Unsere Augen sind das Tor zur Welt. Rund 80 Prozent aller Informationen aus der Umwelt, die dann im Gehirn verarbeitet werden, liefert uns der Sehsinn. Je älter wir werden, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit für das Nachlassen der Sehkraft. Sehverlust, also die teilweise oder komplette Einschränkung des Sehvermögens, bedeutet für die Betroffenen eine massive Gefährdung ihrer Eigenständigkeit.
„Wenn da nicht gegengesteuert wird, droht diesen Menschen neben Folgeerkrankungen das soziale und gesellschaftliche Aus“, sagt Christiane Möller, stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e.V. (DBSV). Für den Erhalt von Selbstbestimmung und Teilhabe seien regelhafte, flächendeckende Rehabilitationsprogramme für Menschen mit Sehverlust notwendig. Auf dem Weg dorthin gehe es voran.
Das ist eine gute Nachricht, denn der Bedarf für geregelte Hilfe bei Sehverlust ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund des demografischen Wandels evident. Zu Volkskrankheiten mit steigenden Betroffenenzahlen haben sich hierzulande drei Augenerkrankungen entwickelt, die zu den häufigsten Ursachen für eine Sehbehinderung oder Erblindung zählen. Die Altersabhängige Makula-Degeneration (AMD), das auch grüner Star genannte Glaukom und die diabetische Retinopathie, eine Folgeerkrankung des Diabetes, führen in ihren unterschiedlichen Stadien zu verschiedenen Beeinträchtigungen, heilbar sind sie nicht.

Das Risiko, diese Augenkrankheiten zu bekommen, steigt mit dem Alter, aber in Deutschland werden sehbehinderte und blinde Menschen zahlenmäßig nicht erfasst, obwohl der DBSV „seit vielen Jahren empirisch erhobenes Zahlenmaterial zur Situation der blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland“ fordert.
Es liegt auf der Hand, wie folgenschwer eine Einschränkung des Sehvermögens die betroffenen Menschen in ihrem Alltag beeinträchtigt. Forschungen, Studien und Projekte, etwa von Professorin Sabine Lauber-Pohle an der Philipps-Universität Marburg oder das vom DBSV 2023 gestartete Projekt „Partizipation älterer Menschen mit Behinderungen stärken“ dokumentieren die Situation der Betroffenen. Von den Alltagskompetenzen bis zur politischen Teilhabe spannt sich ein weitgefächerter Bogen der Fertigkeiten, die neu erlernt werden müssen, um mit den Herausforderungen umzugehen und mitten im Leben zu bleiben.
Zukunftsmusik?
Im Vorfeld der vom DBSV und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) veranstalteten 4. Fachtagung “Sehen im Alter“ im Juni vergangenen Jahres wurde die Notwendigkeit betont, spezielle Rehabilitationsprogramme für ältere Menschen mit Sehverlust zu etablieren. „Wir setzen uns schon ziemlich lange dafür ein, dass einem Sehverlust regelhaft eine Rehabilitationsmaẞnahme folgt“, erklärt Christiane Möller. Grundsätzlich bestehe darauf ein Rechtsanspruch, so die Justiziarin des DBSV„allein, es fehlt an den Angeboten. Gemeinsam mit anderen engagieren wir uns, diese zu schaffen, aber dafür sind dicke Bretter zu bohren.“ Aktuell würden fast ausschließlich Menschen, die noch im Erwerbsleben stehen, ein entsprechendes stationäres augenmedizinisches Reha-Angebot wahrnehmen können.
Wer Beratung zur Hilfsmittelversorgung oder Schulungen in Orientierung und Mobilität sucht, wird bei „Blickpunkt Auge - Rat und Hilfe bei Sehverlust“ fündig. „Blickpunkt Auge“ ist ein qualitätsgesichertes Angebot des DBSV und seiner Landesorganisationen. Vielen Betroffenen sind diese und weitere Angebote von Selbsthilfeorganisationen und anderen Einrichtungen vermutlich gar nicht bekannt. Hinzukomme, dass die Leistungen einzeln beantragt werden müssten und oft abgelehnt würden, erklärt Christiane Möller. Die Finanzierung der für den Alltag unverzichtbaren Schulungen in lebenspraktischen Fähigkeiten liege im Ermessen der Krankenkassen, sei also nicht gesichert.
Außerdem sehen auch wir uns mit einem Fachkräfteproblem konfrontiert, uns fehlen die Reha-Fachkräfte zum Vermitteln dieser Inhalte“, sagt sie. Diese Ausbildung auf neue Füße zu stellen und mehr Bewerbern den Zugang zu ermöglichen, sei schon länger geplant. „Alle Beteiligten streben gemeinsam an, zusätzlich zur kostenpflichtigen Weiterbildung zur Reha-Fachkraft ein spezialisiertes Bachelorstudium zu schaffen“, so die 44-Jährige.
Eine Weiterentwicklung sieht sie auch im Bereich der Augenmedizin. Zwar fehle es dort noch an „flächendeckendem Bewusstsein und Kenntnissen für die Möglichkeiten medizinischer Reha nach Sehverlust, aber das Engagement einiger Augenmediziner, Rehabilitation auch in ihrer Fachrichtung zu etablieren, macht Mut.“ Künftig sollte vergleichbar der Therapie mit Medikamenten und Operationen - auch die Verordnung von Rehabilitation nach einem irreversiblen Sehverlust zu den selbstverständlichen Interventionen eines Augenarztes gehören.
Zur Unterstützung stünde die Idee eines entsprechenden Lotsensystems im Raum, so Möller. Wie bei Reha-Maßnahmen üblich, würden die Menschen im Rahmen einer ophthalmologischen Rehabilitation strukturiert und angepasst an die individuelle Situation lernen, ihr Leben unter den neuen Voraussetzungen so eigenständig wie nur möglich zu bewältigen.
Dazu gehörten neben den Schulungen in lebenspraktischen Fähigkeiten sowie Orientierung und Mobilität auch der sichere Gang. Bei Seheinschränkungen komme es häufig zu Problemen mit dem Gleichgewicht, Betroffene müssten lernen, wie sie sich mit eingeschränkter visueller Wahrnehmung sicher bewegen und Stürze vermeiden könnten, so Möller. Auch Sehhilfen-Anpassungen, Schulungen zur Nutzung eines gegebenenfalls vorhandenen Restsehvermögens und das Training für eine bewusstere Nutzung der verbleibenden Sinne seien notwendig. Zu den Maßnahmen gehörten aber auch psychologische Unterstützung, Physiotherapie, Entspannungsmethoden sowie Aufklärung über die richtige Ernährung und den Einfluss von Tabak und Alkohol. Nicht zuletzt ginge es auch darum, die Potenziale der Selbsthilfe in die Rehabilitation einzubinden. „Das Ziel muss sein, Selbstständigkeit und Teilhabe zu erhalten, sonst bekommen wir den demografischen Wandel nicht hin.“
Ina Berwanger