Im Inventarverzeichnis des Deutschen Museums in München ist er unter der Nummer 2235 registriert. Hinter der profanen Zahl aber verbirgt sich nicht mehr und nicht weniger als ein „stummer Zeitzeuge der ersten Schritte zum Menschenflug“: der Normal-Segelapparat von Otto Lilienthal mit 6,70 Metern Spannweite, 2,60 Meter Spanntiefe und zirka 20 Kilogramm Gewicht, der zurzeit im Restaurierungsatelier der Flugwerft des Deutschen Museums in Oberschleißheim wie auf einem OP-Tisch ausgebreitet liegt. Vor dem Start des aufwendigen Projekts lagerte er im Depot der Flugwerft Schleißheim. Denn den Gleiter zu erhalten, ist das Ziel der „Operation Lilienthal“, so heißt es in der Beschreibung des Deutschen Museums. Um das Projekt erfolgreich abzuschließen, ist eine enge Zusammenarbeit verschiedener Abteilungen im Deutschen Museum notwendig: der Werkstätten, der Kuratoren, der Konservierungswissenschaft und vieler Spezialteams mehr.
Charlotte Holzer (36) ist eine der Spezialistinnen, die an der „Operation Lilienthal“ beteiligt sind. Die Restauratorin für Textilien ist zuständig für den Erhalt des Bezugsstoffes der Tragflächen, der ursprünglich beim Originalgleiter aus gestärkter Baumwolle bestand. Charlotte Holzer ist aber nicht allein: Zum Lilienthal-Team gehören ferner Patrick Goldbach, Mathias Winkler, Kurator Andreas Hempfer und Karin Wolter. In Vorbereitung auf die diffizilen Restaurierungsarbeiten, so das Deutsche Museum, werden Fragen zur Geschichte des Gleiters während der Flugversuche Lilienthals 1893/94 und im Museum untersucht. Charlotte Holzer: „Dazu analysieren wir die Hölzer, Drähte, Nägel, Schrauben, Stoffe und Schnüre zunächst mit dem Mikroskop, im UV-Licht und mit einem tragbaren Röntgenfluoreszenzgerät. Winzige Proben von ausgewählten Materialien können dann detailliert im Labor identifiziert werden.“ So kann man sehen, welche Veränderungen und Schäden am Originalmodell im Flugbetrieb oder später entstanden sind. Eine besondere Bedeutung komme dabei auch der Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern aus der Wirtschaft und mit anderen Lilienthal-Forschern zu. Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit werden ab etwa 2028 in der neuen Dauerausstellung „Historische Luftfahrt“ auf der Museumsinsel in München präsentiert und so ihren Höhepunkt finden.
Noch aber ist es nicht so weit. Die Restaurierungsarbeiten am Lilienthal-Gleiter in der Flugwerft Oberschleißheim haben bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie begonnen. Es wurden Methoden für die Reinigung und Stabilisierung der empfindlichen Materialien entwickelt. Mittlerweile ist die Holzrestaurierung abgeschlossen, die Metall- und Textilrestaurierung weiter in Arbeit. 2025, so Charlotte Holzer, „werden wir fertig ein“. Dann wird Otto Lilienthals Fluggerät in der Zweigstelle des Deutschen Museums erstmals seit 80 Jahren wieder ausgestellt. Bei Atelierführungen an jedem letzten Dienstag im Monat hat die Öffentlichkeit bereits jetzt die Möglichkeit zu einem Blick hinter die Kulissen. Zur Ausstellung und auch für Transporte konstruiert Charlotte Holzer eine formangepasste Auflage für den stark beschädigten Gleiter. Eine große Hilfe ist dabei die Digitalisierungsabteilung des Deutschen Museums. Claus Henkensiefken fertigte 3D-Scans von allen Puzzleteilen des Lilienthal-Gleiters an. Am PC kann Charlotte Holzer die Teile zerstörungsfrei zusammensetzen und so lange tüfteln, bis die Auflagefläche passt. „Wenn ich dann zufrieden bin, bauen wir in der Flugzeugwerkstatt die Fläche und ein leichtes, bewegliches Untergestell.“ Wie sehr Charlotte Holzer und ihre Kollegen/innen von ihrem Projekt angetan und fasziniert sind, lässt sich an einem Satz erkennen: „Wir fühlen uns mittlerweile alle schon als Lilienthaler.“
Rudi Kanamüller
Gleitflieger
Otto Lilienthals Grundlagen der Luftfahrt
Nach dem Studium des Vogelflugs seit den 1860er-Jahren gelangen Otto Lilienthal (1848-1896) von 1891 an erstmals erfolgreiche Gleitflüge. Der Grundstein für die wissenschaftliche Erforschung und Entwicklung der Flugtechnik wurde gelegt. Ausschlaggebend war seine Erkenntnis von der Wölbung eines Flügelprofils. Otto Lilienthal: „Wenn du das Fliegen einmal erlebt hast, wirst du für immer auf Erden wandeln, mit deinen Augen himmelwärts gerichtet. Denn dort bist du gewesen, und dort wird es dich immer wieder hinziehen.“ Auf diesen und weiteren Ergebnissen bauten die Brüder Wright in den USA ihren motorgetriebenen Flyer, mit dem ihnen 1903 ihr erster Flug gelang. Bereits 1908 erregten die Gebrüder Wright auf Demonstrationsflügen in Europa internationales Aufsehen. Otto Lilienthal starb am 10. August 1896 an den Folgen eines Flugunfalls. rk