Anzeige

Präsentiert von

Anzeigensonderveröffentlichung

Stefan Friedlein im Interview: Respekt statt Vorurteil

Offene Einblicke in Suchtbewältigung, gesellschaftliche Zuschreibungen und mutige Porträts der Initiative „Respect vs Stigma - Superhelden“

Stefan Friedlein im Interview: Respekt statt Vorurteil

Die ungewöhnliche Ausstellung zeigt Lebenswege, die unter die Haut gehen und nachdenklich stimmen. Foto: Stephanie Greskötter/oh

Eine Grafinger Fotoausstellung zeigt Menschen, die ihre Suchterkrankung überwunden haben und damit anderen Mut machen. Die Idee dazu hatte Stefan Friedlein. Der Leiter einer Selbsthilfegruppe will den Blick auf das brisante gesellschaftliche Thema verändern

Ihre Geschichten gehen unter die Haut: Noch bis Jahresende gewähren Menschen mit überwundener Suchterkrankung in der Ausstellung „Respect vs Stigma Superhelden“ im Grafinger Caritas-Zentrum berührende Einblicke in ihr Leben in Wort und Bild. So rücken sie gesellschaftliche Zerrbilder von Abhängigkeitserkrankten zurecht, bauen Vorurteile ab und klären über das Tabuthema Sucht und deren Begleiterkrankungen wie etwa Depressionen auf. „Wir sind mitten in der Gesellschaft“, so Stefan Friedlein. Der 62-Jährige aus Poing hatte die Idee zur Ausstellung und ist auch Gründer der gleichnamigen Initiative sowie der Selbsthilfegruppe Saxum in Salo (SIS).

Unternehmen aus der Region

Herr Friedlein, wie kommt die ungewöhnlich offene Ausstellung an?

Stefan Friedlein hatte die Idee zur Ausstellung „Respect vs Stigma - Superhelden“ und ist Gründer der gleichnamigen Initiative und der Selbsthilfegruppe Saxum in Salo. Foto: Friedlein
Stefan Friedlein hatte die Idee zur Ausstellung „Respect vs Stigma - Superhelden“ und ist Gründer der gleichnamigen Initiative und der Selbsthilfegruppe Saxum in Salo. Foto: Friedlein

Stefan Friedlein: Erfreulich gut. Wir haben eine Feedbackbox, die beim Betrachten der Ausstellungsstationen eine spontane Reaktion per QR-Code ermöglicht. Die Bildsprache der aussagekräftigen Porträts unserer Heldinnen und Helden erreicht auch die Mitarbeitenden von Fachstellen. Sie wollen die Ausstellung ebenfalls zeigen, weil wir Bilder von Erkrankung, Abstinenz und Therapien entstauben und so die Menschen unmittelbar erreichen. Dass die Bilder auch mit einem Augenzwinkern daherkommen, steht dafür, dass wir den Humor im Umgang mit unserer Sucht als Stärke erkennen. Zudem öffnen wir mit einem lächelnden Gesicht die Arme für Betroffene.

Wie reagieren Betroffene auf Ihre offenen Arme?

Extrem motiviert. Wir bekommen viele Anfragen sowohl zur Selbsthilfegruppe als auch zur Initiative mit den Fotos, die wir ja fortführen. Einfach mal aus dem Alltag hinauszukommen, sich strahlend zu zeigen, spricht die Menschen an, auch die, die noch auf ihrer Reise sind.

Braucht das Bekenntnis zur Suchterkrankung Mut?

Dass sich die Frage so noch stellt, finde ich ebenso außerordentlich schade, wie sich überhaupt zu einem Krankheitsbild bekennen zu müssen. Solange es noch so ist, muss Entstigmatisierung stattfinden.

Wie kann sie im Alltag gelingen?

Unsere Bilder laden auch dazu ein, die eigene Haltung zu überdenken und Sichtweisen zu verändern. Dazu gehört, genauer hinzuschauen und Schieflagen anzusprechen. Auch wenn es unangenehm werden kann. Jeder muss sich fragen: Wofür stehe ich eigentlich? Auf diese Weise verändern wir nicht nur den Blick auf das Thema Sucht, sondern auch in Bezug auf die Vorstellungen von Therapie und die Arbeit von Selbsthilfegruppen.

EX-RAUCHERN WIRD MIT RESPEKT BEGEGNET, NICHT ABER ABSTINENTEN ALKOHOLIKERN“

Wie haben Sie Ausgrenzung erlebt?

Ein typisches, weil alltägliches Beispiel von Ausgrenzung ist die Frage nach den Gründen für den Alkoholverzicht. Als ich zu meiner Angestelltenzeit mit Kollegen beim Abendessen war und als Einziger keinen Alkohol getrunken habe, wurde ich gefragt, ob ich ein Problem mit Alkohol habe oder ob ich ihn nicht mag. Ich habe geantwortet: „Mit beidem. Je länger ich verzichte, desto sportlicher bin ich und desto besser sehe ich aus.“ Ich bin aus eigener Erfahrung Suchtexperte und konfrontiere ganz gerne, lege den Finger in die Wunden oder provoziere bei Debatten.

Sie sagen, Ex-Rauchern werde mit Respekt begegnet, nicht aber abstinenten Alkoholikern. Warum ist das so?

Weil das Stigma, das sich auf Suchterkrankte mit Nikotin legt, längst nicht so groß ist wie das bei jenen mit Alkohol oder anderen Drogen. Alkoholkonsum kann, im Gegensatz zu Nikotinkonsum, zu stark verändertem Verhalten führen. Die Sucht wird negativ sichtbar. Raucher sind die netten Leute, die anderen bringt man mit bedrohlichen Bildern in Zusammenhang. Dabei ist allen gemein, dass sie ihre Sucht nicht in den Griff bekommen. Aber: Kaum jemand weiß, dass das reine Suchtpotenzial von Nikotin mit Heroin vergleichbar ist.

Wie kann sich der gesellschaftliche Blick auf Abhängigkeitserkrankungen verändern?

Alkohol ist eine Droge. Unsere Sprachkultur muss die Dinge so benennen, wie sie sind. Deswegen ist Aufklärung so wichtig. Sie sollte möglichst früh beginnen, ehrlich und transparent. Die Notwendigkeit dafür hat nicht nur mit dem immer früheren Kontakt von Jugendlichen mit Drogen zu tun. Sondern auch mit der Vorbildfunktion Erwachsener. Neulich sagte ein Jugendlicher in meinem Workshop, dass sein Vater jeden Abend Bier trinken würde und dies doch nicht täte, wenn Alkohol gefährlich wäre.

Was planen Sie noch?

Ab 20. November ist die Ausstellung auch im Alten Speicher in Ebersberg zu sehen. 2026 folgen Dorfen, Markt Schwaben und Erding. In Planung sind München, Stuttgart und Berlin. Dabei planen wir immer mit zusätzlich neuen Menschen, Bildern und Geschichten aus der jeweiligen Region, weil die Krankheit überall zuhause ist. Noch ganz früh in der Planung sind kleinere Theateraufführungen mit einer großen Prise schwarzem Humor.

Sind Sie optimistisch, dass Blicke über den Tellerrand zu einem toleranteren Miteinander führen?

Ich denke, dass es eher schwieriger wird. Die Werteverschiebung ist eine große Herausforderung. Es ist der globalen politischen Situation geschuldet, dass Menschen wieder mehr auf ihr Innerstes schauen. Das verstehe ich auch. In schwierigen Zeiten ist es aber auch eher möglich, Zusammenschlüsse zu bilden.
Das Gespräch führte Ina Berwanger


Das könnte Sie auch interessieren