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Zu fit für die Hüftprothese

Ob ein Oberschenkelhalsbruch hüftgelenkerhaltend oder durch eine Endoprothese behandelt wird, muss individuell abgeklärt werden

Zu fit für die Hüftprothese

Der Unfallchirurg Dr. Markus Bormann ist Oberarzt am MUM des LMU Klinikums. Foto: LMU Klinikum

Es passierte auf einer Fahrradtour in Spanien: Jürgen K. stürzte und erlitt einen Oberschenkelhalsbruch. Und das bedeutete: Das kurze Knochenstück zwischen dem großen Rollhügel und dem kugeligen Oberschenkelkopf, der sich direkt am Schenkelhals befindet, war gebrochen. Zur Erläuterung: Bricht der Knochen unterhalb des Rollhügels, sprechen die Ärzte von einem Oberschenkelbruch. Wie sich im Röntgenbild zeigte, waren bei dem 67-Jährigen die Knochenfragmente nur leicht verschoben. Die zweite gute Nachricht: Es waren keinerlei Anzeichen für eine Arthrose erkennbar - was in einem Alter jenseits des fünften Lebensjahrzehnts eher ungewöhnlich ist. Tatsächlich setzt die Coxarthrose - so der medizinische Fachbegriff für Hüftgelenksarthrose - oft bereits ab dem 30. Lebensjahr ein, in der Regel erst einmal schleichend, ohne spürbare Symptome zu verursachen.

Doch nicht nur das Alter, sondern auch möglicherweise bestehende Grunderkrankungen wie Gicht, Diabetes oder eine rheumatoide Arthritis müssen bei der Wahl einer angemessenen Therapie des Oberschenkelhalsbruchs berücksichtigt werden - diese Grunderkrankungen hatte Jürgen K. glücklicherweise ebenfalls nicht.„Dennoch galt es, sorgfältig abzuwägen, ob hüftkopferhaltend operiert werden kann oder ob es ratsamer ist, das Hüftgelenk gegen einen künstlichen Gelenkersatz auszutauschen“, erklärt der behandelnde Arzt Dr. Markus Bormann vom Muskuloskelettalen Universitätszentrum München am LMU Klinikum, kurz MUM. Denn Fakt ist: Bei 15 bis 30 Prozent stirbt der Hüftkopf oder sterben Teile davon in den Monaten nach dem Bruch ab, weil die Blutversorgung beeinträchtigt ist. „Außerdem muss geprüft werden, ob der Patient in der Lage ist, das Bein nach der Operation mehrere Wochen mit Unterarmgehstützen zu entlasten“, betont Dr. Bormann.

Risikofaktor Osteoporose

Gerade Menschen im höheren Lebensalter haben oft eine eingeschränkte Knochenqualität durch Osteoporose und können das Bein nicht ausreichend schonen. Osteoporose wird auch„Knochenschwund“ genannt: Durch fortschreitende Veränderungen ihrer Mikroarchitektur verlieren die Knochen immer mehr an Substanz, es fehlt ihnen zunehmend an Dichte und Festigkeit, sodass sie immer instabiler werden. Da sich die Erkrankung schleichend entwickelt und lange Zeit keine Symptome verursacht, wissen die Betroffenen meist nichts davon. Und so lenkt dann oft eine Fraktur überhaupt erst den Blick auf eine bestehende Osteoporose. Jetzt könnte - und sollte - bereits die Therapie dieser Grunderkrankung beginnen, dies würde vielen Betroffenen weiteres Leid ersparen“, sagt der Unfallchirurg Professor Wolfgang Böcker, der gemeinsam mit dem Orthopäden Professor Boris Holzapfel das MUM leitet. Denn: Wer erst einmal eine osteoporosebedingte Schenkelhalsfraktur, so der medizinische Fachbegriff, erlitten hat, trägt ein hohes Risiko, dass der Bruch nach einer gelenkerhaltenden Operation erneut verrutscht und der Hüftkopf abstirbt. In diesen Fällen ist eine zweite Operation mit Einbau einer Prothese notwendig. „Diesen zusätzlichen Eingriff möchten wir älteren Patienten natürlich ersparen“, betont Dr. Bormann. Deshalb spricht sich das Ärzteteam bei älteren Menschen mit einer Arthrose und einer schlechten Knochenqualität in der Regel sofort für die Implantation einer künstlichen Hüfte aus - „zumal es immer ein Risiko ist, im höheren Alter auf die Stabilität des Knochens zu setzen.“

