Grafing liegt mitten im Landkreis Ebersberg - und viele sagen: Es ist eines der schönsten Städtchen der Region. Die historische Altstadt mit ihrem barocken Rathaus, dem einzigen seiner Art im gesamten Landkreis, ist sehenswert. Schon die Gründungssage liest sich wie eine romantische Liebesgeschichte: Vor tausend Jahren soll der Herzog Heinrich der Zänker seiner Frau Gisela ein Lustschloss erbaut haben, weil ihr die Landschaft hier so gut gefiel. Rund um dieses Schloss entwickelte sich dann der Ort. Im Mittelalter war die Ansiedlung eine wichtige Versorgungsstation für Pilger, die auf der Sebastianiwallfahrt zum Benediktinerkloster Ebersberg zogen. Brauereien, Wirtshäuser und Handwerksbetriebe sorgten dafür, dass niemand hungrig oder durstig blieb. Sie prägten das Stadtbild über Jahrhunderte.
Seit Kurzem gibt es in Grafing ein neues Konzept für Stadtrundgänge. Nachdem die offizielle Führung aus Kostengründen eingestellt wurde, sind engagierte Bürgerinnen und Bürger eingesprungen. Für zehn Euro können Besucher an unterschiedlichen Führungen teilnehmen: vom historischen Stadtrundgang und der sozialhistorischen Erkundung des Dobel-Walds bis hin zu Themen wie „Starke Frauen in Grafing“ oder regionalwirtschaftlichen Führungen zur Braukultur oder Genusstouren mit Verkostung in Weinstuben, Bäckereien oder der Kaffeerösterei Martermühle.
Eine Zeitreise durch die Griesstraße

Eine beliebte Tour ist die „Historische Handwerkerführung“. Los geht's hinter dem Rathaus an der Bronzesäule, auf der viele einschneidende Ereignisse aus der Stadtgeschichte verzeichnet sind, wie der Schwedeneinfall 1632 oder die große Feuersbrunst von 1766. An einem schönen Herbstsamstag hat sich hier eine Gruppe von Teilnehmern versammelt, alle hören Franz Oswald gespannt zu. Der alteingesessene Grafinger nimmt sie in den nächsten zwei Stunden mit auf eine Zeitreise durch die Griesstraße. Hier, wo heute Cafés und kleine Geschäfte liegen, reihten sich einst die Werkstätten wie Perlen an einer Schnur: Bäcker, Metzger, Sattler, Seiler, Bader, Schmied, Schneider. Auch Handwerker, die man heute nicht mehr kennt: Hutterer (Hutmacher) oder Riemer (stellten Riemen her). Alle waren wichtig zur Versorgung der Bevölkerung.
„Schmutzige Berufe“ und verbotene Liebe
Es ist kein Zufall, dass sich das Handwerk gerade hier konzentrierte. Durch die Griesstraße fließt die Urtel, ein Bach, der den Betrieben das notwendige Wasser lieferte. Oben am Bach arbeiteten die „sauberen“ Zünfte wie Bäcker und Metzger, wo das Wasser noch klar war. Weiter unten die „schmutzigen“ Berufe wie Gerber und Färber. Ihre Werkstätten lagen stets an einem Gewässer, da dies wichtig war zum Spülen der Häute und Stoffe. Während die Rotgerber festes Leder für Sättel und Schuhe fertigten, stellten die feineren Weißgerber weiches Leder für Handschuhe und Kleidung her. Beide Handwerksberufe waren mühsam, aber hoch angesehen. Sie sorgten dafür, dass Grafing im regionalen Handel eine wichtige Rolle spielte. Zwar existieren die meisten Betriebe heute nicht mehr, doch ihre Spuren sind noch sichtbar, in Hauszeichen, Inschriften oder den typischen Werkstatteingängen im Erdgeschoss.
Wie man heute so viel über das damalige Leben weiẞ? „Aus den alten Gerichtsakten!“, sagt Franz Oswald lachend. Dort wurden Streitfälle und Vergehen festgehalten. Etwa, wenn ein Bäcker zu leichtes Brot verkaufte oder ein Metzger seine Waage zugunsten der eigenen Kasse justierte. Auch persönliche Geschichten tauchen darin auf: Nachbarschaftsstreitigkeiten, die in handfesten Auseinandersetzungen endeten, verbotene Liebschaften zwischen Handwerkerwitwen und Gesellen oder Vaterschaftsklagen, wenn eine Handwerkstochter in anderen Umständen war oder „imprägniert“ wurde, wie es umschreibend hieß. Auch rund um die Eglmühle, heute im Besitz des Energieunternehmers Rothmoser, brodelte das Leben. „Halb Mühle, halb Vergnügungsviertel“, wie Oswald verschmitzt erzählt. Die Mühle war Umschlagplatz für Getreide- und Treffpunkt für Bauern, Müller und Handwerker gleichermaßen. Mancher Handwerkerarbeitstag endete mit einem geselligen Umtrunk - oder einer Liebelei. Es sind solche Anekdoten, die Stadtführungen lebendig machen. Wenn Franz Oswald mit seinen Gästen an einem Samstagnachmittag durch die Griesstraße spaziert, entsteht so ein anschauliches Bild davon, wie eng Handwerk, Alltag und Zusammenleben früher miteinander verwoben waren.
Susanne Hauck