Im Jahr 1894 erwarb der Verein für Arbeiterkolonien in Bayern ein Sägewerk mit Mühle, Ziegelei und Bauernhöfen. Nach dem Motiv „Arbeit statt Almosen“ boten solche Einrichtungen arbeitslosen Männern Unterkunft und Beschäftigung. Seit 1946 ist der Ort Teil des heutigen Sozialunternehmens Diakonie München und Oberbayern. Über Herzogsägmühle sprechen wir mit Hans Rock, 58, Unternehmensvorstand für Finanzen und mit dem Sozialpädagogen Markus Sinn, 57, Geschäftsleiter Arbeitswelt.
Wie würden Sie das Diakoniedorf Herzogsägmühle erklären?
Rock: Es ist ein besonderer Ort: zugleich Wohnort und eine Einrichtung, in der Menschen Unterstützung finden. Im Diakoniedorf gibt es Einrichtungen aus den Bereichen Pflege, Erziehung und Qualifizierung. Doch außerhalb der Beschäftigungszeiten von 8 bis 17 Uhr entfaltet der Ort ein eigenes Leben. Was am Feierabend oder Wochenende passiert, welche Feste gefeiert oder Projekte angegangen werden – das entscheiden die Bewohner selbst gemeinsam mit ihrem gewählten Dorfrat.
Wer lebt hier?
Sinn: Aktuell etwa 1000 Menschen. Etwa ein Viertel davon sind unabhängige Bewohner, die nicht bei der Diakonie arbeiten und einfach das soziale Miteinanderschätzen. Die anderen brauchen ein unterschiedliches Maß an Unterstützung: Jugendliche, alte Menschen, Menschen mit psychischer Erkrankung, mit Fluchthintergrund, mit geistiger Behinderung oder Menschen, die zuvor ohne festen Wohnsitz waren.
Rock: Einige von ihnen wohnen hier auf Zeit. Andere dagegen ihr Leben lang, etwa weil sie aufgrund einer Behinderung nicht mehr in ihren Familien versorgt werden können oder als Erwachsene selbstbestimmter leben möchten.


Welche Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten haben diese Menschen hier?
Rock: Junge Menschen können im geschützten Rahmen und mit therapeutischer Begleitung eine schulische oder berufliche Qualifizierung machen. Sinn: Wer arbeiten kann und möchte, für den finden wir etwas Passendes. Das ist eine große Bandbreite: Manche übernehmen ganz einfache Tätigkeiten. Wir bilden aber auch aus in der Feinmechanik, da muss man eine CNC-Maschine programmieren können.
Welches Ziel verfolgen diese Angebote?
Sinn: Menschen sollen nicht nur versorgt werden. Es geht darum, dass sie ihre individuellen Fähigkeiten einbringen können, um Tagesstrukturen und das Erleben von Wirksamkeit. Rock: Unsere Arbeitsangebote haben aber nur so lange eine Berechtigung, wie es die Nachfrage gibt. Jüngstes Beispiel ist die Bäckerei – es wollte einfach niemand mehr das Bäckerhandwerk lernen. Unsere Betriebe sind dazu da, Menschen eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz anzubieten, die das in einem herkömmlichen Betrieb nicht schaffen würden, weil sie zusätzliche Unterstützung dabei brauchen.
Muss man sich das Dorf denn als eine Art Bubble vorstellen?
Sinn: Nein. Wir haben ein aktives Vereinsleben mit Dorfentwicklungs-, Fischerei- und Sportverein, unsere Fußballer spielen in der Liga mit. Wir haben Events und Kulturveranstaltungen, unseren Mühlenmarkt. Das Café und Wirtshaus sind über das Dorf hinaus beliebt. Rock: Historisch gesehen war das schon so. Man muss sich mal vorstellen, da kam im 19. Jahrhundert so ein evangelischer Pfarrer in den katholischen Pfaffenwinkel, um Obdachlose anzusiedeln! Da gab es lange eine imaginäre Mauer von außen. Das war nicht nur anfangs stigmatisierend. Heute ist das viel durchlässiger. Unser Ziel ist es, einen attraktiven Ort zu schaffen, an dem auch Menschen leben wollen, die weder hier arbeiten noch Unterstützung brauchen.
Gelingt Ihnen das?



Rock: Ja. Das Bild hat sich gewandelt, wir fühlen uns gut angenommen und unterstützt von gesellschaftlicher und politischer Seite. Viele ringsum haben nun Innenansichten, denn die Diakonie München und Oberbayern ist zweitgrößter Arbeitgeber im Landkreis Weilheim Schongau. Vor knapp zehn Jahren haben wir hier ein Baugebiet ausgewiesen für den freien Markt. Derzeit errichtet eine Stiftung 30 Mietwohnungen, die allen offenstehen.
Herr Sinn, Sie haben selbst hier gelebt, wie war das?
15 Jahre lang. Und ich hab's geliebt. Wir hatten eine tolle Wohnung mit Garten, alles war fahrradnah. Ich bin 1999 aus Berlin über eine Stellenausschreibung in der Zeitung hierhergekommen. Als wir hier reingefahren sind, da wusste ich: Das ist es, hier gehen wir hin. Dieser besondere Geist ist für mich bis heute nicht verloren gegangen. Auch nach 26 Jahren freue ich mich immer noch hier zu sein, über diese Zusammenarbeit, das Zusammenleben.
Was möchten Sie unseren Lesern abschlie Bend ans Herz legen?
Sinn: Ich möchte das Dorf nicht als Paradies darstellen. Hier gibt es Menschen in sehr schweren Situationen. Aber trotzdem würde ich mir wünschen, dass es in der Gesellschaft so ein Miteinander gäbe, wie ich es hier erlebe. Dass alle ihren Platz haben, ihr recht haben da zu sein, und zwar genauso, wie sie sind.
Rock: In Ihrer Beilage geht es ja um Entdeckungen. Der eindrucksvollste Ort für mich persönlich ist unser Friedhof, wo ein uralter Baumbestand sein Blätterdach schützend über dieser Ruhestätte entfaltet. Hier oben öffnet sich ein Panorama mit dem Hohen Peißenberg und den Ammergauer und Allgäuer Alpen. Ein Ort, an dem man zur Ruhe kommt. Das Gespräch führte Margrit Amelunxen