Doch wie hoch ist ein höheres Lebensalter“ genau? Gibt es eine verbindliche Altersgrenze? Nein, ein festes Mindest- oder Höchstalter für eine neue Hüfte gibt es nicht. Ohnehin ist das kalendarische Alter nur ein grober Anhaltspunkt, wenn es um die Frage geht, ob nach einem Unfall die Hüfte mit einer Prothese ersetzt werden soll. Wichtiger sind das biologische Alter, die aktuelle Bildgebung und die Lebensweise des Patienten“, erklärt Professor Böcker. Im MUM sind im Übrigen beide Behandlungswege möglich - Prothese oder gelenkerhaltende Operation. Denn hier arbeiten Unfallchirurgen und Orthopäden Hand in Hand. So können wir jeder Patientin und jedem Patienten eine individuelle Therapie anbieten“, so Professor Böcker.

Professor Wolfgang Böcker ist Direktor des MUM des LMU Klinikums und Lehrstuhlinhaber für Unfallchirurgie an der LMU München. Foto: LMU Klinikum
Professor Wolfgang Böcker ist Direktor des MUM des LMU Klinikums und Lehrstuhlinhaber für Unfallchirurgie an der LMU München. Foto: LMU Klinikum

Aber auch eine zeitnahe Versorgung ist essenziell für die Entscheidung. Tatsächlich sollte es schnell gehen: Je früher der Eingriff erfolgt, desto günstiger fällt die Prognose aus. „Zwischen Unfall und Operation sollten nicht mehr als 48 Stunden liegen“, erklärt Professor Böcker. Bei Jürgen K. wurde es knapp: „Der Unfall passierte am Nachmittag bei einer Radtour nahe Sevilla. Am nächsten Tag bin ich nach Deutschland geflogen, am übernächsten Morgen wurde ich geröntgt und war rund 24 Stunden später bei meinem Arzt in der Praxis“, berichtet er. Da ich kaum Schmerzen hatte, habe ich nicht mit einem Bruch gerechnet - und es auch nicht als besonders dringlich empfunden.“ Nach der Untersuchung und einer Überweisung stellte sich heraus, dass die vorgesehene Klinik den Eingriff nicht durchführen konnte. „Das Zeitfenster wurde immer kleiner. Glücklicherweise bekam ich über einen Bekannten den Tipp, mich beim MUM am LMU Klinikum zu melden. Dort erhielt ich binnen einer Stunde eine Zusage - und wurde noch am selben Nachmittag operiert“, erzählt Jürgen K.

Keine Belastung

Nach der Operation durfte Jürgen K. das betroffene Bein sechs Wochen nicht belasten. „Wenn wir eine Prothese einsetzen, kann der Patient das Bein bereits ab dem ersten Tag voll belasten. Bei gelenkerhaltenden Operationen sind hingegen sechs Wochen Schonung notwendig - und das ist für viele betagte Menschen sehr schwierig oder gar unmöglich“, erklärt Professor Böcker. Für Jürgen K. war das machbar„ich habe das als Training gesehen“, sagt er schmunzelnd. Begleitend waren intensive Physiotherapie und tägliche Übungen nötig. Die eingesetzte Platte und die Schrauben verbleiben etwa ein Jahr im Körper und können dann entfernt werden. Heute kann Jürgen K. Golf spielen - wenn auch noch nicht ganz beschwerdefrei. „Ich mache weiter meine Übungen und bin zuversichtlich, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.“ Professor Böcker mahnt dennoch zur Vorsicht: „Es kann ein Jahr dauern, bis man sicher sein kann, dass der Knochen stabil verheilt und das Hüftgelenk erhalten bleibt.“ Andernfalls müsste Jürgen K. doch noch eine Prothese bekommen. Mit jedem Monat nimmt dieses Risiko jedoch weiter ab.
Nicole Schaenzler


Kurz notiert

Oberschenkelhalsbruch

▸ Der Bruch des Oberschenkelhalses ist die häufigste Fraktur am Bein.
▸ Allein 2019 wurden in Deutschland 688.403 Schenkelhalsfrakturen registriert.
▸ Eine Schenkelhalsfraktur ist für ältere Menschen ein lebensbedrohliches Ereignis, das Risiko für Spätfolgen ist hoch.
▸Tatsächlich erreichen nur 40 bis 60 Prozent der Patientinnen und Patienten im höheren Lebensalter nach einem Oberschenkelhalsbruch wieder das Niveau an Mobilität, das sie vorher hatten.
▸ Frauen sind besonders oft von einem Oberschenkelhalsbruch - und anderen Frakturen - betroffen; ein Grund ist, dass sie sehr viel häufiger an einer Osteoporose leiden als Männer.
schae

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