gedanklichen wie geografischen Orten. „Jede Station auf meinem Weg hat mich weitergebracht. Ein langer Weg, am Ende spielte alles zusammen“, schreibt die Autorin. Eine klare Einladung, es ihr gleich zu tun.
„Kornblumenblau - Eine Kriegsenkelin auf der Spur eines düsteren Familiengeheimnisses“ von Susanne Beyer, erschienen im Mai 2025, DVA, 240 Seiten, 22 Euro